Anna Sänger: Hands on, Tausendsassa und begeisterungsfähig

Warum haben viele junge Menschen bis heute kaum Berührungspunkte mit Handwerk und Industrie? Was macht erfolgreiche Nachwuchsgewinnung wirklich aus? Und warum braucht es manchmal vor allem eines: den Mut, neue Wege zu gehen?

Darüber hat Julia Klingen von Einstieg Concept mit Anna Sänger gesprochen. Über Sichtbarkeit, die unterschätzten Chancen der Metallindustrie und darüber, warum echte Einblicke oft wirkungsvoller sind als die perfekte Recruiting-Kampagne. 

Ein Gespräch über Nachwuchsgewinnung, Perspektiven und die Frage, wie Unternehmen junge Menschen aktuell wirklich erreichen.

Inside the Mind: Wer ist Anna Sänger?

„Hands on, Tausendsassa und begeisterungsfähig.“ Mit diesen drei Worten beschreibt sich Anna Sänger selbst und leitet damit einen Dialog ein, der noch lange nachklingen wird.

Denn Anna bewegt sich zwischen verschiedenen Welten: Sie kennt die Praxis in der Werkstatt ebenso wie die strategische Perspektive aus ihrer Zeit in der Unternehmensberatung. Als Schweißerin, Gründerin und Beraterin setzt sie sich heute dafür ein, die Metallbranche und die Persönlichkeiten dahinter sichtbarer zu machen und Unternehmen dabei zu unterstützen, junge Talente für ihre Zukunft zu gewinnen. 

Mit ihrer Arbeit macht sie das Handwerk für Menschen greifbar, die bislang kaum Berührungspunkte damit hatten, mit spürbarer Begeisterung für ihr Thema. 

Auf der Suche nach dem „Mehr“

Manchmal sind es nicht einzelne Erlebnisse, die einen Menschen prägen, sondern Vorbilder und Gedanken, die sich über Jahre hinweg zu einem größeren Bild zusammensetzen. Bei Anna waren es vor allem Frauen, die sie über Podcasts, Social Media oder LinkedIn verfolgt hat. Frauen, die sichtbar waren, für ihre Themen einstanden und den Mut hatten, ihre Perspektiven nach außen zu tragen. 

„Diese Grundidee, [...] dass man für ein Thema einsteht und das nach vorne trägt, das fand ich total inspirierend“, erzählt sie. Lange Zeit habe sie dabei weniger nach einem konkreten Thema gesucht als nach etwas, für das sie selbst brennen könnte. 

Es waren viele kleine Momente und Gedanken, die sich über die Zeit zu einem immer klareren Gefühl verdichteten: Da muss noch mehr sein. „Ich habe genau das geschafft, was ich unbedingt werden wollte“, sagt sie rückblickend. Gleichzeitig wurde ihr immer bewusster, dass sie nach einer Aufgabe suchte, mit der sie sich wirklich identifizieren konnte. „So diese Magie dahinter zu haben, dass man sagt: Das ist wirklich ein bisschen mehr, als dass es einfach nur okay ist.“ 

Schließlich zog sie die Konsequenz und verließ die Unternehmensberatung, ohne einen fertigen Plan in der Tasche zu haben. „Ich habe einfach gekündigt und mir gedacht: Wird sich schon fügen“, sagt Anna. Letztendlich war genau dieser Schritt der Ausgangspunkt für ihren Weg und für das Thema, für das sie heute mit voller Überzeugung einsteht.

Überall präsent, aber selten im Kopf

Dieses Thema ist Metall. Ein Industriezweig, den Anna täglich erlebt und den sie gleichzeitig als einen der meistunterschätzten überhaupt erlebt. 

Warum das so ist, erklärt Sie so: „Die meisten Leute haben einfach gar keinen Zugang zur Metallbranche“. Für sie ist das einer der größten Widersprüche. Denn obwohl Metall die Grundlage für zahlreiche Wirtschaftszweige bildet und uns im Alltag permanent begegnet, fehlt vielen Menschen ein konkretes Bild von den Gewerken dahinter. 

