Technik ist heute mehr grüne Transformation als graue Industrie

Stefan Grötzschel vom VDMA über KI-Angst, Erfindergeist und warum Eltern keine Mathe-Genies sein müssen.

MINT-Berufe gelten oft als trocken und kompliziert. Doch die Realität in den technischen Betrieben sieht längst anders aus: Es geht um Nachhaltigkeit, Teamarbeit und die Sicherheit im digitalen Wandel. Stefan Grötzschel vom VDMA (Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau) erklärt, warum Technik die perfekte Zukunftschance bietet und wie Eltern Potenziale ihrer Kinder jenseits von Schulnoten entdecken. 

Der Experte

Stefan Grötzschel verantwortet beim VDMA die Themen Nachwuchswerbung und Schulpolitik. Mit der Plattform TALENTMASCHINE.de bietet der VDMA Jugendlichen sowie Eltern eine zentrale Anlaufstelle, die zeigt, wie modern, sauber und zukunftssicher die Arbeit in der technischen Welt heute ist.

Einstieg: Stefan, wenn Eltern das Wort MINT hören, denken viele sofort an trockene Formeln und Schulbücher. Wie erklärst du das Thema Eltern und ihren Kindern, damit der Funke bei den Jugendlichen wirklich überspringt?


Stefan Grötzschel: Schaut euch doch mal morgens zu Hause um: Der Wecker klingelt auf dem Smartphone, das Wasser für den Tee wird im Wasserkocher heiß, und später rollt die Straßenbahn an. Das ist alles Technik, die unsere Welt überhaupt erst am Laufen hält. Uns geht es darum, genau diesen Blick zu schärfen – weg von der Theorie, hin zum puren Erfindergeist. Es geht bei MINT um den Spaß an echten Lösungen: etwas Eigenes erschaffen, tüfteln, Herausforderungen meistern. Im Grunde ist das genau wie Lego-Bauen oder ein Baumhaus zimmern, nur eben für Erwachsene. Natürlich ist Mathe ein Werkzeug, das man dafür irgendwann braucht. Aber eine schlechte Note ist absolut kein Indikator für mangelndes Talent. Viel wichtiger ist die Lust am Machen und Erfinden!

“Wir müssen weg von der reinen Fixierung auf Mathe-Noten. Viel wichtiger für die Technik ist der Erfindergeist und der Spaß daran, Lösungen für reale Probleme zu konstruieren.”

Stefan Grötzschel

Einstieg: Viele sind nach wie vor der Meinung, Technik sei eine reine Männerdomäne. Was sagst du Eltern, deren Kinder zwar kreativ und neugierig sind, aber das Gefühl haben, nicht in das klassische Klischee zu passen?


Stefan Grötzschel: Das ist leider immer noch ein großes Thema. In den technischen Ausbildungsberufen liegt die Frauenquote nur bei 10 bis 15 Prozent, Es gibt also ein riesiges, ungenutztes Potenzial, weil die alten Rollenklischees tief in unserer Gesellschaft stecken. Bis zum Grundschulalter interessieren sich alle Kinder gleichermaßen für technische Zusammenhänge. Erst danach setzt der gesellschaftliche Druck ein, sich normgerecht zu verhalten. Das ist eine Aufgabe, die wir schon im Kindergarten anpacken müssen. Technikinteresse ist keine Geschlechter-, sondern eine Persönlichkeitsfrage. Um Mädchen zu begeistern, müssen wir Formate und Inhalte oft anders labeln oder zeitgemäßes Storytelling auf Social Media nutzen. Wir müssen zeigen, dass die Praxis in der Lehrwerkstatt Spaß macht und nichts mit alten Vorurteilen zu tun hat.

Wie ihr verstecktes Technik-Interesse eures Kindes erkennt 

  • Hinterfragt euer Kind die Welt? 

    Beobachtet mal, ob euer Kind wissen möchte, wie die Dinge im Alltag eigentlich funktionieren, zum Beispiel, wie das Internet überhaupt in das Smartphone kommt. Genau dieses neugierige Hinterfragen von Prozessen ist das Fundament jeder technischen Entwicklung. 

  • Wird zu Hause gerne angepackt und getüftelt?

    Egal ob beim gemeinsamen Reparieren des Fahrrads, beim Basteln in der Freizeit, beim Bauen mit Lego und ähnlichen Konstruktionsspielzeugen oder beim kreativen Experimentieren mit digitalen Tools: Wer gerne selbst gestaltet, Dinge ausprobiert und eigene Ideen in die Tat umsetzt, bringt bereits die wichtigste technische Kernkompetenz mit – den Erfindergeist. 

  • Werden Games und Apps nicht nur konsumiert, sondern gestaltet?

