© Niklas Meyer
Beobachter, ungeduldig und Nachtmensch
Warum reicht ein gutes Recruiting-Video heute längst nicht mehr aus? Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz in der Content-Produktion? Und warum entscheiden am Ende oft Mut, Authentizität und eine gute Geschichte darüber, ob junge Menschen überhaupt hinschauen und bleiben?
Darüber hat Susanne Peters von Einstieg Concept mit Niklas Meyer von GetTheShot gesprochen. Der Videograf und Content-Experte begleitet seit Jahren Unternehmen dabei, mit Bewegtbild sichtbar zu werden – von Recruiting-Kampagnen bis hin zu Social-Media-Content. Im Gespräch teilt er seine Erfahrungen aus der Praxis, räumt mit einigen KI-Mythen auf und erklärt, warum echte Einblicke auch in Zukunft der Schlüssel zu erfolgreichem Employer Branding sind.
„Beobachter, ungeduldig und Nachtmensch“ – so beschreibt sich Niklas Meyer selbst. Eine Kombination, die auf den ersten Blick ungewöhnlich wirkt, beim Kennenlernen aber schnell Sinn ergibt. Denn bevor er handelt, schaut er genau hin. Er analysiert Situationen, nimmt Stimmungen wahr und erkennt oft die kleinen Details, die anderen entgehen.
Seine Ungeduld versteht Niklas dabei nicht als Schwäche, sondern als Antrieb. Wenn ihn eine Idee packt, möchte er sie konsequent zu Ende bringen – notfalls auch in einer nächtlichen Aktion. Für ihn zählt nicht, etwas möglichst schnell zu beginnen, sondern es mit dem eigenen Anspruch abzuschließen. Genau diese Mischung aus Beobachtungsgabe, Kreativität und dem Blick fürs Detail prägt auch seine Arbeit. Vor allem dann, wenn es darum geht, Unternehmen dabei zu unterstützen, junge Menschen mit Bewegtbild zu erreichen.
Eine Kamera hatte Niklas als Kind nicht ständig in der Hand. Stattdessen begeisterten ihn Berufe, die viele Kinder faszinieren: „Ich wollte unbedingt Bauarbeiter, Kranführer oder Müllmann werden“, erzählt er und lacht. Film oder Fotografie spielten damals noch keine große Rolle.
Rückblickend erkennt er aber einen roten Faden. Schon als Kind reizten ihn Berufe, bei denen etwas passiert. Draußen, nah am Geschehen und alles andere als eintönig. Genau das findet er heute in seinem Arbeitsalltag wieder. Statt hinter einem Schreibtisch zu sitzen, ist Niklas viel unterwegs, lernt unterschiedlichste Unternehmen kennen und produziert Content an den verschiedensten Orten, und manchmal auch auf einer Baustelle. Für ihn zählt vor allem eines: „Man ist einfach in einem aktiven Job. Das ist mir wichtig.“
© Niklas Meyer
Nach dem Abitur wusste Niklas zunächst nicht, wohin sein Weg führen sollte. „Ich war eigentlich ziemlich lost“, sagt er rückblickend. Statt zu studieren, entschied er sich für eine Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann, obwohl damals an seiner Schule häufig vermittelt wurde, dass ein Studium der "sicherere Weg" sei.
Seine Ausbildung führte ihn in eine Agentur für Live-Kommunikation, in der neben großen Events auch Imagefilme für namhafte Unternehmen entstanden. Bei Drehs durfte Niklas hinter die Kulissen blicken, Produktionen begleiten und zum ersten Mal erleben, wie aus Ideen bewegte Bilder werden. Parallel entdeckte er Fotografie und Film für sich, zunächst als Hobby. Inspiriert von der aufkommenden YouTube- und Creator-Szene griff er immer häufiger selbst zur Kamera, drehte erste Videos und tauschte sich mit anderen Kreativen aus. „Ich hatte nie wirklich auf dem Schirm, dass dieses Hobby vielleicht auch ein Beruf sein könnte“, erzählt er rückblickend.
Erst als sein damaliger Chef ihm einen kleinen Filmauftrag anvertraute und eine Kundin ihm dafür aus eigener Initiative 800 Euro überwies, machte es „so ein bisschen Klick“. Plötzlich war da der Gedanke, dass aus seiner Leidenschaft vielleicht doch mehr werden könnte.
Nach der Ausbildung arbeitete Niklas zunächst beim Fernsehen, bevor er den Schritt in die Selbstständigkeit wagte. Es gab keinen perfekten Plan, dafür aber eine Haltung, die ihn bis heute begleitet: „Ich hatte nichts zu verlieren und Bock, alles zu riskieren.“
Für Niklas steht fest: Kaum etwas hat die Content-Produktion in den vergangenen Jahren so stark beeinflusst wie Künstliche Intelligenz. „Es ist wirklich unglaublich krass, was sich verändert hat“, sagt er. Während sich die Branche früher Schritt für Schritt weiterentwickelte, erscheinen heute beinahe täglich neue Tools und Funktionen. Wer professionell Content produziert, müsse deshalb ständig dazulernen. „Man muss am Zahn der Zeit bleiben“, beschreibt er die neue Realität.