Während z.B. Holz oft mit Emotionen, Erinnerungen oder persönlichen Erfahrungen verbunden wird, bleibt Metall für viele abstrakt. Dabei steckt es in Gebäuden, Infrastruktur, Möbeln, Fahrzeugen und unzähligen Produkten, die wir täglich nutzen. „Man kann eigentlich keine zwei Meter gehen, ohne dass man irgendwas aus Metall sieht.“ sagt sie lachend.

Dass die Branche trotzdem so wenig sichtbar ist, hat für sie mehrere Gründe. Viele Unternehmen agieren als erfolgreiche Hidden Champions im Hintergrund und mussten sich lange Zeit nicht aktiv erklären oder vermarkten. Gleichzeitig werde oft sehr technisch kommuniziert – verständlich für Fachleute, aber schwer zugänglich für Außenstehende. 

Genau deshalb setzt Anna auf einen anderen Ansatz. Statt nur über Verfahren und Produkte zu sprechen, möchte sie zeigen, welche Geschichten dahinterstecken. Wie entsteht ein Möbelstück? Welche Rolle spielt Metall für Nachhaltigkeit, Mobilität oder die Energiewende? „Man muss sich eigentlich nur überlegen, wie man es schafft, dass Leute dazu einen Bezug bekommen.“ 

Für die Nachwuchsgewinnung liegt darin eine wichtige Chance. Denn wer die Bedeutung einer Branche nicht kennt, wird sich auch kaum vorstellen können, dort seine berufliche Zukunft zu finden. Sichtbarkeit beginnt deshalb dabei, Menschen zu zeigen, was hinter dem Sektor steckt.

Präsenz ist kein Nice-to-have mehr

Wenn Anna über Nachwuchsgewinnung spricht, wird schnell deutlich: Die Spielregeln haben sich verändert. Vor einigen Jahren mussten viele Unternehmen noch davon überzeugt werden, dass Social Media überhaupt ein relevanter Kanal für die Ansprache junger Menschen sein könnte. „Da waren alle Unternehmen absolut skeptisch“, erinnert sie sich.

Heute sieht das anders aus. „Ich sehe, dass viel aktiver geworben wird, dass der Wettbewerb deutlich steigt und dass die Inhalte insgesamt auch professioneller werden.“ sagt Anna klar.

Gerade für das Handwerk sieht sie viele Chancen. Denn während größere Unternehmen mit Budgets und Ressourcen punkten, haben kleinere Betriebe einen anderen Vorteil: Sie können echte Einblicke geben, Persönlichkeiten zeigen und Nähe schaffen. „Eigentlich ist das ein Geschenk des Himmels“, sagt sie über die Möglichkeiten von Social Media im Handwerk.

Gleichzeitig weiß Anna aus ihrer Arbeit mit Betrieben, dass die Umsetzung nicht immer einfach ist. Viele kleinere Unternehmen haben weder eigene Marketingabteilungen noch unbegrenzte Zeitressourcen. Umso wichtiger sei es, die Stärken zu nutzen, die bereits vorhanden sind: authentische Geschichten, echte Menschen und ein Arbeitsalltag, der jungen Menschen oft viel mehr bietet, als ihnen bewusst ist.

Für Unternehmen bedeutet das: Sichtbarkeit ist heute keine Zusatzaufgabe mehr. Wer Nachwuchs gewinnen möchte, muss zeigen, wer er ist, und zwar dort, wo junge Menschen unterwegs sind.

Fehlende Berührungspunkte, fehlende Chancen

Für Anna beginnt die Herausforderung bei der Nachwuchsgewinnung nicht erst bei der Bewerbung, sondern viel früher. „Ich glaube, das größte Problem ist erstmal generell der Zugang“, sagt sie. Viele junge Menschen haben heute kaum noch Berührungspunkte mit dem Handwerk oder der Industrie. Wer nicht über Familie, Freundeskreis oder das eigene Umfeld mit diesen Berufen in Kontakt kommt, zieht sie häufig gar nicht erst als Möglichkeit in Betracht. 