    Schaut mal hin, wie euer Kind mit digitalen Medien umgeht. Wird nicht nur passiv durch Social Media gescrollt, sondern am PC oder an der Konsole getüftelt? Wer eigene Welten baut, Funktionen in Spielen ausreizt oder sich dafür interessiert, wie eine App im Hintergrund aufgebaut ist, zeigt echtes Potenzial für die digitale Technik von morgen. 

Einstieg: Viele Jugendliche möchten heute einen Beruf ausüben, mit dem sie etwas bewegen können. Wie viel Weltretter-Potenzial steckt tatsächlich in einer technischen Ausbildung oder einem entsprechenden MINT-Studium?


Stefan Grötzschel: Wenn euer Kind die Welt retten möchte, muss es nicht zwingend Umweltaktivist werden. Viel wirksamer sind Berufe wie Umweltingenieur oder Umweltingenieurin – denn Lösungen für ein besseres Klima, sauberes Wasser und erneuerbare Energien brauchen am Ende immer Technik, die in unseren Betrieben gebaut wird! Gleichzeitig erleben wir in unseren Studien, dass der stärkste Antrieb für die Jugendlichen heute schlicht der Wunsch nach einer sicheren Zukunft ist. Sie wollen einen stabilen Job und eine ordentliche Bezahlung. Dass sie dabei Themen wie Work-Life-Balance und faire Bedingungen lauter einfordern, ist für sie völlig selbstverständlich. Das fordern sie gar nicht stärker als wir Erwachsenen, sie sind da nur selbstbewusster. Und der Maschinenbau als Rückgrat der deutschen Wirtschaft bietet genau das: krisenfeste Arbeitsplätze, eine hervorragende Ausbildung und tolle Bedingungen. Viele Familien haben diese Unternehmen nur oft gar nicht auf dem Schirm, weil sie im Supermarktregal nicht direkt auftauchen. Sie produzieren eben nicht die Coca-Cola, sondern die hochkomplexen Maschinen, die Coca-Cola am Ende kauft.

“Klimaschutz braucht nicht nur Engagement auf der Straße, sondern auch Menschen, die die konkreten Lösungen entwickeln und bauen.”

Stefan Grötzschel

Einstieg: Beim Thema Künstliche Intelligenz haben viele Eltern Angst, dass technische Berufe bald überflüssig werden. Gibt es ein Argument, das diese Sorge nimmt?


Stefan Grötzschel: Bitte habt hier als Eltern keine Angst, sondern ermutigt eure Kinder, diese Chancen zu nutzen! Klar ist: Einfache Programmieraufgaben oder reine Hilfstätigkeiten wird die KI künftig sicher übernehmen. Aber genau deshalb brauchen wir Menschen, die über der KI stehen. Wir brauchen Fachkräfte, die die Prozesse überwachen und Fehler im System erkennen. Denn eine KI halluziniert, erfindet oder manipuliert Daten, nur um dem Nutzer zu gefallen. Man benötigt hervorragend ausgebildete Köpfe, die die industriellen Produktionsprozesse ganzheitlich verstehen und die Ergebnisse der KI richtig beurteilen können. Wer sich hier auskennt, hat auf dem Arbeitsmarkt einen enormen Vorsprung! Durch den demografischen Wandel gehen in den nächsten zehn Jahren so viele Fachkräfte in Rente, dass wir diese Lücke ohne Automatisierung und Digitalisierung gar nicht schließen können. Ein technischer Beruf ist heute deshalb zukunftssicherer als viele klassische Schreibtisch-Karrieren. 

Einstieg: Auf unseren Messen beobachten wir oft zwei Extreme: Eltern, die alle Gespräche für ihr Kind führen, oder Jugendliche, die völlig orientierungslos sind. Wie sieht die richtige Balance bei der Unterstützung aus?


Stefan Grötzschel: Seid ehrlich zu euch selbst: In der achten, neunten oder zehnten Klasse sind viele Jugendliche schlicht noch nicht so weit, diesen ganzen Prozess komplett allein zu steuern. Da ist eure Unterstützung extrem wichtig. Gleichzeitig solltet ihr euren Kindern aber nicht alles vorkauen. Wenn immer nur die Eltern im Unternehmen anrufen, um einen Platz zu organisieren, kommt das in den Betrieben einfach nicht gut an. Es braucht von euch den richtigen Schubs zur richtigen Zeit, damit das Kind sich selbst traut, aktiv zu werden. Genau darum geht es auch bei unseren Angeboten wie den digitalen Elternabenden, die wir gemeinsam mit der Siegelakademie des Berufswahlsiegels organisieren. Dort liefert die Jugendforschung wissenschaftliche Impulse zu eurer Rolle als Berufsberater, während Auszubildende und Studierende als authentische Role Models in virtuellen Räumen direkt aus ihrem Alltag berichten. Das spricht eher den Bauch als das Hirn an und hilft euch zu spüren, ob ein bestimmter Typ Mensch und Weg zu eurem eigenen Kind passen könnte. 