Gleichzeitig sieht Niklas in KI enormes Potenzial. Ideen lassen sich in kürzester Zeit visualisieren, Bilder, Musik oder Videos generieren, Prozesse beschleunigen und Konzepte viel greifbarer präsentieren. Gerade in der Zusammenarbeit mit Kund*innen eröffnen sich dadurch völlig neue Möglichkeiten. „Jedes Bild, was ich im Kopf habe, kann ich inzwischen mit einem Prompt visualisieren.“ erzählt er.
Kritisch sieht er allerdings die Erwartung, dass KI den Content automatisch erfolgreicher macht. Aus seiner Sicht passiert gerade eher das Gegenteil: Noch nie war es so einfach, Inhalte zu produzieren, entsprechend wächst die Menge an Content rasant. „Das Angebot steigt extrem und die Nachfrage in Form von Aufmerksamkeit stagniert eher“, sagt Niklas. Für Unternehmen bedeutet das: Sichtbarkeit entsteht nicht durch KI allein. Entscheidend bleiben kreative Ideen, eine gute Geschichte und Inhalte, die Menschen wirklich erreichen und berühren.
Je einfacher Content produziert werden kann, desto größer wird also die Herausforderung, überhaupt noch aufzufallen. Für Niklas entscheidet deshalb heute nicht mehr die Technik über den Erfolg einer Recruiting-Kampagne, sondern die Idee dahinter. In seiner Arbeit begegnen ihm dabei immer wieder zwei Arten von Unternehmen: Die einen möchten möglichst niemanden provozieren, formulieren jedes Wort vorsichtig und produzieren Content, der „aalglatt“ ist. Die anderen wissen, dass Sichtbarkeit nur entsteht, wenn man den Mut hat, aus der Masse herauszustechen.
„Lieber unangenehm auffallen, anstatt in der Masse unterzugehen“, fasst Niklas seine Haltung zusammen. Damit meint er nicht, künstlich zu provozieren. Sondern den Mut zu haben, Ecken und Kanten zu zeigen und Inhalte zu produzieren, über die gesprochen wird.
Ein Beispiel ist ihm besonders im Gedächtnis geblieben: Ein Autohaus ließ den Geschäftsführer in Jugendsprache vor der Kamera sprechen. „Es fühlt sich ganz, ganz komisch an“, erinnert sich Niklas lachend. Trotzdem wurde das Video tausendfach geklickt und geteilt. Das Konzept ging so gut auf, dass das Unternehmen den Stil fortführte und innerhalb weniger Wochen rund 100.000 Follower aufbaute. Für ein regionales Autohaus seien 100.000 Follower allein zwar noch kein Erfolg, sagt Niklas. Entscheidend sei vielmehr, dass dadurch überhaupt die Chance entsteht, Menschen aus der eigenen Region zu erreichen, und sie im besten Fall als Kund*innen oder zukünftige Mitarbeitende zu gewinnen.
Für Niklas zeigt das vor allem eines: Sichtbarkeit entsteht durch gute Ideen, die konsequent weitergedacht werden und durch den Mut, Dinge auch mal anders zu machen.
Professionell produzierte Recruiting-Kampagne oder spontanes Handyvideo? Für Niklas ist das keine Entweder-oder-Frage. Seine Empfehlung lautet ganz klar: „Eine zweigleisige Taktik.“
Aus seiner Sicht entsteht guter Content dann, wenn beide Formate zusammenspielen. Authentische Smartphone-Videos sorgen für Nähe, Geschwindigkeit und Regelmäßigkeit. Sie füllen den Kanal mit Leben und geben echte Einblicke in den Arbeitsalltag. Professionell produzierte Videos setzen dagegen den strategischen Rahmen: Sie transportieren die Arbeitgebermarke, erzählen Geschichten und schaffen einen hochwertigen Gesamteindruck.
Gerade deshalb empfiehlt Niklas Unternehmen, auch selbst Content zu produzieren. So entwickelten Marketing- und Recruiting-Teams ein besseres Gespür dafür, welche Inhalte funktionieren, und könnten auf Augenhöhe mit externen Partnern zusammenarbeiten. Gleichzeitig stoße Inhouse-Content irgendwann an Grenzen – sei es bei Zeit, Ressourcen oder der Umsetzung größerer Kampagnen.
Sein Fazit: Die Mischung macht's. „Mit einer richtig guten Kampagne kann man die Strategie setzen und einen guten Grundstein legen.“ Der selbst produzierte Content sorgt anschließend für Kontinuität und hält den Kanal dauerhaft lebendig.