Genau das beschäftigt Anna besonders. Denn aus ihrer Sicht gehen dadurch Chancen verloren. Nicht nur für Unternehmen, sondern auch für junge Menschen selbst. Viele Berufsbilder seien mit überholten Vorstellungen belegt, obwohl sich das Handwerk in den vergangenen Jahren stark verändert habe. Digitalisierung, moderne Technologien und neue Karrierewege gehörten längst zum Alltag. „Ganz viele Leute unterschätzen das“, erklärt sie. 

Deshalb setzt sie sich dafür ein, die Möglichkeiten hinter den Berufen sichtbarer zu machen. Nicht, weil sie junge Menschen von einem bestimmten Weg überzeugen möchte, sondern weil sie ihnen echte Wahlmöglichkeiten eröffnen will. „Ich erlebe diese Generation eigentlich als total engagiert und leistungsfähig“, betont Anna. Was aus ihrer Sicht oft fehlt, sind Menschen, die eine Tür öffnen. Denn nur wer die Chancen kennt, kann sich bewusst für sie entscheiden. 

Eine neue Ehrlichkeit im Ausbildungsmarketing

Wenn Anna mit jungen Menschen spricht, hört sie immer wieder dieselbe Botschaft: Sie wollen wissen, worauf sie sich einlassen. Nicht in Form von Hochglanzbroschüren oder perfekt inszenierten Imagefilmen, sondern durch wahrhaftige Eindrücke aus dem Arbeitsalltag. 

„Sie wollen einfach sehen, wie es wirklich ist“, erzählt sie. Wer wird später mein Ausbilder sein? Wie ticken die Kolleg:innen? Wie sieht ein typischer Montag aus? Und wo kann ich nach der Ausbildung stehen? Genau diese Fragen beschäftigen viele Jugendliche deutlich stärker als allgemeine Aussagen über Unternehmenskultur oder Benefits. 

Für Unternehmen kann darin ein Schlüsselmoment liegen. Denn statt auf allgemeine Versprechen zu setzen, können sie zeigen, was sie im Kern ausmacht.

Besonders spannend findet sie dabei, wie selbstbewusst die junge Generation heute auftritt. Bei einem Schulbesuch in einem Betrieb erlebte sie, wie Schüler:innen ganz selbstverständlich Rückfragen stellten und offen formulierten, was sie sich gewünscht hätten. Eine Situation, die sie beeindruckt hat. „Ich hätte mich mit 16 niemals getraut, mich da hinzustellen und so ein Feedback zu geben.“ 

Für Anna ist genau das eine Entwicklung, von der beide Seiten profitieren können. Junge Menschen möchten ernst genommen, eingebunden und gefördert werden. Unternehmen wiederum gewinnen motivierte Nachwuchskräfte, wenn sie Ausbildung als gemeinsame Entwicklung verstehen.

Anna baut Brücken zwischen Schule und Betrieb

Anna Sänger arbeitet an der Schnittstelle von Handwerk, Industrie, Bildung und Kommunikation. Gemeinsam mit Unternehmen entwickelt sie Projekte, die Berufe erlebbar machen und jungen Menschen neue Perspektiven eröffnen – von Social-Media-Kampagnen über Schulkooperationen bis hin zu Workshops und Vorträgen. 

Ihr Ziel: Echte Berührungspunkte und Verbindungen durch ihr gewachsenes Netzwerk zu schaffen, die ggf. nie entstanden wären.

„Ich gucke einfach: Wo kann ich eigentlich am besten helfen?“ 

Erst begeistern, dann überzeugen

Wenn Anna an besonders erfolgreiche Ausbildungsbetriebe denkt, fällt ihr vor allem eines auf: „Die sind mutiger und probieren mehr aus“, sagt sie. Statt lange zu überlegen, ob eine Idee funktionieren könnte, testen sie neue Formate, sammeln Erfahrungen und entwickeln ihre Ansprache Schritt für Schritt weiter. 

Dabei richten sie ihren Blick konsequent auf die Zielgruppe. Nicht darauf, was sie selbst gut finden, sondern darauf, was junge Menschen anspricht. „Wo sind junge Leute, worauf haben die Lust?“ Diese Frage sei oft entscheidender als die perfekte Kampagne. 

