Was die Generation von morgen wirklich bewegt
Wer sich tagtäglich für die Interessen von Schüler*innen einsetzt, bekommt einen unmittelbaren Einblick in ihre Lebensrealität. Amy Kirchhoff erlebt dabei immer wieder, dass hinter den unterschiedlichsten Anliegen oft dieselben Herausforderungen stehen. „Im größeren Bild sind es oft die gleichen Themen“, erzählt sie.
Ganz oben auf der Liste steht die mentale Gesundheit. Immer häufiger hört Amy Sätze wie: „Mir geht es schlecht in meiner Schule“, „Ich fühle mich nicht wohl“ oder „Ich mache mir Sorgen um meine Zukunft.“ Gleichzeitig wünschen sich viele junge Menschen mehr Mitbestimmung, sowohl im Schulalltag als auch in gesellschaftlichen Fragen. Für Amy sind fehlende Partizipation und mangelnde Selbstwirksamkeit deshalb zentrale Themen ihrer Generation.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, der viele Schüler*innen beschäftigt: der zunehmende Rechtsextremismus an Schulen. Für Amy ist klar, dass dieses Problem längst nicht mehr auf einzelne Regionen beschränkt ist. „Es ist kein sächsisches Problem, sondern durchaus ein gesamtdeutsches.“, betont sie.
Zwischen Leidenschaft und Zukunftssicherheit
Die Berufswahl gehört zu den größten Entscheidungen im Leben junger Menschen. Heute kommt jedoch eine neue Dimension hinzu: die Sorge um die eigene Zukunft. Viele Schüler*innen stellen sich heute weniger die Frage, was sie begeistert, sondern vielmehr, was ihnen langfristig Sicherheit bietet. Zukunftsängste, wirtschaftliche Unsicherheiten und gesellschaftliche Krisen spielen dabei eine immer größere Rolle.
Hinzu kommen ganz praktische Herausforderungen. Amy erlebt das gerade selbst bei ihrer Studien- und Berufswahl. „Ich habe mir auch Ausbildungsberufe angeguckt. Aber wenn ich weiß, dass ich im ersten Lehrjahr nur 350 Euro bekomme, das funktioniert halt einfach nicht“, sagt sie. Steigende Wohnkosten und geringe Ausbildungsvergütungen machen viele Entscheidungen zur Rechenaufgabe.
Besonders schade findet Amy, dass dadurch oft die eigenen Interessen in den Hintergrund rücken. „Viele Leute studieren gar nicht nach Interesse, sondern nach dieser Zukunftsperspektive: Womit kann ich denn noch arbeiten in zwanzig Jahren?“. Dabei seien die Möglichkeiten für junge Menschen heute so vielfältig wie nie zuvor, und trotzdem falle vieles durchs Raster, weil die Sorge um die eigene Zukunft häufig schwerer wiege als die Begeisterung für einen Beruf.
Warum die Gen Z mehr Zutrauen verdient
Kaum eine Generation wird derzeit so intensiv diskutiert wie die Gen Z, und gleichzeitig so häufig mit Klischees belegt. „Die wollen doch gar nicht arbeiten“ oder „Früher war alles besser“, hört Amy immer wieder. Für sie greifen solche Urteile viel zu kurz. „Ich finde das in ganz vielen Teilen sehr, sehr frech, weil es einfach eine Falschdarstellung ist“, sagt sie.
Statt mangelnder Motivation erlebt Amy vor allem eines: eine Generation, die sich engagiert. Sie verweist darauf, dass junge Menschen heute zu den ehrenamtlich aktivsten Generationen seit Langem gehören. Trotzdem fehle ihnen häufig das Vertrauen, eigene Ideen umzusetzen und Verantwortung zu übernehmen.
