Einstieg: Wenn wir in Ihren Schulalltag schauen: Wie läuft Berufsorientierung an Ihrer Waldorfschule ganz praktisch ab? Können Sie uns ein Beispiel aus einem typischen Schuljahr schildern?
Stefan Baum: An unserer Waldorfschule spielt praktische Arbeit von Anfang an eine große Rolle. Schon in der dritten Klasse beginnen die Kinder, handwerkliche Tätigkeiten kennenzulernen – etwa beim Werklehrer, wenn sie ein Metermaß oder einen Kleiderbügel anfertigen. Ich selbst habe in meiner Schreinerei eine kleine Seilerei aufgebaut, in der wir gemeinsam Seile drehen – das ist aus meiner eigenen Leidenschaft entstanden, weil ich in meiner Freizeit Boote baue.
Auch im Gartenbau-Unterricht erleben die Schüler:innen den ganzen Kreislauf: Eine Klasse sät Weizen oder Roggen, erntet im nächsten Jahr, drischt und mahlt das Korn – und backt schließlich Brot aus dem eigenen Mehl. So erfahren die Kinder schon früh, was Arbeit bedeutet und wie viel Wertschöpfung und Verantwortung darin steckt.
Diese praktische Herangehensweise zieht sich durch die gesamte Schulzeit. In den oberen Klassen kommen dann gezielte Praktika hinzu:
-
In der 10. Klasse folgt das Betriebspraktikum, oft in handwerklichen oder technischen Betrieben. Hier geht es darum, die Komfortzone zu verlassen, Teamarbeit, Verlässlichkeit und Strukturen des Arbeitslebens kennenzulernen.
Alle Praktika werden von den Schüler:innen individuell vorbereitet: Sie formulieren persönliche Fragestellungen, führen ein Lerntagebuch und reflektieren ihre Erfahrungen. So wird das Ganze nicht zu einer reinen Pflichtübung, sondern zu einem echten Lernprozess über sich selbst und die Arbeitswelt.
Einstieg: Gab es in den letzten Jahren ein Projekt oder eine Aktivität, bei der Sie dachten: Das hat bei den Jugendlichen wirklich etwas bewegt?
Stefan Baum: Ja, da gibt es viele Geschichten. Besonders eindrücklich finde ich immer wieder das Sozialpraktikum in der 11. Klasse. Schüler:innen gehen da zunächst mit großem Respekt hinein. Sie können sich oft gar nicht richtig vorstellen, mit beeinträchtigten Menschen, mit Menschen mit Behinderung oder in der Pflege zu arbeiten – etwa in einem Altenheim.
Am Anfang spüren viele eine gewisse Unsicherheit oder auch Überforderung. Wir bereiten sie natürlich darauf vor, aber das direkte Erleben lässt sich nicht simulieren. Und dann kommen sie nach vier Wochen zurück – oft völlig verändert.
Einige sagen: „Für mich war klar, das ist nichts für mich.“ Aber andere, und das überrascht uns immer wieder, kommen mit strahlenden Augen und sagen: „Ich habe nichts Wichtigeres erlebt als die Zeit im Altenheim.“
Diese Jugendlichen entdecken plötzlich, wie erfüllend es sein kann, gebraucht zu werden, Nähe zu erleben und helfen zu können.
Das ist für mich das Bewegende an diesem Praktikum: Dass junge Menschen, die eigentlich „die Welt erleben“ wollen, in einer ganz anderen Welt ankommen – einer, in der Wertschätzung, Achtsamkeit und Menschlichkeit im Mittelpunkt stehen. Diese Erfahrung prägt viele von ihnen nachhaltig.
Einstieg: Sie waren mit Ihren Schüler:innen auf der Einstieg Dortmund 2025. Gibt es eine Geschichte oder eine Begegnung auf der Messe, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Stefan Baum: Ja, wir haben auf der Messe wirklich tolle Begegnungen gehabt – das sagen auch die Schüler:innen. Am Anfang ist es oft so: Ich komme in die Klasse und sage, „Wir gehen auf die Messe.“ Dann heißt es erstmal: „Okay, welcher Tag? Hauptsache keine Schule!“ (lacht)
Aber sobald wir dort sind, merken viele schnell, dass das kein bloßer Schulausflug ist. Ich sage ihnen vorher: „Ihr habt hier viele Möglichkeiten. Sprecht die Leute an, findet heraus, was sie euch bieten – und was ihr ihnen bieten könnt.“ Ich erinnere sie auch daran, dass bald das Sozialpraktikum ansteht und dass vielleicht sogar Vertreter aus diesem Bereich auf der Messe sind. Und tatsächlich passiert es jedes Mal: Schüler:innen kommen zu mir und sagen stolz, „Ich hab schon einen Platz fürs Sozialpraktikum gefunden!“ – das ist natürlich großartig.
Spannend ist auch, dass wir mit der 10. und 11. Klasse regelmäßig hingehen – oft mit denselben Schülerinnen. Im ersten Jahr ist alles neu, im zweiten Jahr können sie gezielter fragen, weil sie wissen, was sie erwartet. Da merkt man richtig, wie sie wachsen.
Natürlich gab es auch Situationen, wo sie an einem Stand standen und gefragt wurden: „Habt ihr schon das Abitur?“ – und die Antwort war: „Nee, wir sind Realschüler.“ Dann hieß es: „Kommt nächstes Jahr wieder.“ Das war für manche erstmal irritierend, aber sie haben es sportlich genommen.