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27. September 2007  

Duales Studium

Keine Müdigkeit vorschützen

"Suchen stressresistenten Abiturienten, bieten optimale Karrierechancen"- so könnte es in einem Inserat für ein duales Studienangebot stehen. EINSTIEG hat einem "dualen Studenten" über die Schulter geschaut. Denis Buss

Georg Blesinger an seinem Arbeitsplatz bei der Deutschen Bank

Es ist 8 Uhr 15 - Georg Blesinger fährt den Computer hoch. Sein erster Blick gehört der morgendlichen Entwicklung an den Börsen. Er muss schauen, wie sich die Devisenkurse entwickeln, und das wird am heutigen Tag nicht sein letzter Blick auf die Finanzmärkte sein. Anlageberatung, Kundengespräch und Baufinanzierung sind Blesingers täglich Brot - daneben heißt es aber auch büffeln für Klausuren und Extraschichten einlegen für die regelmäßigen Praxisberichte: Georg Blesinger absolviert ein duales Studium bei der Deutschen Bank und parallel dazu an der Berufsakademie Mannheim. Eine Ausbildung mit hohem Stressfaktor, aber auch großen Karrierechancen!

Theorie und Praxis im Wechsel

Das duale Studium ist in Blockphasen unterteilt. "Das bedeutet, dass ich im Wechsel drei Monate BA, also Berufsakademie, und drei Monate Praxiseinsatz in der Bank habe." Während der praktischen Phase wird Blesinger sehr stark ins Tagesgeschäft bei der Deutschen Bank eingebunden.

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Er hilft Kollegen bei der Vorbereitung von Terminen und geht auch mit ins Gespräch, sofern der Kunde einverstanden ist. "Zum Teil unterstütze ich den Tag über die Mitarbeiter bei der Bearbeitung von Kundenaufträgen und nehme selber Aufträge an" - aber eines nach dem anderen: Was liegt heute für Georg Blesinger an? Ein "Spezialauftrag"! Er soll die Berufsausbildungsabteilung unterstützen, indem er schriftliche Einstellungstest von Ausbildungsbewerbern durchführt. "Eine schöne Aufgabe," findet der duale Student, "der Ausbildungsbereich interessiert mich sehr. Manchmal darf ich für die Deutsche Bank mit auf Ausbildungs- und Schülermessen fahren. Überhaupt ist es eine schöne Abwechslung, wenn ich die Möglichkeit bekomme, bei der Organisation von Kunden-Events zu helfen." Nach diesem Spezialauftrag warten bis zum Abend wieder alltägliche Aufgaben auf den Studenten. Zu Beginn seiner Ausbildung hatte er ständig direkten Kundenkontakt am Schalter. Im Moment sitzt er hauptsächlich in einem Großraumbüro und hat nur mit Kunden zu tun, die vorher einen Termin ausgemacht haben. Nachdem Blesinger abends den PC ausgeschaltet hat, erledigt er noch die Post - dann ist frei. Das ist allerdings nicht immer so: "So richtig hart wird es zwischen dem ersten und zweiten Semester. Dann ist ein zehnseitiger Praxisbericht für die BA zu schreiben. Dies wiederholt sich nach dem zweiten Semester, und diese Berichte sind abends nach der Arbeit oder am Wochenende anzufertigen. Im Mai hatte ich darüber hinaus noch meine mündliche Prüfung zum Wirtschaftsassistenten, die während der Praxisphase stattfand. Um diese zu meistern, musste ich mir sogar eine Woche Urlaub nehmen, um in Ruhe lernen zu können."


Organisation ist alles

So wie Georg Blesinger machen es inzwischen mehr als 40 000 Studenten in Deutschland - sie studieren dual und entscheiden sich damit für eine Alternative zum "reinen" Studium oder der "reinen" Ausbildung. Ausbildungsintegrierte duale Studiengänge verknüpfen ein Studium an einer Hochschule oder Akademie mit einer praktischen Ausbildung im Betrieb. Theoriephasen an der Hochschule und praktische Phasen im Ausbildungsbetrieb wechseln sich wie bei Blesinger ab - der Ablauf des dualen Studiengangs ist dabei perfekt organisiert, vor allem durch die enge Kooperation zwischen Hochschule und Unternehmen. Am Ende hat man zwei Abschlüsse in der Tasche, den der Hochschule und einen anerkannten Ausbildungsabschluss. Einen besonderen Bonus erhält man als Auszubildender bei der Deutschen Bank: Am Ende jeder Praxisphase kann man über ein speziell entwickeltes Webtool einen Test absolvieren und dadurch ein anerkanntes Zertifikat erlangen - vom deutschen Institut für Norm geprüft und einmalig in Deutschland.

