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Tierische Ausbildung

Berufe mit Tieren - Tierarzt oder Tierpfleger

Wer in Berufen mit Tieren arbeiten will, muss nervenstark sein. Vier- und Achtbeiner haben ihre ganz normalen Macken und sind längst nicht alle so süß wie Eisbär Knut. Eine besondere Herausforderung für Tierpfleger, Tierarzt und Tierpsychologen sind häufig auch die Besitzer.

Fast dreißig Grad im Schatten, die Sonne brennt – kein Wunder, dass Patrick Koch im Elefantengehege des Duisburger Zoos jetzt ins Schwitzen kommt. Einen stinkenden Kothaufen nach dem anderen schaufelt der angehende Tierpfleger in die Schubkarre. Das gehört in Berufen mit Tieren einfach dazu. Und wenn die eine Schubkarre voll ist, kommt die nächste. "Anstrengend ist das schon, aber besser als irgendwelche Flamingoköttel aufzusammeln", sagt der 26-Jährige und lacht.

Mit seinen zwei Kollegen dreht Patrick gerade die "Scheißerunde", wie alle hier einfach sagen. Die Elefantendamen Daisy, Etosha und Saiwa trotten derweil durch ihr Gehege und stopfen sich mit dem Rüssel grüne Zweige ins Maul, die Patrick und die Tierpfleger vorher auf dem Gelände verteilt haben. "Meine Arbeit besteht eigentlich zu 80 Prozent aus Saubermachen und Aufräumen", sagt Patrick, der schon während seiner Schulzeit das erste Praktikum im Zoo gemacht hat, und seitdem Tierpfleger werden will.

Damit ist er nicht allein: Berufe mit Tieren sind sehr beliebt, etwa 3.000 Anfragen für Praktika und Ausbildungsplätze verzeichnet allein der Duisburger Zoo jedes Jahr. Doch der stellt nur zwei Lehrlinge und etwa 100 Praktikanten ein. Auch jede Menge Abiturienten bewerben sich, die später Tiermedizin studieren wollen oder BWL, um einmal Karriere als Zoodirektor zu machen.

 

Tierliebe allein reicht nicht

 

Die Ausbildung zum Pfleger im Zoo ist nur einer von zahlreichen Wegen zum äußerst gefragten Traumberuf mit Tieren. Andere Absolventen beginnen gleich ein Tierarztstudium (Veterinärmedizin), spezialisieren sich als Blutegeltherapeut, machen eine Lehre als Aquarienwärter oder studieren Pferdemanagement. Doch vernarrt in Tiere zu sein, reicht nicht aus, um in Ausbildung und Beruf Erfolg zu haben. Das ist bei Tierärzten nicht anders als bei Pflegern.

"Die Studenten müssen Ideen haben für die Forschung und bedenken, dass sie letztlich viel für die Gesundheit der Menschen arbeiten", sagt Andrea Tipold, Vizepräsidentin an der Tierärztlichen Hochschule Hannover (TiHo). "Tierliebe allein genügt bei weitem nicht für den Beruf als Tierarzt."

Am Anfang des Studiums träumen noch fast alle Studenten von einer Karriere in der Kleintierpraxis, hat die Professorin beobachtet. Erst nach ein paar Semestern erkennen viele die ganze Bandbreite des Berufsfeldes. So sind später nur etwa 60 Prozent der Veterinärmediziner mit dem Heilen von Tieren beschäftigt. Der Rest arbeitet beispielsweise in der Lebensmittelhygiene, forscht an Universitäten oder für Unternehmen in der freien Wirtschaft.

"Sehr viele Bewerber kommen mit völlig falschen Vorstellungen zu uns", sagt auch Ausbilder und Tierpflegemeister Frank Chomik, in dessen Büro im Duisburger Zoo sich die ungelesenen Bewerbungen stapeln. Eine Kandidatin schrieb in ihre Bewerbung, sie wolle mal mit einer Giraffe schmusen. "Nicht alle Tiere wollen gestreichelt werden", sagt Chomik, "bei vielen könnte der Annäherungsversuch sogar tödlich enden". Der Beruf des Tierpflegers sei einer der gefährlichsten überhaupt. "Man hat nicht nur mit süßen Vierbeinern zu tun, die einen mit zwei Knopfaugen ansehen. Oft sind es Achtbeiner mit neun Knopfaugen." Ein starkes Nervenkostüm ist daher für den Umgang mit Tieren unentbehrlich.

 

Nutztiere müssen Geld bringen

 

Wer indes außerdem akzeptiert, dass Tiere nicht nur gefüttert, sondern auch verfüttert und mit ihnen oft wie mit einem reinen Wirtschaftsgut umgegangen wird, findet sich in der Welt der Berufe mit Tieren leichter zurecht. Viele davon, wie etwa der Pferdewirt, sind im Umfeld der Landwirtschaft zu finden.

Auch Ilka Schumacher und ihre Kommilitonen von der Tierärztlichen Hochschule Hannover (TiHo) hatten so manches Erlebnis, das ihnen Illusionen geraubt hat. Beim Praktikum in der Rinderklinik erklärten Ilka und die Ärzte einer Tierhalterin, wie sie den Euter ihrer Kuh behandeln könnten. Ganze zehn Tage hätte das gedauert, doch der Halterin war das zu lange und damit zu teuer. Die Kuh wurde getötet. "Frustrierend", nennt Ilka das Erlebnis. "Nutztiere sind eben eine Geldquelle und werden entsprechend behandelt."

