Im Gespräch mit Aline Sommer-Noack
Einstieg: Neurodivergenz – wie ADHS, Autismus oder Dyskalkulie – ist im Schulalltag längst kein Nischenthema mehr. Wo erleben Sie im Umgang mit neurodivergenten Jugendlichen aktuell die größten Missverständnisse auf Seiten der Schulen?
Aline Sommer-Noack: Das größte Missverständnis liegt eigentlich gar nicht an einem grundlegenden mangelnden Verständnis – der Grundstein für Empathie ist bei den allermeisten Lehrkräften absolut vorhanden. Das Hauptproblem ist das Setup, in dem sich der Lehrkörper bewegt. Viele Lehrerinnen und Lehrer haben das Gefühl, durch die starren Rahmenbedingungen und den Druck, den Lehrplan abzuarbeiten, schlichtweg zu wenig Spielraum zu haben, um auf das Individuum einzugehen.
Dazu kommt, dass das Thema Neurodivergenz im Lehramtsstudium – wenn überhaupt – nur zu einem winzigen Bruchteil behandelt wird. Dadurch halten sich in den Köpfen oft veraltete Stigmata und Pauschalisierungen. Viele denken bei Autismus sofort an extreme Filmcharaktere wie Rainman oder Sheldon Cooper. Aber die Realität sieht völlig anders aus, denn Neurodivergenz ist ein riesiges Spektrum. Manche Jugendlichen können sich sozial-emotional gut einfügen, andere weniger. Wenn wir aber versuchen, jeden Menschen krampfhaft in dasselbe starre Schema und in ein vorgegebenes Raster zu drängen, geht unheimlich viel Potenzial verloren – und vor allem die Freude am Lernen. Denn eines zeigen alle Studien: Erfolgreich gelernt wird nur in einem positiven Umfeld.“
“Neurodivergenz wird im Lehramtsstudium – wenn überhaupt – nur zu einem winzigen Bruchteil behandelt wird. Dadurch halten sich in den Köpfen oft veraltete Stigmata und Pauschalisierungen.”
Einstieg: Oft werden betroffene Schülerinnen und Schüler fälschlicherweise als „unmotiviert“, „chaotisch“ oder „störrisch“ abgestempelt. Wie können Lehrkräfte im Unterricht den Unterschied zwischen mangelnder Motivation und einer akuten neurodivergenten Reizüberflutung erkennen?
Aline Sommer-Noack: Das wichtigste Werkzeug für Lehrkräfte ist hier ein ganz einfaches: Hört niemals auf, nach dem Warum zu fragen! Warum macht jemand das, was er macht? Warum zeigt ein Jugendlicher in diesem Moment ein bestimmtes Verhalten? Natürlich gibt es mal bockige oder unmotivierte Phasen – die gibt es bei uns Erwachsenen im Job ja auch. Aber wenn ein Kind im Unterricht komplett blockiert, dann hat das einen tieferen Grund.
Mir ist völlig klar, dass es eine enorme Herausforderung ist, bei einem Schnitt von einem Lehrer zu 26 Schülern jedes Mal sofort die Ursache zu sehen. Da stößt man an Grenzen. Deshalb plädiere ich immer dafür, sich Unterstützung zu holen: Geht zur Schulsozialarbeit, nutzt die Vertrauenslehrkräfte oder greift zum Hörer und sucht das direkte Gespräch mit dem Elternhaus.
Hier erleben wir allerdings oft, dass Eltern eine Diagnose aus Angst vor Stigmatisierung verschweigen. Wenn Eltern mit so einer Information nicht rausrücken, hat auch das seine Gründe aus der Vergangenheit. Umso wichtiger ist es, dass Schulen von Anfang an signalisieren: Wir stigmatisieren hier nicht. Wir suchen eine gute, neutrale Lösung, damit sich Ihr Kind hier wohlfühlt. Lehrkräfte dürfen da auch total Mut zur Lücke zeigen und ganz offen zu den Eltern sagen: 'Ich habe ehrlich gesagt von diesem spezifischen Bild noch keine Ahnung. Bitte helft mir, holt mich ab – was braucht euer Kind von mir im Unterricht?' Das schafft eine Vertrauensbasis, die alles verändert.
Neurodivergenz im Unterricht: Quick-Wins für Lehrkräfte
Kleine Hebel mit großer Wirkung: Wie Lehrkräfte den Schulalltag für neurodivergente Jugendliche leichter machen, ohne direkt den gesamten Lehrplan umzuwerfen – Tipps von Aline Sommer-Noack
Fokus fördern mit reizfreien Arbeitsblättern
Reizarme Arbeitsblätter helfen Kindern und Jugendlichen, ihre Aufmerksamkeit auf die eigentliche Aufgabe zu richten. Zu viele Bilder oder verspielte Elemente können hingegen vom Lernen ablenken. Eine reduzierte Gestaltung fördert die Konzentration und unterstützt einen nachhaltigen Lernerfolg.
Mit klaren Einstiegshilfen Überforderung vermeiden
Viele Kinder und Jugendliche fühlen sich bereits beim Beginn einer Aufgabe überfordert. Klare Schritt-für-Schritt-Anweisungen geben Orientierung und erleichtern den Start. Eine kurze Hilfestellung wie „Wir beginnen oben rechts mit dem Datum“ nimmt den Druck raus.
