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03.04.2013  
Logistik studieren

Die Lieferketten-Manager

Die Logistik-Branche sucht dringend Nachwuchs, aber kaum jemand weiß, worum es in der Logistik genau geht – oder was ein Studium oder eine Ausbildung in der Logistik zu bieten haben. Hier kommt die Auflösung. Daniel Schwitzer

Logistik = Lkw? Logistik bedeutet noch viel mehr.  © Alexander Taransov – fotolia.com

Logistik = Lkw? Logistik bedeutet noch viel mehr.
© Alexander Taransov – fotolia.com

Logistik – ist das nicht was mit Lkws? Diese Frage bekam Annika Neugebauer besonders häufig zu hören, als sie, das Abitur frisch in der Tasche, Freunden und Bekannten von ihrer Studienwahl berichtete. "Ehrlich gesagt, so richtig wusste ich damals auch nicht, was mich erwartet." Heute, gut drei Jahre später, jongliert sie ganz selbstverständlich mit Fachbegriffen wie Wertschöpfungskette, "just in time" oder "completely knocked down". Annika, 22, studiert im siebten Semester Logistik an der Ostfalia Hochschule in Salzgitter. Der Studiengang ist dual, das heißt: Theoriephasen an der Hochschule wechseln sich mit Praxisphasen in einem Unternehmen ab. Annika absolviert ihre Praxis bei Volkswagen in ihrer Heimatstadt Wolfsburg. Und was Logistik tatsächlich leistet, lässt sich am besten am Beispiel des Autobauers erklären.

Reibungsloser Materialfluss

Für die Produktion seiner Fahrzeuge benötigt VW die verschiedensten Materialien und Teile, die es von anderen Unternehmen hinzukauft und verarbeitet, zum Beispiel Metalle, Reifen, Lenkräder und Sitze. Aufgabe der VW-eigenen Logistik ist dabei, die Lieferprozesse so geschickt und reibungslos zu organisieren, dass immer genügend Materialien im Werk vorhanden sind, um zur gewünschten Zeit die gewünschte Menge an Autos bauen zu können. Das nennt man auch „just in time“-Produktion. Kalkulieren die Logistiker zu knapp, so versiegt der Materialfluss, die Produktion stoppt, VW kann seine Autos nicht rechtzeitig ausliefern und muss die Händler entschädigen. Werden hingegen zu große Mengen an Material geliefert, so müssen diese im Werk erst aufwendig gelagert werden, was ebenfalls viel Geld kostet.

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Logistik findet aber nicht nur in der Warenbeschaffung statt. "Sie ist eine Querschnittaufgabe, die sich durch alle wesentlichen Bereiche eines Unternehmens zieht: vom Einkauf über die Produktion bis hin zum Transport des fertigen Produkts zum Händler oder Kunden", erklärt Frank Ordemann, der den Studiengang "Logistik im Praxisverbund" an der Ostfalia Hochschule leitet. Die Transportwege - ob auf der Straße, auf der Schiene, zu Wasser oder in der Luft - übernehmen dabei heute in vielen Fällen spezielle Logistik-Dienstleister wie UPS oder Kühne + Nagel, die eng mit Herstellern wie VW zusammenarbeiten. "Die Planung kommt aber immer von uns", sagt Annika Neugebauer. Während ihrer Praxisphasen im Werk verbringt sie viel Zeit am Schreibtisch und koordiniert per PC und Telefon Lieferketten. Spannend fand sie auch ihren Einsatz in der so genannten Vorserienplanung, wo die Logistikkosten für neue VW-Modelle kalkuliert werden. Und erst kürzlich erarbeitete sie mit Kommilitonen in einer Projektarbeit Optimierungsvorschläge für die Frachtenprüfung des Autobauers, die kontrolliert, ob die Spediteure korrekt geliefert haben. "In der Logistik geht es immer um Verbesserungen. Wie schaffen wir es, unsere Prozesse noch reibungsloser und gleichzeitig noch günstiger zu gestalten?"

Erfahrungsbericht: Worum geht es in der Logistik

"Typisch für die Logistik sind so genannte 'Make or buy'-Entscheidungen, also die Frage, ob man als Unternehmen bestimmte Prozesse selbst stemmt oder lieber an einen externen Dienstleister auslagert. Kürzlich waren wir mit unserem Semester beim Nivea-Hersteller Beiersdorf eingeladen und haben dazu eine Fallstudie bearbeitet. Es ging darum, dass Beiersdorf mit einer Bodylotion den indischen Markt neu erschließen will. Die Frage an uns Studierende war nun: Soll die Lotion in einem schon bestehenden Beiersdorf-Werk in Europa produziert und anschließend nach Indien geliefert werden? Oder fährt das Unternehmen besser damit, die Produktion direkt dorthin auszulagern, was vermutlich anfangs sehr viel teurer würde, weil erst einmal Know-how aufgebaut werden müsste. Bei solch einer Fallstudie lernt man unglaublich viel. Schließlich sitzt man nicht jeden Tag bei einem großen Player wie Beiersdorf und erfährt Interna über dessen Logistikprozesse. Spannend war auch, dass die Markteinführung der Bodylotion in Indien vor ein paar Jahren tatsächlich stattgefunden hat. So konnten wir am Ende des Tages, nachdem wir unsere Ergebnisse dem Beiersdorf-Management präsentiert hatten, direkt vergleichen, wie dicht wir an der damals getroffenen Entscheidung dran waren."
Victoria Herzog, 24, macht an der Kühne Logistics University (KLU) in Hamburg ihren Master in "Global Logistics".

Das theoretische Gerüst für ihre Praxiseinsätze erhält Annika während ihrer Studienphasen an der Ostfalia Hochschule. Hier stehen hauptsächlich betriebswirtschaftliche Grundlagen auf dem Lehrplan, immer mit Bezug zur Logistik. Welche Voraussetzungen müssen Bewerber für das Studium mitbringen? "Den Mathematik-Grundkurs sollte man in der Schule schon gemeistert haben", sagt Studiengangsleiter Frank Ordemann. Darüber hinaus seien gute Englischkenntnisse in der international geprägten Branche unverzichtbar. Wer wüsste das besser als Annika Neugebauer, die nächstes Jahr ihren Bachelor abschließen und dann ganz bei VW einsteigen will. Die Wolfsburger produzieren ihre Autos in 27 Ländern weltweit.


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Logistik

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