Einstieg: Viele Eltern sind unsicher. Ab wann wird Mediennutzung problematisch? Woran können Eltern erkennen, dass ihr Kind möglicherweise zu viel Zeit mit Games, Social Media oder Videos verbringt?
Felix Strobach: Eltern sollten auf ihr Bauchgefühl hören. Es gibt Kinder, die viel Zeit am Bildschirm verbringen und trotzdem gut im Leben stehen. Sie schlafen gut, essen regelmäßig, bewegen sich, haben soziale Kontakte und kommen in Schule oder Ausbildung zurecht. Es gibt aber auch Kinder, die vergleichsweise selten Medien nutzen und bei denen trotzdem viel aus dem Gleichgewicht gerät. Schlaf, Schule oder Stimmung leiden, Konflikte nehmen zu. Dann fühlt sich etwas nicht stimmig an. Diese innere Alarmglocke ist wichtig. Jede Situation ist individuell. Es ist gut, das eigene Gefühl ernst zu nehmen und das Thema anzusprechen. Auch, wenn das Konflikte auslöst.
Einstieg: Es ist also nicht die Bildschirmzeit entscheidend, sondern das, was im restlichen Leben passiert?
Felix Strobach: Genau. Kritisch wird es, wenn zentrale Lebensbereiche vernachlässigt werden. Dazu gehören Schlaf, Ernährung, Bewegung, Schule oder Ausbildung und soziale Kontakte. Gerade in der Pubertät sind Konflikte und Schwankungen normal. Deshalb ist die Einschätzung immer individuell und hängt von vielen Faktoren ab.
Einstieg: Apropos Pubertät - sind Jugendliche in dieser Phase besonders anfällig für problematischen Medienkonsum?
Felix Strobach: Ja, es ist eine sensible Zeit. Medien bieten genau das, was Jugendliche in dieser Phase suchen. Kontakt zu Gleichaltrigen, Abenteuer, Ablenkung, die Möglichkeit, sich auszuprobieren und Identität zu entwickeln. Gleichzeitig helfen Medien, schwierige Veränderungen im Körper und in der Psyche kurzfristig auszublenden.
Einstieg: Welche Auswirkungen kann übermäßiger Medienkonsum auf Schule, Ausbildung oder soziale Beziehungen haben?
Felix Strobach: Pflichten und Interessen werden vernachlässigt. Das kann zu schlechten Noten, Versetzungsgefährdung oder geringeren Chancen auf eine Ausbildungsstelle führen. Manche Jugendliche ziehen sich sozial zurück und vermeiden reale Begegnungen. Dadurch fehlen wichtige Lernerfahrungen im sozialen Miteinander. Und Konflikte können schnell eskalieren, es kann zu Gewalt in Auseinandersetzungen kommen.
Einstieg: Wie häufig entstehen Konflikte in Familien durch die Mediennutzung und warum eskalieren sie oft?
Felix Strobach: Diese Konflikte gehören häufig zu einem normalen Pubertätsprozess. Sowohl Eltern als auch Jugendliche sind durch körperliche und psychische Veränderungen stark gefordert. Gleichzeitig gibt es hohe Erwartungen durch Schule, Ausbildung und Umfeld. Das erzeugt Druck.
Oft fällt es schwer, diese Zeit als Entwicklungsphase zu sehen, in der Konflikte dazugehören. Stattdessen wird Harmonie oder Leistung angestrebt. Das macht Auseinandersetzungen eher schwieriger.