Genau darin sieht Amy eine gemeinsame Aufgabe für Schule, Eltern und auch Unternehmen. Junge Menschen bräuchten Menschen, die ihnen etwas zutrauen, statt sie vorschnell auszubremsen. „Wir müssen gesellschaftlich mehr zu dem Punkt kommen, dass es in Ordnung ist, auch mit Ideen zu scheitern“, sagt sie. Denn wer Verantwortung übernehmen soll, braucht auch die Chance, Erfahrungen zu sammeln. Oder wie Amy es formuliert: „Wir sollten weniger Nein sagen und öfter einfach mal machen lassen.“
Mehr Praxis für den Start ins Berufsleben
Der Übergang von der Schule in Ausbildung oder Studium ist für viele junge Menschen mit Unsicherheiten verbunden. Für Amy Kirchhoff liegt das nicht nur an der Vielzahl der Möglichkeiten, sondern auch daran, dass Schule heute noch zu selten auf das vorbereitet, was danach kommt. Aus ihrer Sicht hat sich die Welt in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert, das Schulsystem dagegen vielerorts kaum. Kompetenzen wie Resilienz, Stressbewältigung oder der Umgang mit Veränderungen kämen im Schulalltag zu kurz, obwohl sie im späteren Berufsleben unverzichtbar sind.
Besonders deutlich wird das beim Thema Berufsorientierung. Amy hatte das Glück, bereits während ihrer Schulzeit regelmäßig Praxiserfahrungen zu sammeln. Sie ist überzeugt: Praktika sind weit mehr als ein erster Einblick in die Arbeitswelt. Sie helfen jungen Menschen dabei, eigene Interessen zu entdecken und herauszufinden, welcher Weg wirklich zu ihnen passt.
Genau deshalb wünscht sie sich mehr verbindliche Praxisangebote an Schulen. Freiwillige Praktika in den Ferien hält sie dagegen für wenig realistisch. „Dann habe ich natürlich noch große Lust, in diesen sechs Wochen Sommerferien freiwillig unbezahlt ein Praktikum zu machen“, sagt sie mit einem Augenzwinkern.
Was junge Talente heute von Arbeitgebern erwarten
Wenn Amy mit ihrem Freundes- und Bekanntenkreis über den Berufseinstieg spricht, geht es selten zuerst um Gehalt oder Benefits. Viel wichtiger ist für viele die Frage, ob das Umfeld stimmt. „Ich glaube, dieses Teamgefühl ist einfach ganz, ganz wichtig“, sagt sie. Junge Menschen wünschen sich Arbeitgeber, die auf Augenhöhe begegnen, zuhören und sich auf unterschiedliche Lebensrealitäten einlassen.
Aus Amys Sicht reicht es deshalb längst nicht mehr aus, mit klassischen Extras zu werben. Entscheidend seien eine wertschätzende Unternehmenskultur, echte Flexibilität und eine Feedbackkultur, bei der Ideen nicht nur gehört, sondern auch ernst genommen werden.
Auch neue Arbeitsmodelle sollten ihrer Meinung nach offen diskutiert werden. Die Vier-Tage-Woche nennt sie dabei als Beispiel. Für Amy geht es dabei weniger um ein konkretes Modell als um die Bereitschaft, Arbeitswelt neu zu denken und gemeinsam Lösungen zu finden, die den Bedürfnissen beider Seiten gerecht werden.
Bildung braucht endlich Priorität
Müsste Amy Kirchhoff nur eine bildungspolitische Entscheidung treffen, würde sie sich schwer tun. Für sie greifen viele Herausforderungen ineinander und lassen sich nur gemeinsam lösen. Zwei Themen stehen dabei für sie besonders im Fokus: mehr Investitionen in Bildung und eine grundlegende Reform des Schulsystems.
Aus ihrer Sicht fehlt es nicht an guten Ideen, sondern häufig an den notwendigen Ressourcen. Ob Sanierungen, Digitalisierung, Fortbildungen oder multiprofessionelle Teams, vieles scheitere daran, dass Bildung noch immer nicht den Stellenwert bekomme, den sie verdiene. „Ich glaube, dass wir ganz viele Probleme zumindest im Ansatz lösen könnten, wenn es einfach mehr Geld gäbe“, sagt sie.
Gleichzeitig plädiert Amy dafür, Schule grundlegend neu zu denken. Sie stellt auch bestehende Strukturen wie den Bildungsföderalismus infrage und wünscht sich mehr Mut, erfolgreiche Konzepte über Bundesländer hinweg zu übernehmen. Für sie steht fest: Bildung braucht nicht nur punktuelle Verbesserungen, sondern den Willen, das System zukunftsfähig zu gestalten.