Aus Niklas' Sicht scheitern viele Recruiting-Kampagnen an denselben Punkten. Der größte Fehler? Gar nicht erst sichtbar zu werden. Wer offene Stellen ausschließlich auf der eigenen Website oder in Jobportalen veröffentlicht, schöpfe die Möglichkeiten moderner Kommunikation längst nicht mehr aus.
Ebenso wichtig sei es, die eigene Zielgruppe wirklich zu kennen. „Eine Azubi-Kampagne ist ganz anders als eine Kampagne, wo hochqualifizierte Senior Manager gesucht werden“, sagt Niklas. Jede Zielgruppe habe ihre eigenen Kanäle, Erwartungen und Sprache, und genau darauf müsse sich Recruiting-Content einstellen.
Der dritte Fehler knüpft direkt an seine wichtigste Botschaft an: Viele Unternehmen wollen auf Nummer sicher gehen. Für Niklas ist genau das der falsche Ansatz. Er empfiehlt, Content so zu denken, dass er Reaktionen auslöst. „Welche Kommentare soll das Video erzeugen?“, lautet die Frage, die er sich schon bei der Konzeption stellt. Denn erst wenn Menschen kommentieren, teilen oder diskutieren, entsteht die Aufmerksamkeit, die Recruiting heute braucht.
Für Niklas gehört KI heute längst zum Arbeitsalltag. Ob Recherche, Konzeption, Moodboards oder Postproduktion – „KI unterstützt mich wirklich in jedem Bereich meiner Produktion“, sagt er. Sie helfe ihm, Ideen schneller zu entwickeln, Konzepte zu visualisieren und selbst aufwendige Bearbeitungsschritte effizienter umzusetzen. Trotzdem versteht er sie vor allem als Sparringspartner – nicht als Ersatz für Kreativität.
Genau hier zieht er auch die Grenze, besonders im Recruiting. Eine Anfrage, einen Recruitingfilm vollständig mit KI zu produzieren, lehnte er bewusst ab. Der Grund: Bewerber*innen möchten sehen, wie ein Unternehmen wirklich aussieht, wer dort arbeitet und wie sich das Miteinander anfühlt. Ein KI-generierter Film könne all das zwar täuschend echt darstellen – am Ende schaffe er aber Erwartungen, die mit der Realität möglicherweise nichts zu tun haben.
Sein Fazit ist deshalb eindeutig: „Wir behandeln KI als Tool und nicht als Zauberstab.“ Oder, wie er es mit einem Augenzwinkern ausdrückt: „Man kann auch ein cooler Typ sein ohne Porsche.“ Für Niklas ist genau das der entscheidende Unterschied: KI kann echte Geschichten unterstützen, aber niemals ersetzen.
Wie Recruiting-Videos in fünf Jahren aussehen werden? Für Niklas steht fest: Künstliche Intelligenz wird eine noch größere Rolle spielen als heute. Effekte, Animationen oder kreative Übergänge werden immer selbstverständlicher werden. Da am Ball zu bleiben, gehört für ihn zur professionellen Content-Produktion einfach dazu.
Trotzdem ist er überzeugt, dass sich gerade im Recruiting eines nicht ändern wird: Menschen möchten echte Menschen kennenlernen. „Das kann man nicht faken“, sagt er. Wer sich für einen Arbeitgeber entscheidet, treffe schließlich keine spontane Kaufentscheidung, sondern eine Wahl, die oft viele Jahre des eigenen Lebens prägt. Umso wichtiger sei es, authentisch zu zeigen, wie das Unternehmen wirklich ist.
Sein Blick in die Zukunft geht deshalb über KI hinaus. Unternehmen müssten Social Media deutlich ernster nehmen und den Mut haben, sichtbar zu werden. Die Marken, die heute erfolgreich sind, interagieren mit ihrer Community, reagieren auf Trends und schaffen Aufmerksamkeit. Nicht, weil sie die beste Technik nutzen, sondern weil sie präsent sind. Oder, wie Niklas es während des gesamten Gesprächs immer wieder betont: „Lieber unangenehm auffallen, anstatt in der Masse unterzugehen.“
Lieber Niklas,
vielen Dank für dieses spannende Gespräch. Wir arbeiten schon seit vielen Jahren gemeinsam an Recruiting- und Employer-Branding-Projekten und genau deshalb schätze ich deinen Blick auf Bewegtbild, Content und die junge Zielgruppe besonders.
Deine Gedanken zeigen, dass erfolgreiche Kommunikation heute mehr braucht als die neueste Technik. Es sind Authentizität, gute Ideen und der Mut, neue Wege zu gehen, die Menschen wirklich erreichen.
Ich freue mich auf viele weitere gemeinsame Projekte und bin mir sicher, dass dieses Interview vielen Unternehmen wertvolle Impulse für ihr Azubi-Recruiting mitgeben wird.
Bis bald!
Susanne Peters – Einstieg Concept
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