Aline Sommer-Noack vom Bundeselternrat über Orientierung in unsicheren Zeiten
Eltern sind die wichtigsten Berater ihrer Kinder, doch die rasanten Veränderungen der Arbeitswelt sorgen für Verunsicherung. Wie Eltern trotzdem zu positiven Wegbegleitern werden können, erklärt Aline Sommer-Noack vom Bundeselternrat im Interview.
Aline Sommer-Noack ist im Vorstand des Bundeselternrates. Als Stimme der Eltern in Deutschland setzt dieser sich für moderne Bildungspolitik und bessere Übergänge in den Beruf ein.
Einstieg: Aline, die Arbeitswelt wird komplexer. Sind Eltern heute eher überfordert oder gut gerüstet?
Aline Sommer-Noack: Die Überforderung ist real. Der Umschwung durch KI löst Ängste aus: Bin ich selbst in fünf Jahren ersetzbar? Viele Eltern unterschätzen zudem massiv ihren Einfluss – sie haben eine Vorbildfunktion, aber vergessen das im Alltag oft. Man will das Beste fürs Kind, weiß aber oft selbst nicht, wohin die Reise geht.
„Die Vorbildfunktion wird von uns Eltern oft vergessen. Dabei prägt unsere Einstellung zur Arbeit die Lust unserer Kinder auf ihre eigene Zukunft.“
Einstieg: Wir kennen oft nur wenige Berufe. Prägen wir Kinder unbewusst, wenn wir abends nur vom Stress im Büro erzählen?
Aline Sommer-Noack: Absolut. Wer behält bei 20.000 Studiengängen schon den Überblick? Meistens orientiert man sich an dem, was das Umfeld gelernt hat. Wenn ein Kind zu Hause nur erschöpfte Eltern sieht, bekommt es diese negative Stimmung ungefiltert mit. Wir müssen das Wort „Arbeiten“ wieder positiv belegen.
Checkliste für Eltern
Selbstreflexion
Habe ich heute eher frustriert oder positiv über meinen Job gesprochen?
Neugier
Kennen wir als Familie mehr als nur die klassischen Berufe aus der Nachbarschaft?
Ehrlichkeit
Traue ich mich zuzugeben, dass ich bei modernen Trends wie KI selbst Hilfe brauche?
Tipps der Expertin: Nehmen Sie den Druck raus. Sie müssen nicht alle Studiengänge kennen – es reicht, wenn Sie Ihr Kind als Coach begleiten und den Horizont über die eigene Familiengeschichte hinaus erweitern.
Einstieg: Digitale Tests sind gute Wegweiser, aber löst erst das persönliche Gespräch den „Knoten“?
Aline Sommer-Noack: Das persönliche Gespräch ist existenziell. Heute schauen wir oft nur auf Zeugnisnoten und übersehen, wer die Kinder eigentlich sind. Wir müssen wieder das „Menschliche“ in den Vordergrund rücken, sonst fallen zu viele Talente durchs Raster.
Einstieg: Wie baut man Kontakt zu Unternehmen oder der Agentur für Arbeit auf, wenn Hemmschwellen bestehen?
Aline Sommer-Noack: Wir müssen beim Image der Agentur für Arbeit umdenken. Dort gibt es hervorragende Unterstützung, man muss sie nur einfordern. Ein Problem ist zudem die fehlende Aktualität an Schulen. Wenn Jugendliche Lebensläufe nach Standards von „anno dazumal“ schreiben, verlieren sie den Anschluss. Wir brauchen Brücken in die Praxis, etwa durch Bewerbungstrainings mit echten Wirtschaftsvertretern. Manche Schulen setzen das schon hervorragend um.
Was Eltern jetzt konkret tun können
Berufsberatung nutzen
Werfen Sie Vorurteile über Bord. Beraterinnen und Berater haben heute moderne Konzepte und nehmen sich Zeit für echtes Zuhören.
Realitätscheck bei Bewerbungen
Orientieren Sie sich an Standards aus der Wirtschaft statt an alten Vorlagen aus dem Unterricht.
Persönlichkeit vor Noten
Ein Zeugnis sagt wenig über Talente aus. Ermöglichen Sie Ihrem Kind Kontakte zu Azubis oder Studierenden auf Augenhöhe.
Einstieg: Warum fällt Abiturienten der Schwenk zur Ausbildung oft so schwer?
