Wie praxisnahe Berufsorientierung Schülern eine Zukunft gibt

Berufsorientierung (BO) ist weit mehr als nur Pflichtprogramm – sie ist Identitätsstifter. Christoph Jansen erklärt im Interview mit Susanne Peters von Einstieg, wie die Katholische Hauptschule Großer Griechenmarkt in Köln durch Praxisparcours, Werkstätten und viel Empathie Jugendliche aus der Reserve lockt und ihnen zeigt, dass sie für die Gesellschaft von morgen unverzichtbar sind. 

Mann mit Brille steht vor einem Schülerplakat und schaut in die Kamera

Christoph Jansen

Der Experte 

Christoph Jansen ist seit 13 Jahren Studien- und Berufswahlkoordinator (StuBO) an der Katholischen Hauptschule Großer Griechenmarkt in der Kölner Innenstadt. Als erfahrener Pädagoge an einer Schule mit sozialen Herausforderungen weiß er genau, wie man Jugendliche erreicht, die vom System oft schon abgeschrieben wurden. 

Einstieg: Herr Jansen, Sie sind seit über einem Jahrzehnt StuBO. Warum brennen Sie nach all der Zeit immer noch für das Thema Berufsorientierung? 

Christoph Jansen: Weil es schlichtweg um die Zukunft der Kinder geht. Dafür mache ich das Ganze hier. Wir müssen uns klarmachen: Wer soll in 30 Jahren hier noch für das Gemeinwesen aufkommen? Wir brauchen Menschen, die eine Perspektive haben und wirtschaftlich eigenständig handeln können. Aber es geht nicht nur um Ökonomie. Speziell an unserer Schulform haben wir Kinder, die oft schon ab der 5. Klasse mühsam aufgebaut werden müssen. Viele haben bereits in der Grundschule die Erfahrung gemacht, „hinten überzufallen“. Es dauert Jahre, bis sie wieder Selbstvertrauen gewinnen. Die Berufsorientierung ist das Werkzeug, um ihnen zu vermitteln: Sie werden gebraucht und wertgeschätzt! 

Einstieg: Wie nehmen Sie die Schülerinnen und Schüler in diesem Prozess mit? Viele wissen am Anfang ja noch gar nicht, wohin die Reise gehen soll. 

Christoph Jansen: Genau das ist der Punkt. Manche stehen wie „der Ochs vorm Berg“. Berufsorientierung ist kein punktuelles Ereignis, sondern ein langer Prozess. Wir versuchen, hier und da Impulse zu setzen und die Jugendlichen zu inspirieren. Es geht darum, sie aus einer passiven Haltung herauszuführen.

„Viele unserer Kinder haben früh erfahren, nicht dazuzugehören. Wir müssen ihnen zeigen, dass sie eine Zukunft haben und dass ihre Arbeit in der Gesellschaft wertvoll ist.“

 

Einstieg: Sie setzen stark auf das Thema Praxis. Wie sieht das konkret im Schulalltag aus? 

Christoph Jansen: Wir arbeiten eng mit externen Trägern zusammen, die einen Praxisparcours bei uns vor Ort anbieten. So lernt eine ganze Stufe an einem Vormittag an verschiedenen Stationen unterschiedliche Berufsfelder kennen – und zwar durch echtes, praktisches Arbeiten.

Zusätzlich ist unser Wahlpflichtunterricht ab Klasse 7 auf Berufsorientierung angelegt. Wir haben Praxisstationen, wie zum Beispiel die Holzwerkstatt, den Schulgarten oder die Objektbeschichtung (Maler/Lackierer), die unsere Jugendlichen wählen können. Ziel ist, dass BO überall mitschwingt, damit das Thema Arbeitswelt nicht mehr abstrakt bleibt.

Einstieg: Ein weiteres Highlight ist Ihr Training mit Partnern aus der Wirtschaft, richtig? 