Altersgerechte Hilfsmittel fördern Akzeptanz
Hilfsmittel für Jugendliche sollten im Schulalltag unauffällig und altersgerecht sein, damit sie auch tatsächlich genutzt werden. Zu verspielte oder kindlich wirkende Tools können schnell Ablehnung auslösen und werden im Klassenkontext oft nicht akzeptiert. Schlichtere Alternativen wie ein Gefühlswürfel aus Holz erfüllen denselben Zweck, wirken diskret und lassen sich leichter in den Alltag integrieren. Ein kurzer Dreh signalisiert der Lehrkraft ohne Worte den aktuellen Befindlichkeitszustand.
Potenzialanalysen als niedrigschwelligen Einstieg nutzen
Moderne, neuroinklusive Potenzialanalysen können dabei helfen, individuelle Lern- und Kommunikationsbedürfnisse besser zu verstehen. Wenn eine Auswertung etwa zeigt, dass ein Jugendlicher zunächst mehr positive Bestärkung braucht, bevor konstruktive Kritik gut aufgenommen werden kann, unterstützt das eine passendere Gestaltung des Unterrichts. Das Ausfüllen lässt sich gut als Kennenlernformat beim Schul- oder Klassenwechsel einsetzen und kann Gespräche im Klassenkontext ergänzen oder strukturieren.
Einstieg: Lehrkräfte und Schulen stehen im Alltag ohnehin unter enormem Druck. Welche konkreten Unterstützungsangebote und Hilfestellungen gibt es, um das Kollegium hier spürbar zu entlasten?
Aline Sommer-Noack: Genau aus dieser eigenen Hilflosigkeit heraus haben wir das Europäische Institut für Neurodivergenz gegründet. Wir wissen genau, wie vollgepackt der Alltag an den Schulen ist und wie sehr die Lehrkräfte im Verwaltungsaufwand versinken. Deshalb bieten wir kompakte Workshops und Hilfestellungen an, die so praxisnah und verwaltungsarm wie nur irgendwie möglich gestaltet sind.
“Schulen können sich über uns zur “neuroinklusiven Schule” zertifizieren lassen. Das ist weit mehr als nur ein Zertifikat für die Wand – es ist ein klares, starkes Statement nach außen, sowohl an die Jugendlichen als auch an die Eltern: Wir sehen euch. Unsere Tür ist offen und wir finden gemeinsam eine Lösung.”
Einstieg: Die Schule bereitet die Jugendlichen auf das Leben danach vor. Welche Rolle spielt ein neuroinklusiver Schulalltag für den späteren Übergang in die Berufswelt und die Betriebe?
Aline Sommer-Noack: Das greift absolut perfekt ineinander. Wenn Jugendliche schon während der Schulzeit lernen zu formulieren, was sie für ein gutes Arbeits- und Konzentrationssetting brauchen, dann befähigen wir sie für ihre gesamte Zukunft. Wir haben dann im späteren Verlauf Auszubildende und Arbeitnehmende, die sich selbst genau kennen und wissen, was sie benötigen, um ihr volles Potenzial abzurufen. Sie können dem Ausbilder im Betrieb direkt sagen: ‚Ich brauche am Anfang eine ganz klare, strukturierte Ansage – wenn ich die habe, laufe ich durch.‘
Genau aus diesem Grund betrachten wir das Thema auch ganzheitlich: Neben der Begleitung von Schulen bieten wir auch für Unternehmen die Zertifizierung zum “neuroinklusiven Arbeitgeber” an. Denn in Zeiten des Fachkräftemangels können es sich Betriebe schlichtweg nicht mehr leisten, diese enormen Potenziale und kreativen Köpfe durch veraltete Raster und starre Recruiting-Prozesse auszusieben.“
Das Europäische Institut für Neurodivergenz (EIN) im Profil
Das Institut wurde von Sabine Buch und Aline Sommer-Noack aus der eigenen Praxis heraus gegründet. Ihr Ziel ist es, die Rahmenbedingungen in Schulen und Unternehmen so zu verändern, dass neurodivergente Menschen ihr volles Potenzial entfalten können.
Der Ansatz
Durch wissenschaftlich begleitete Sensibilisierung, praxisnahe Workshops und digitale Softwarelösungen (unter anderem in Kooperation mit Everway und Metaskill) werden Barrieren abgebaut – im Klassenzimmer genauso wie am Arbeitsplatz.
Zertifizierung zur „neuroinklusiven Schule“
Das Institut unterstützt Schulen dabei, mit minimalem bürokratischem Aufwand eine wertschätzende Lernatmosphäre zu schaffen. Das Zertifikat setzt ein klares Signal für offene Kommunikation an Jugendliche und Eltern.
Zertifizierung zum „neuroinklusiven Arbeitgeber“
Für Unternehmen bietet das Institut konkrete Werkzeuge und Begleitung an, um Recruiting-Prozesse talentorientiert zu gestalten und Ausbilder fit für den inklusiven Ausbildungsalltag zu machen.
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