"Begleitet den Prozess aktiv, aber handelt nicht für euer Kind. Der richtige Schubs zur richtigen Zeit ist entscheidend, damit Jugendliche lernen, selbstständig auf Betriebe zuzugehen."

Stefan Grötzschel

Einstieg: Wie finden Eltern denn diese eher unbekannten Unternehmen, die genau das richtige Match für das eigene Kind sein könnten? 


Stefan Grötzschel: Unsere Initiative TALENTMASCHINE.de bietet euch da zwei hervorragende Hebel. Neben der klassischen Stellenbörse haben wir eine große, interaktive Landkarte integriert. Dort tragen Unternehmen ihre regionalen Events ein – vom Tag der offenen Tür bis zum Praktikum. Das ist für euch extrem wertvoll, um die sogenannten „Hidden Champions“ direkt in eurer Region zu entdecken. Das sind Betriebe, deren Namen ihr im Alltag vielleicht noch nie gehört habt, die aber weltweit führend sind. Häufig entstehen auf ihren Maschinen oder mit ihrer Technologie Produkte, die wir alle aus dem Alltag kennen – von Möbeln über Lebensmittel bis hin zu Verpackungen oder Smartphones. Genau für diese spannenden Zusammenhänge könnt ihr die Augen eures Kindes öffnen. 

Die wichtigsten Tipps für Eltern und Jugendliche

  • Macht Praktika und nutzt die Ferien
    Ein Praktikum macht aus grauer Theorie spannende praktische Erfahrungen. Nur so zeigt sich im Alltag, ob die Arbeit wirklich Spaß macht. Auch wenn es Überwindung kostet: Wer ein paar Wochen der Schulferien investiert, gewinnt unbezahlbare Erkenntnisse. Achtet bei der Auswahl auf Betriebe mit guten Konzepten, bei denen Jugendliche am Ende sogar etwas Selbstgebautes mit nach Hause nehmen können. 

  • Analysiert gemeinsam die echten Motive
    Fragt euer Kind, was es antreibt. Ehrlichkeit ist hier besonders wichtig. Sind Status und Reichtum die Hauptmotivation? Dann plant die Berufswahl entsprechend. Will euer Kind lieber die Welt und das Klima retten (und dabei gut verdienen)? In der Technik liegen die konkreten Werkzeuge dafür. Viele mittelständische Technologieunternehmen bieten nicht nur einen sicheren Einstieg, sondern auch langfristige Perspektiven und echte Entwicklungschancen. Ingenieurwissenschaften gelten nicht umsonst als Aufsteiger-Studium. 

  • Öffnet den Blick für die „Hidden Champions“
    Die bekanntesten Marken im Alltag sind meistens die großen Konsumriesen. Doch die echte Wirtschaftskraft sitzt oft in Firmen, deren Namen ihr noch nie gehört habt. Sucht in eurer Region gezielt nach diesen unbekannten Weltmarktführern. Macht auf der nächsten Messe ein Spiel daraus: Steuert ganz bewusst zwei oder drei völlig unbekannte Unternehmen an – dort warten oft hochmoderne Arbeitsplätze, exzellente Chancen und Betriebe, die händeringend nach Nachwuchs suchen.

Infobox: Wer ist der VDMA? 

Der VDMA (Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau) ist das größte Branchennetzwerk der europäischen Maschinenbauindustrie. Der Verband vertritt die wirtschaftlichen, technischen und wissenschaftlichen Interessen von rund 3.600 Mitgliedsunternehmen. 

Neben der politischen Interessenvertretung engagiert sich der VDMA intensiv in der Schulpolitik und Nachwuchswerbung, um Jugendlichen den Einstieg in technische Zukunftsberufe zu ebnen. Ein zentrales und kostenfreies Angebot des Verbandes ist das Orientierungsportal TALENTMASCHINE.de, das Praktika, Ausbildungsplätze, duale Studiengänge und regionale Events bündelt.

Autorin

Susanne Peters

Seit über 20 Jahren arbeite ich bei Einstieg und leite heute unsere Beratungsunit Einstieg Concept. In dieser Zeit habe ich mit unzähligen Unternehmen gesprochen, die Azubis suchen, mit Hochschulen, die Studierende gewinnen wollen – und natürlich mit vielen Jugendlichen, die mitten im Prozess der Berufsorientierung stehen. Auf unseren Einstieg Messen erlebe ich hautnah, welche Fragen, Zweifel und Träume junge Menschen haben. 

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