Christoph Jansen: Absolut. Unser Interviewtraining mit Ford ist ein zentraler Baustein. Im Rahmen eines „Social Days“ kommen Personalprofis zu uns. Die Schüler schreiben echte Bewerbungen an reale Betriebe ihrer Wahl. Am Projekttag erscheinen die Coaches seriös gekleidet, führen 15-minütige Interviews unter realen Bedingungen und geben direktes Feedback. Wer die Deadline für die Bewerbung verpasst, ist raus – wie im echten Leben. Wenn dann ein Ausbildungsleiter sagt: „Mensch, Sie haben Potenzial, bewerben Sie sich bei uns“, ist das für das Selbstwertgefühl dieser Jugendlichen unbezahlbar.

Einstieg: Ihre Schule ist seit 2009 durchgehend zertifizierte SIEGEL-Schule. Ist das bei all dem Aufwand den Stress wert? 

Christoph Jansen: Wir haben das Audit in unserem BO-Team vorbereitet. Das ist aufwändig, ja. Aber es zwingt uns zur Selbstevaluation. Wir schauen uns im Kollegium genau an: Was bringt den Jugendlichen wirklich etwas? Wo müssen wir nachsteuern? Unsere Schulleitung unterstützt das hundertprozentig – BO hat bei uns sogar in jeder Lehrerkonferenz einen festen Platz in der Mitte der Tagesordnung, nicht erst zum Schluss. Das Siegel im Treppenhaus ist die sichtbare Bestätigung für diese kontinuierliche Arbeit. 

Kein Abschluss ohne Anschluss (KAoA)

Das Landesvorhaben in Nordrhein-Westfalen bildet das verbindliche Gerüst für den Übergang von der Schule in den Beruf. An der Katholischen Hauptschule Großer Griechenmarkt dient es als Basis, um jedem Jugendlichen eine Anschlussperspektive zu ermöglichen. 

Das empfiehlt Herr Jansen

  • Selbstwert vor Fachwissen: Bevor Jugendliche sich entscheiden können, müssen sie wissen, dass sie gebraucht werden und einen Platz in der Arbeitswelt haben. 

  • Niederschwellige Praxis: Praxisparcours und Werkstatt-Tage nehmen die Angst vorm Austausch mit Betrieben. 

  • Frühe Weichenstellung: Schon ab Klasse 5 spielerisch über Berufe sprechen („Was arbeiten Menschen in eurem Umfeld?“). 

  • Verbindlichkeit schaffen: Wer Termine einhält, wird belohnt – wer nicht, spürt die Konsequenz unmittelbar vor dem Ernstfall. 

FAQ – Häufige Fragen

Unternehmen als Partner gewinnen – so gelingt’s

Der Erfolg der Berufsorientierung an der KHS Großer Griechenmarkt zeigt: Externe Expertise ist unersetzlich. Doch wie holt man Firmen in die Schule? 

  • „Social Days“ nutzen: Große Konzerne haben oft Programme für betriebliches Ehrenamt. Suchen Sie gezielt nach Begriffen wie „Corporate Social Responsibility“ (CSR) oder „Social Day“ auf den Karriereseiten der Unternehmen. 

  • Lokaler Fokus: Kleinere Handwerksbetriebe oder Dienstleister vor Ort haben oft ein direktes Interesse an Nachwuchs aus der Nachbarschaft. Ein persönlicher Anruf wirkt oft Wunder. 

  • Mehrwert bieten: Erklären Sie den Betrieben, dass sie die Schüler:innen in einer authentischen Arbeitssituation (z. B. im Praxisparcours) erleben können. 

  • Strukturen schaffen: Bieten Sie den Unternehmen einen fertigen Rahmen an (feste Termine, vorbereitete Räume), um den Aufwand gering zu halten. 

  • Präsenz zeigen: Laden Sie Vertreterinnen und Vertreter der Wirtschaft zu Schulfesten oder einem speziellen „Wirtschaftsfrühstück“ (bei uns heißt das „Kölsch un Klaav“) ein. 

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