Besonders deutlich wird das für Anna auf Ausbildungsmessen. Dort erlebt sie immer wieder, wie unterschiedlich Betriebe um Aufmerksamkeit werben. Manche schaffen es, aus ihrem Stand ein Erlebnis zu machen, mit Mitmachaktionen, kleinen Challenges oder einfach einer Atmosphäre, die neugierig macht.

Für Anna steckt darin eine wichtige Erkenntnis. Bevor junge Menschen sich für einen Beruf interessieren, müssen sie erstmal stehen bleiben. Aufmerksamkeit ist der erste Schritt. Das eigentliche Gespräch kommt danach. „Dann kann man sich mit denen unterhalten und vielleicht fachlichere Sachen machen.“ sagt sie.

Erfolgreiche Nachwuchsgewinnung beginnt aus ihrer Sicht also nicht mit dem Bewerbungsformular, sondern mit einem Moment, der Interesse weckt. Unternehmen, die das verstanden haben, schaffen Erlebnisse statt Informationsstände. Und genau das bleibt jungen Menschen in Erinnerung.

Warum Mut oft der beste Plan ist

Zum Abschluss kehrt Anna noch einmal zu dem zurück, was sich durch das gesamte Gespräch gezogen hat: Mut. Ihr Rat an Unternehmen ist so einfach wie klar: „Einfach mal machen.“ 

Statt an der perfekten Strategie zu feilen, empfiehlt sie, sichtbar zu werden, den eigenen Arbeitsalltag zu zeigen und Erfahrungen zu sammeln. Was funktioniert und was nicht, zeigt sich oft erst in der Praxis. 

Für Anna ist Azubigewinnung kein starres Konzept, sondern etwas, das sich ständig weiterentwickelt. Die Erwartungen junger Menschen verändern sich, genauso wie die Wege, auf denen Unternehmen sie erreichen. Umso wichtiger sei es, offen zu bleiben, Neues auszuprobieren und ins Handeln zu kommen. „Bei allen Betrieben, die ich bis jetzt betreut habe, ist Mut eigentlich immer der Schlüsselmoment.“ 

Ein Satz, der nicht nur ihre Sicht auf erfolgreiche Nachwuchsgewinnung beschreibt, sondern auch ihren eigenen Weg erstaunlich gut zusammenfasst.

Zum Schluss – ein Wort von Julia Klingen, Einstieg Concept

Liebe Anna, 

selten habe ich ein Gespräch geführt, in dem so viele unterschiedliche Welten zusammenkommen. Werkstatt, Nachwuchsgewinnung, Social Media, Bildung und Unternehmenswelt, und trotzdem ergibt alles ein stimmiges Gesamtbild. 

Besonders beeindruckt hat mich, wie selbstverständlich du zwischen diesen Spielwiesen wechselst und dabei Verbindungen schaffst – zwischen Unternehmen, jungen Menschen und den Themen, die dir am Herzen liegen. 

Vielen Dank für deine tolle Energie, deine Offenheit und die Begeisterung, die in jedem deiner Themen spürbar wird. Das Gespräch hat mir neue Perspektiven eröffnet und vor allem richtig viel Freude gemacht. 

Bis bald 

Julia Klingen – Einstieg Concept 

Autorin

Julia Klingen

Seit rund 18 Jahren bin ich Teil der Einstieg GmbH und beschäftige mich heute intensiv mit den Themen B2B-Marketing, Content, LinkedIn und modernes NextGen Recruiting. Mich treibt die Frage an, wie Institutionen junge Menschen nicht nur erreichen, sondern wirklich für sich gewinnen können. In unserer monatlichen Interviewreihe Inside NextGen spreche ich mit Recruiter:innen, HR-Verantwortlichen und Expert:innen über erfolgreiche Ideen, Herausforderungen und Trends im Ausbildungs- und Hochschulmarketing. Unser Ziel: Erfahrungen aus der Praxis teilen, neue Perspektiven eröffnen und Impulse liefern, die Lust machen, Recruiting neu zu denken.

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