Einstieg: Beim Thema Künstliche Intelligenz haben viele Eltern Angst, dass technische Berufe bald überflüssig werden. Gibt es ein Argument, das diese Sorge nimmt?
Stefan Grötzschel: Bitte habt hier als Eltern keine Angst, sondern ermutigt eure Kinder, diese Chancen zu nutzen! Klar ist: Einfache Programmieraufgaben oder reine Hilfstätigkeiten wird die KI künftig sicher übernehmen. Aber genau deshalb brauchen wir Menschen, die über der KI stehen. Wir brauchen Fachkräfte, die die Prozesse überwachen und Fehler im System erkennen. Denn eine KI halluziniert, erfindet oder manipuliert Daten, nur um dem Nutzer zu gefallen. Man benötigt hervorragend ausgebildete Köpfe, die die industriellen Produktionsprozesse ganzheitlich verstehen und die Ergebnisse der KI richtig beurteilen können. Wer sich hier auskennt, hat auf dem Arbeitsmarkt einen enormen Vorsprung! Durch den demografischen Wandel gehen in den nächsten zehn Jahren so viele Fachkräfte in Rente, dass wir diese Lücke ohne Automatisierung und Digitalisierung gar nicht schließen können. Ein technischer Beruf ist heute deshalb zukunftssicherer als viele klassische Schreibtisch-Karrieren.
Einstieg: Auf unseren Messen beobachten wir oft zwei Extreme: Eltern, die alle Gespräche für ihr Kind führen, oder Jugendliche, die völlig orientierungslos sind. Wie sieht die richtige Balance bei der Unterstützung aus?
Stefan Grötzschel: Seid ehrlich zu euch selbst: In der achten, neunten oder zehnten Klasse sind viele Jugendliche schlicht noch nicht so weit, diesen ganzen Prozess komplett allein zu steuern. Da ist eure Unterstützung extrem wichtig. Gleichzeitig solltet ihr euren Kindern aber nicht alles vorkauen. Wenn immer nur die Eltern im Unternehmen anrufen, um einen Platz zu organisieren, kommt das in den Betrieben einfach nicht gut an. Es braucht von euch den richtigen Schubs zur richtigen Zeit, damit das Kind sich selbst traut, aktiv zu werden. Genau darum geht es auch bei unseren Angeboten wie den digitalen Elternabenden, die wir gemeinsam mit der Siegelakademie des Berufswahlsiegels organisieren. Dort liefert die Jugendforschung wissenschaftliche Impulse zu eurer Rolle als Berufsberater, während Auszubildende und Studierende als authentische Role Models in virtuellen Räumen direkt aus ihrem Alltag berichten. Das spricht eher den Bauch als das Hirn an und hilft euch zu spüren, ob ein bestimmter Typ Mensch und Weg zu eurem eigenen Kind passen könnte.