Jetzt ist Ilka im zehnten Semester und macht in ihrem Praxisjahr Station in der Tierarztpraxis des Duisburger Zoos. Etwas erschöpft wirkt die 24-jährige, als sie aus dem Tier-OP kommt. Einen Koalabär mussten sie und die zwei Tierärzte von einer schmerzhaften Warze am Hintern befreien. Für Ilka eine neue Erfahrung. "Alle Tiere unterscheiden sich total voneinander", sagt sie. Während Humanmedizin-Studenten "nur" Form und Aufbau des Menschen büffeln, stehen angehende Tierärzte und Tierpfleger immer wieder vor ziemlich unbekannten Körpern. "Im Studium lernen wir fast zwei Jahre lang vor allem die Anatomie der wichtigsten Tiere, mit denen Geld verdient wird", sagt Ilka. Das sind vor allem Rinder und Schweine, aber auch Hunde und Katzen.

Die Spezialisierung kommt nebenbei und später. Ilka will in Zukunft am liebsten mit Fischen und Reptilien arbeiten, macht deshalb noch ein Praktikum an einem Institut für Fischkrankheiten. "Es ist faszinierend, an die Tiere nah heranzukommen, die man sonst nur vom Anschauen durch eine Glasscheibe kennt." Auch Privatleute mit Zierfischen im heimischen Aquarium könnten einmal ihre Kunden sein, hofft Ilka.

 

Hohe Anforderungen sind in Berufen mit Tieren gängig

 

Unter anderem wegen der vielfältigen Berufsmöglichkeiten ist ihr Studiengang weiterhin beliebt, vor allem bei jungen Frauen, die 85 Prozent der Studenten stellen. Der Anteil männlicher Studenten stieg in den letzten Jahren immerhin von 10 auf 15 Prozent. An der TiHo in Hannover kommen auf einen Studienplatz zunächst sieben bis acht Bewerber. Wer nicht über die Servicestelle hochschulstart.de und die gute Abi-Note (je nach Bundesland bis zu 1,2) oder die Wartezeit von zuletzt elf Semestern einen Platz ergattert, kann dies auch über einen Motivationstest mit 200 Fragen schaffen. "Dann stellt sich meistens heraus, ob die Kandidaten wirklich geeignet sind", sagt Ausbilderin Andrea Tipold.

Wer es an eine der fünf deutschen Unis (Hannover, Berlin, Gießen, Leipzig, München) geschafft hat, muss vor allem eine hohe Lernausdauer beweisen – der Büffelfaktor ist ähnlich hoch wie bei den Humanmedizinern. Elf Semester dauert das Studium, in den ersten zwei Jahren treten die Studenten zu Vorphysikum und Physikum an, danach folgen drei Staatsexamen. Trotz der Härten brechen weniger als fünf Prozent ihr Studium ab. Tipold: "Viele warten auch jahrelang auf den Studienplatz und sind dann hoch motiviert." Es winken später Einstiegsgehälter von 3.000 bis 4.000 Euro.

Das Veterinärmedizinstudium bleibt ein Klassiker unter den Berufen mit Tieren, doch die Vielfalt wächst. Die Deutschen geben jedes Jahr Milliarden für ihre Haustiere aus, da ist es kein Wunder, dass sich viele selbstständig machen und ein wenig vom Kuchen abhaben wollen. Ob Hundeakupunktur oder Wellness-Training für Pferde – auch jenseits der klassischen Berufsbilder rund ums Tier sind der Phantasie kaum Grenzen gesetzt. Entsprechend wächst das Interesse an Ausbildungsberufen rund ums Tier.

 

Pferdeflüsterer und Pferdewissenschaftler

 

Tierpsychologie und Tierhomöopathie beispielsweise sind jedoch keine offiziell anerkannten Hochschulfächer. Stattdessen gibt es teure Lehrgänge, oft als Weiterbildung gedacht. Eine Ausbildung zum Tierhomöopathen kostet etwa bei der Schule Animalmundi in der Lüneburger Heide knapp 6.400 Euro, Fernlehrgänge zum Tierpsychologen an der Schweizer Akademie für Tierheilkunde etwa 3.000 Euro. Auch einzelne Praxisinhaber bieten kostenpflichtige Lehrgänge, von denen nicht alle halten, was sie versprechen.

Es gibt aber auch an staatlich anerkannten Hochschulen Möglichkeiten zu Spezialisierung – vor allem im Ausland. Wer sich schon frühzeitig auf die Tierart Pferd konzentrieren will, kann dies beispielsweise an der Veterinärmedizinischen Universität Wien tun. Der dortige Studiengang Pferdewissenschaften verbindet seit 2003 Veterinärmedizin, Natur-, Agrar- und Wirtschaftswissenschaft. "Die Absolventen werden für die Pferdebranche als vielseitige und leistungsfähige Führungskräfte zur Verfügung stehen", gibt sich die Hochschule überzeugt.

Ähnliches verspricht die Hogeschool Drente in den Niederlanden mit ihrem Studium Horse Business Management. "Es besteht ein großer Bedarf an gut ausgebildeten Ökonomen mit einem Händchen für die Reitwelt", begründet die Hochschule ihr Angebot. Als Turnier-Manager, in Eventagenturen oder bei Reitschulen sollen die Absolventen arbeiten und neben der Leidenschaft für Pferde ein Gespür für betriebswirtschaftliche Tätigkeit mitbringen. Wie in Wien endet die Ausbildung mit einem Bachelor, auf den die Studenten ein Master draufsatteln können.