Aline Sommer-Noack: Nach 13 Jahren Schule ist man an feste Strukturen gewöhnt. Ein Studium ist diesem System viel ähnlicher als eine Ausbildung. Viele wählen die Uni aus Angst vor dem „Systemwechsel“ und scheitern dann an der dortigen Freiheit. Eine duale Ausbildung bietet dagegen oft genau die Struktur und das direkte Feedback, das Jugendliche nach der Schule brauchen.
Einstieg: Oft wird zu Praktika in den Ferien geraten. Was halten Sie davon?
Aline Sommer-Noack: Das ist kontraproduktiv. Schüler haben heute enormen Stress. Ihnen zu sagen, sie sollen sich in der Erholungszeit orientieren, funktioniert kaum. Die Schule braucht feste Zeiträume für Berufsorientierung innerhalb der Unterrichtszeit.
Einstieg: Wie unterstützt der Bundeselternrat hier konkret?
Aline Sommer-Noack: Wir modernisieren gerade unsere fast 75 Jahre alten Strukturen. Ich selbst habe vor 16 Jahren in der Elternvertretung angefangen, weil ich drei neurodivergente Kinder habe. Ich musste das System erst verstehen, um es für sie zu „dribbeln“. Diese Expertise als „Endgegnerin“ gebe ich heute weiter. Man lernt mit jeder Situation, die man für andere vertritt, dazu. Der Bundeselternrat bietet diese Eltern-Schulsystem-Expertise geballt – und das Bundesländerübergreifend.
Einstieg: Gibt es Best Practices für eine gelungene Berufsorientierung?
Aline Sommer-Noack: Erfolg steht und fällt mit engagierten Lehrkräften. An der Schule meines Sohnes organisiert ein Lehrer eine eigene Hausmesse mit Speed-Dating. Solche Erlebnisevents sind entscheidend, um die Berufswelt greifbar zu machen.
Tipps der Expertin: So begleiten Sie Ihr Kind richtig
Die Berufswahl als Gemeinschaftsprojekt sehen
Erwarten Sie nicht, dass Ihr Kind die Orientierung allein am Rechner erledigt. Ein gemeinsamer Messebesuch oder der Weg zur Berufsberatung signalisiert: Wir begleiten dich bei diesem wichtigen Schritt. Das nimmt den Druck und schafft Raum für echte Gespräche auf Augenhöhe.
Moderne Kanäle und echte Profis kombinieren
Nutzen Sie YouTube für erste Einblicke, aber forcieren Sie danach die persönliche Begegnung. Das Gespräch mit echten Menschen auf Messen oder in Beratungsstellen bleibt der entscheidende Knotenlöser, um Hemmschwellen abzubauen.
Den richtigen Zeitpunkt für Impulse nutzen
Warten Sie nicht bis zum Abschlusszeugnis, sondern starten Sie bereits ab der Weiterführenden Schule mit kleinen, positiven Impulsen. Je früher das Thema ohne Stress besetzt ist, desto entspannter verläuft die Zeit vor dem eigentlichen Schulabgang.
Mut zu externer Expertise und neuen Wegen
Hinterfragen Sie veraltete Standards aus dem Unterricht. Praxis-Checks mit Fachkräften oder Bewerbungstrainings mit Wirtschaftsvertreter:innen sind oft hilfreicher als alte Lehrbuchinhalte. Seien Sie dabei auch offen für Wege abseits des klassischen Studiums.
Mit Einstieg findest du passende Ausbildungsplätze, Studiengänge und Gap-Year-Möglichkeiten. Melde dich an oder registriere dich und starte in
#DeineZukunft!
Du bist dir noch nicht sicher, was du beruflich machen möchtest? Dann absolviere unseren Interessencheck.
Mit diesem Online-Test findest du ganz einfach heraus, welche Berufe und Studiengänge zu dir passen.
#DeineZukunft
Registriere dich kostenlos und erstelle ein Profil – oder logge dich einfach ein, wenn du bereits einen Account hast. Dein Testergebnis kannst du in deinem Nutzerprofil jederzeit einsehen.
Anmelden
Passwort vergessen
Du erhältst sofort eine E-Mail, mit der du dein Passwort zurücksetzen kannst. Kontrolliere auch den Spam-Ordner, falls die Mail nicht in den nächsten Minuten ankommt.
Dein Passwort wurde geändert
Dein Passwort wurde erfolgreich geändert. Du kannst dich jetzt mit deinen neuen Daten einloggen.
Viel Spaß