Ein paar Wochen nach dem Ausbildungstag bei der Deutschen Bank treffen wir Georg Blesinger wieder. Inzwischen durchläuft er eine Theoriephase an der BA und schwärmt von der Praxisnähe der Professoren: "Es gibt sowohl fest angestellte Professoren, die früher in der Wirtschaft gearbeitet haben, als auch freie Dozenten, die heute noch aktiv bei Unternehmen tätig sind. Damit ist ein sehr praxisnaher Unterricht die Regel, und Fächer wie 'Spezielle Betriebswirtschaftslehre', 'Recht' oder 'Finanzmathematik', die andere Studenten als trocken beschreiben, werden interessant und beispielhaft."

Alles andere als trocken

Doch egal, ob praxisnah oder nicht - ein langer Tag mit vollem Stundenplan ist Blesinger von Montag bis Freitag garantiert. Normalerweise beginnt sein BA-Tag zwischen acht und neun Uhr. Dann folgen fünf Stunden Vorlesung oder Seminar, eine Mittagspause und noch einmal vier Stunden Unterricht. Die Vorlesungszeit dauert sieben bis acht Wochen und im direkten Anschluss sieht sich der Student mit bis zu sechs Klausuren konfrontiert. Erst danach kann Blesinger etwas durchschnaufen, denn es folgt die zweiwöchige "AWT-Phase". Diese so genannte anwendungsbezogene Theorie gefällt ihm besonders gut, "denn man hat dann Kurse wie z.B. Rhetorik, Moderation, Kleidung und Stil oder Zeitmanagement."

Blesingers Entscheidung für eine Kombination von Ausbildung und BA-Studium ist ihm leicht gefallen, da die Berufsakademien in Baden-Württemberg durch ihre staatliche Akzeptanz einen guten Ruf genießen. Nach der relativ kurzen Studiendauer von drei Jahren kann man schon sehr bald "im Berufsleben so richtig durchstarten", wie Blesinger findet. "Gerade zurzeit ist es doch sehr schwierig, nach dem Studium einen Arbeitsplatz zu finden. Das ist mit einem BA-Studium meiner Meinung nach um einiges leichter, da man bereits in einem Unternehmen drin ist und sich empfehlen kann.

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Man kann zeigen, was man kann!" Natürlich war auch das regelmäßige Gehalt ein Grund für ihn: "Ja,das duale Studium bedeutet hohe Qualifikation bei relativer finanzieller Sicherheit. Man verdient schon während des Studiums Geld. Dafür muss man sich allerdings auch für seine Noten verantworten."


Müdigkeit contra Perspektiven

Es ist spät geworden. Georg Blesinger sitzt zu Hause am Schreibtisch und nach dem langen Tag an der BA muss noch eine Präsentation vorbereitet werden. "Aber das ist okay und macht Spaß - zumindest mehr Spaß als das Lernen vor Klausuren gegen Semesterende." Gab es schon Situationen, in denen ihm der Stress zu viel wurde? "Nein, denn ich wusste ja, worauf ich mich einlasse. Es ist sicherlich so, dass man wahrscheinlich mehr Stress hat als andere Studenten, aber das wird durch finanzielle Leistungen und die guten Perspektiven nach dem Studium wieder ausgeglichen. Zudem wissen die Firmen, welchem Stress ein dualer Student ausgesetzt ist, und bewerten dies bei der Einstellung positiv." Er sieht geschafft aus. Die Präsentation ist fertig und der morgige Tag kann kommen. Aber man ahnt, dass sich Georg Blesinger schon wieder auf die kommende Praxisphase in der Deutschen Bank und die nächsten freien Abende freut, an denen er einmal durchatmen kann.

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