Zukunftschancen sichern: Wie moderne Berufsorientierung an Realschulen gelingt

Berufsorientierung (BO) ist kein Zusatzangebot, sondern Kernauftrag der Realschule. Ralf Neugschwender, Bundesvorsitzender des BVRB, erklärt im Interview, warum die Politik mehr Rückendeckung geben muss und wie Partnerschaften mit externen Akteuren den Schulalltag entlasten. 

Der Experte

Ralf Neugschwender ist Bundesvorsitzender des Bundesverbands Reale Bildung (BVRB) (ehemals Verband Deutscher Realschullehrer (VDR)).  Er setzt sich aktiv für den Erhalt des mehrgliedrigen Schulsystems und die Stärkung der Realschule als Brücke zwischen Theorie und Praxis ein. 

Der Bundesverband Reale Bildung (BVRB). Für Realschulbildung in Deutschland.

Der BVRB ist die bundesweite Fach- und Standesorganisation der Lehrkräfte an Realschulen sowie Schulen mit realschulspezifischem Profil und geht aus dem Verband Deutscher Realschullehrer (VDR) hervor. 

  • Gründung: 1949 

  • Kernaufgabe: Interessenvertretung der Lehrkräfte gegenüber Politik und Öffentlichkeit auf Bundesebene. 

  • Position: Der Verband setzt sich massiv für ein differenziertes Schulsystem ein und sieht die Realschule oder verwandte Schularten als das Fundament für die anspruchsvolle duale Ausbildung in Deutschland. 

  • Schwerpunkte: Qualitätssicherung der Realschulbildung, praxisnahe Berufsorientierung und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Lehrkräfte. 

  • Webseite: www.vdr-bund.de 

Einstieg: Herr Neugschwender, warum spielt die Realschule heute eine so entscheidende Rolle, wenn wir über den Fachkräftemangel sprechen?


Ralf Neugschwender: Die Zahlen des Statistischen Bundesamts sind eindeutig: Rund 42 Prozent aller neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge entfallen auf Jugendliche mit Realschulabschluss. In anspruchsvollen Berufen wie Kfz-Mechatroniker liegt die Quote sogar bei über 50 Prozent. Man kann plakativ sagen: Der Mittelstand kann ohne Realschulbildung eigentlich nicht existieren. Unsere große Stärke ist die Verbindung von Theorie und Praxis.

 

Einstieg: Berufsorientierung ist tief verankert, aber Lehrkräfte klagen oft über Zeitmangel. Wo drückt der Schuh im Alltag am meisten?


Ralf Neugschwender: Die Welt der Berufe ist komplexer geworden. Eltern sind oft überfordert. In der Schule darf Berufsorientierung keine Aufgabe sein, die „nebenbei“ läuft oder an engagierten Einzelkämpfern hängen bleibt. Es fehlt oft an fest verankerten Zeitressourcen im Stundenplan.

"Berufsorientierung darf nicht zur Privatsache engagierter Lehrkräfte werden – sie muss systematisch im Schulalltag verankert sein."

Einstieg: Welche Rahmenbedingungen muss die Politik schaffen, damit BO nachhaltig gelingt?


Ralf Neugschwender: Wir brauchen mehr zeitliche Ressourcen für Lehrkräfte, um Konzepte mit Unternehmen gemeinsam auszuarbeiten. Ein wichtiger Hebel sind einheitliche Qualitätsstandards für alle Bundesländer. Projekte wie das Berufswahl-SIEGEL sind Gold wert, weil sie Schulen zur regelmäßigen Rezertifizierung und Reflexion beauftragen.

 

Einstieg: Welchen Mehrwert bieten externe Plattformen und Messeformate für die pädagogische Arbeit?


Ralf Neugschwender: Digitale Tools sind eine hervorragende Ergänzung, besonders für die Potenzialanalyse. Sie helfen Schülerinnen und Schülern dabei, sich individuell mit wichtigen Fragen zu beschäftigen. Dennoch dürfen sie nicht isoliert stehen. Ein Messebesuch oder ein persönlicher Kontakt vor Ort bietet eine Vertrauensebene, die digital nicht ersetzbar ist. Für die pädagogische Arbeit bedeutet das: Wir nutzen die digitalen Ergebnisse als Basis, um dann in den echten Austausch mit Unternehmen zu gehen. 

 

Einstieg: Welchen Rat geben Sie einer jungen Lehrkraft, die gerade die BO-Koordination übernommen hat?


Ralf Neugschwender: Suchen Sie den Kontakt zu regionalen Netzwerken wie den Arbeitskreisen SCHULEWIRTSCHAFT. Versuchen Sie, die BO als Teamaufgabe im Kollegium zu etablieren. Und: Bewerben Sie sich für Preise wie den Bundesjurypreis, um die tolle Arbeit an Ihrer Schule sichtbar zu machen!

Tipps für die Praxis: So stärken Sie Ihre Berufsorientierung

  • Feste Zeiten einfordern
    Fordern Sie für die BO-Koordination verbindliche Anrechnungsstunden ein, damit die Arbeit im Stundenplan stattfindet und nicht in Ihrer Freizeit. 
  • Regionale Netzwerke aktivieren
    Nutzen Sie die Arbeitskreise SCHULEWIRTSCHAFT für einen direkten Draht zu Betrieben in Ihrer Region und den Austausch mit anderen Schulen. 
  • Messebesuche vor- und nachbereiten
    Nutzen Sie fertige Arbeitsblätter und Materialien von Anbietern, um den Output für Schülerinnen und Schüler zu erhöhen und die Messezeit strukturiert zu nutzen. 
  • Externe Expertinnen und Experten einbinden
    Laden Sie Partner wie Einstieg gezielt für Elternabende oder Projekttage ein. Das entlastet Sie in der Vorbereitung und bringt frische Impulse von außen in die Schule. 
  • Digitale Angebote integrieren
    Nutzen Sie Online-Tests zur Potenzialanalyse als niederschwelligen Einstieg in die individuelle Beratung. So starten Sie direkt mit einer fundierten Datenbasis. 
  • Reflexion in den Fokus rücken
    Planen Sie für jedes Praktikum eine systematische Nachbereitung ein. Nur so wird aus einem bloßen „Hineinschnuppern“ eine echte Erkenntnis für den weiteren Weg der Jugendlichen. 
  • Qualitätsstandards nutzen
    Orientieren Sie sich an festen Standards wie dem Berufswahl-SIEGEL, um Ihre Konzepte regelmäßig zu prüfen und als Team weiterzuentwickeln. 

FAQ – Häufige Fragen aus dem Schulalltag

Berufsorientierung ist keine Zusatzaufgabe, sondern ein fachlicher Kontext. Zeigen Sie auf, wie BO-Themen die Relevanz des Fachunterrichts steigern – so passen Berufsfelder in der Industrie beispielsweise gut zu Naturwissenschaften.

Autorin

Susanne Peters

Seit über 20 Jahren arbeite ich bei Einstieg und leite heute unsere Beratungsunit Einstieg Concept. In dieser Zeit habe ich unzählige Unternehmen und Hochschulen dabei begleitet, junge Talente zu erreichen – und weiß genau, wie wichtig Lehrkräfte als Multiplikatoren im Berufsorientierungsprozess sind. Auf unseren Einstieg Messen erlebe ich jedes Mal hautnah, wie wertvoll die gemeinsame Vorbereitung und der Messebesuch im Klassenverband für die Schülerinnen und Schüler sind. Ich kenne die Herausforderungen des Berufsorientierungsalltags an Schulen und möchte Ihnen hier praxisnahe Impulse und Einblicke bieten. 

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