Einstieg: Sie besuchen mit Ihren Klassen regelmäßig unsere Messe Einstieg Frankfurt – die Berufswahlmesse. Erinnern Sie sich an eine Begegnung oder Situation, die Ihnen dort besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Welche Rückmeldungen bekommen Sie von Ihren Schülerinnen und Schülern nach dem Messebesuch? Gibt es vielleicht typische Aha-Momente?
Christiane Köller: Unsere Besuche auf der Einstieg Frankfurt sind für die Jugendlichen immer etwas Besonderes. Viele kommen mit einer ganzen Tasche voller Infomaterial zurück und erzählen begeistert von Gesprächen, die sie an den Ständen geführt haben. Besonders erinnere ich mich daran, wie einige Schülerinnen und Schüler im letzten Jahr Kontakt zu Provadis aufgenommen haben. Solche realen Begegnungen sind oft der erste Schritt, um sich ernsthaft mit einer Ausbildung auseinanderzusetzen.
Die Rückmeldungen sind durchweg positiv. Was ich besonders spüre, ist das gestiegene Interesse: Die Jugendlichen merken auf der Messe, wie breit das Angebot wirklich ist. Viele entdecken Berufe, von denen sie vorher noch nie gehört haben – und genau diese „Aha-Momente“ sind es, die den Messebesuch so wertvoll machen.
Wir versuchen, diesen Eindruck auch im Unterricht aufzugreifen. Die Klassen erhalten Arbeitsaufträge für die Messe: Sie sollen mindestens zwei bis drei Stände besuchen, sich informieren und anschließend in der Klasse darüber berichten. Das hilft ihnen, das Gesehene zu sortieren und bewusster über ihre nächsten Schritte nachzudenken. Eine ausführliche Feedbackrunde nach der Messe wäre sicher sinnvoll – das nehmen wir uns noch vor –, aber auch jetzt schon sehe ich, wie sehr die Jugendlichen von diesen Erfahrungen profitieren.
Einstieg: Berufsorientierung gelingt ja oft nur, wenn auch die Eltern mit im Boot sind. Wie binden Sie Eltern bei diesem Thema ein?
Christiane Köller: Die Zusammenarbeit mit Eltern ist bei der Berufsorientierung unglaublich wichtig und gleichzeitig eines der schwierigsten Themen für uns. Wir versuchen viel, aber die Realität ist: Viele Eltern sind schwer zu erreichen.
Ein Format, das sich bewährt hat, ist unser großer Elternabend für die Abschlussklassen. Das ist fast wie eine kleine Messe: In verschiedenen Räumen halten Vertreterinnen und Vertreter der Oberstufen, Berufsschulen und die Berufsberatung kurze Vorträge. Die Eltern können sich gezielt informieren und zwischen den Angeboten wechseln. Dieses Format funktioniert gut, weil es ihnen einen Überblick gibt, den sie dringend brauchen.
Andere Versuche waren weniger erfolgreich. Wir hatten zum Beispiel in Kooperation mit der Jugendhilfe ein Elterncafé geplant, in dem auch BO-Themen besprochen werden sollten. Aber nachmittags hat kaum jemand Zeit – das wurde einfach nicht angenommen. Und auch bei Elternabenden kommt häufig nur die Hälfte.
Besonders herausfordernd ist es, Eltern von alternativen Bildungswegen zu überzeugen. Viele bestehen darauf, dass ihr Kind unbedingt Abitur oder Fachabitur machen muss – selbst wenn wir im Gespräch gemeinsam feststellen, dass das unrealistisch oder nicht der passende Weg ist. Oft wird das erst akzeptiert, wenn die Jugendlichen in der Oberstufe scheitern und frustriert wieder vor meiner Tür stehen. Dann heißt es: „Das habe ich mir ganz anders vorgestellt.“ Diese Situationen tun mir leid, denn wir hatten den Plan B längst besprochen.
Was mir Sorgen macht, ist der allgemeine Rückzug vieler Eltern. Einige engagieren sich sehr, aber viele erreichen wir erst, wenn es schon fast zu spät ist. Das ist traurig, denn eine gute Berufsorientierung gelingt am besten, wenn Schule, Eltern und Jugendliche gemeinsam an einem Strang ziehen.
Einstieg: Wenn Sie anderen Lehrkräften einen Tipp geben dürften: Welche kleine Maßnahme hat bei Ihnen schon mit wenig Aufwand viel bewirkt?
Gibt es eine persönliche Geschichte, die zeigt, wie wichtig die Rolle der Lehrkraft in der Berufsorientierung sein kann?
Christiane Köller: Wenn ich anderen Lehrkräften einen Tipp geben dürfte, dann wäre es dieser: Fangt mit guter Kommunikation an. Das klingt simpel, aber es wirkt. Persönliche Gespräche mit Schülerinnen, Schülern und Eltern sind oft der Schlüssel – gerade in den Schullaufbahnberatungen oder unseren Schülersprechtagen, zu denen wir inzwischen immer häufiger auch die Eltern dazuholen. Dort entstehen die wichtigsten Impulse.
Man muss nicht gleich ein komplettes BO-Curriculum* aufbauen – das ist tatsächlich viel Arbeit. Aber erste Schritte sind schnell gemacht: kleine Projekte an die Schule holen, eine Betriebsbesichtigung organisieren oder mit den Jugendlichen gezielt über ihre Stärken und Interessen sprechen. Das alles ist mit überschaubarem Aufwand möglich und bewirkt oft erstaunlich viel.
Hilfreich ist es auch, im Wahlpflichtbereich praxisnahe Angebote zu schaffen. Bei uns können die Jugendlichen beispielsweise neben Sprachen Fächer wählen, in denen sie handwerkliche oder hauswirtschaftliche Erfahrungen sammeln. In meinem „Bistro“-Kurs kochen wir, sprechen über Nachhaltigkeit oder üben ganz grundlegende Dinge wie den sicheren Umgang mit Werkzeugen in der Küche. Viele Jugendliche merken dabei plötzlich: Das liegt mir, vielleicht wäre eine Berufsfachschule im hauswirtschaftlichen oder gastronomischen Bereich etwas für mich. Solche Momente sind wertvoll.
Was ich gelernt habe: Man schafft das nicht allein. Berufsorientierung lebt von einem Team – egal ob Kolleginnen und Kollegen aus der Arbeitslehre, Klassenlehrer der Abschlussklassen oder einfach Menschen, die Lust haben, Jugendlichen Wege zu eröffnen. Dazu gehört auch, immer wieder Werbung in eigener Sache zu machen: Informationen aushängen, digitale Kanäle nutzen, Angebote sichtbar machen. Ob alle Schüler diese Zukunftssäule in der Aula wirklich studieren, bezweifle ich zwar aber die Praktikums- und Ausbildungsangebote an meiner Pinnwand funktionieren, weil sie im Alltag präsent sind.
Und schließlich: Berufsorientierung braucht Freude und Persönlichkeit. Man muss ein bisschen „Typ dafür“ sein. Aber wenn man sieht, wie Schülerinnen und Schüler durch ein kleines Gespräch oder eine kurze Begegnung plötzlich eine Idee für ihren Weg entwickeln, dann weiß man, warum sich dieser Einsatz lohnt.