Wie gewinnt das Handwerk heute junge Menschen und vor allem junge Frauen? Und was braucht es, damit sie nicht nur einsteigen, sondern auch bleiben? Kaum jemand sieht diese Fragen so klar wie Maja Liebisch von der Handwerkskammer Hamburg. Mit einer Mischung aus Leidenschaft, Pragmatismus und echtem Verständnis für die junge Generation begleitet sie Betriebe und Auszubildende seit vielen Jahren.

 

Im Gespräch mit Susanne Peters und Julia Klingen von Einstieg Concept öffnet sie den Blick auf Chancen, Herausforderungen und die Momente, in denen der Funke überspringt. Herausgekommen ist ein ehrliches, warmes und hochrelevantes Interview für alle, die Nachwuchs gewinnen – und halten – wollen.

 

Inside the Mind: Wer ist Maja Liebisch?

„Interessiert, auf Augenhöhe und mit Spaß an der Sache“ – so beschreibt sich Maja Liebisch, Recruiterin bei der Handwerkskammer Hamburg, ganz ohne Jobtitel und große Begriffe. Und genau das spürt man sofort im Gespräch mit ihr: eine offene, zugewandte Haltung und dieser Funke Begeisterung, der schnell überspringt.

„Ich brenne für meinen Beruf und kann Dinge gut auf den Punkt bringen“, sagt sie. Ein Satz, der ihre Wirkung treffend zusammenfasst. Klar, nahbar, authentisch: Maja bringt genau jene Mischung mit, die im Azubi-Recruiting den Unterschied macht und die den Ton für unser Gespräch von Beginn an setzt.

 

Vom Wunsch nach Wirkung zur Leidenschaft fürs Handwerk

Wenn Maja Liebisch über ihre Kindheitsträume spricht, öffnet sich ein spannender Blick auf ihren heutigen Weg. Lange wollte sie „auf jeden Fall etwas Soziales machen“, sogar die Entwicklungshilfe stand für sie im Raum. Später zog es sie in die Kunst: Öl, Aquarell, Ton – alles durfte sie ausprobieren. „Der Leistungskurs Kunst hat mich komplett aufgefressen“, erzählt sie lachend und schwärmt noch heute von der Lehrerin, die ihre kreative Ader „infiziert“ habe.

So überrascht es kaum, dass genau diese beiden Pole – das Soziale und das Kreative – ihren beruflichen Kompass geprägt haben. Über ihre Ausbildung bei der Handwerkskammer fand sie schließlich ihren Platz: „Ich bin dem Handwerk ziemlich schnell verfallen.“ Auch wenn sie zwischendurch anderes ausprobierte, führte der Weg sie zurück, buchstäblich durch einen Anruf: „Hast du nicht Lust…?“

Heute ist sie im Auftrag des Handwerks unterwegs, mit einem klaren Schwerpunkt: junge Frauen. Maja berät Betriebe, wie sie sich attraktiver für weibliche Nachwuchskräfte aufstellen können, besonders in männerdominierten Gewerken. Dass hier noch viel zu tun ist, sagt sie mit einem Schmunzeln.

 

Energie durch Nähe

Für Maja Liebisch gibt es kaum etwas, das ihre Akkus besser auflädt als Zeit mit ihren fast erwachsenen Kindern. „Meine Tochter ist 18 und mein Sohn wird 17 – da genießt man jede gemeinsame Zeit noch mal, solange sie noch Lust drauf haben“, sagt sie mit einem warmen Lächeln.

Ein besonderer Moment: ein gemeinsamer Urlaub, den sie in diesem Alter selbst nicht mehr mit ihren Eltern gemacht hätte. „Umso mehr freu ich mich, dass sie das noch mal machen.“ Diese kleinen, gemeinsamen Auszeiten bedeuten ihr spürbar viel.

Daneben geben ihr auch Freundschaften und Sport neue Energie. Eine Mischung aus Nähe, Bewegung und bewusstem Auftanken, die sie im Alltag trägt.

 

Umwege, die einen auf den richtigen Weg führen

Rückblickend würde Maja Liebisch ihrem jüngeres Ich vor allen Dingen eines nahelegen: mehr Mut zum Ausprobieren. „Wir hatten am Gymnasium eine Woche Praktikum – in Berufen, die man irgendwie so vorgesehen hat. Ich war beim Rechtsanwalt, das war stinklangweilig.“ Vieles sei damals stark vorgezeichnet gewesen: Studium oder Bank, Sicherheit statt Neugier.

„Man ist sehr auf Nummer sicher gegangen. Was macht Sinn, was ist ordentlich? Und viel zu wenig: Wovor habe ich eigentlich richtig Lust?“ Genau diese Offenheit hätte sie sich damals gewünscht: Ungewohnte Wege testen, Neues anfassen, Erwartungen hinterfragen.

Gleichzeitig bewegt sie, wie sehr sich die Perspektive junger Menschen verändert hat. „Heutzutage ist die große Frage häufig: Kann das durch KI ersetzt werden?“ Früh entstehende Zukunftsängste, die viele Entscheidungen blockieren, beobachtet sie mit Sorge. Während früher eher das Umfeld Grenzen setzte, machen sich Jugendliche heute häufig selbst den Druck.

Auch deshalb ist ihr Kernrat so zeitlos wie simpel: neugierig bleiben, ausprobieren und darauf vertrauen, dass der eigene Weg sich oft erst durchs Gehen zeigt.

 

Die Förderung junger Frauen im Handwerk ist ein Herzensthema

Der Weg von Maja in die Nachwuchsgewinnung war kein großer Sprung, sondern es waren kleine Schritte. „Das hat sich peu à peu entwickelt“, erzählt sie. Angefangen hat alles in einem Projekt der Handwerkskammer, das migrantische Betriebsinhaber unterstützte. Daraus entstand der nächste logische Schritt: der Blick auf den Nachwuchs.

Schnell wurde deutlich, wie zentral dieser Aspekt im Handwerk ist. „Eigentlich ist das ja das Thema im Handwerk – die Nachwuchssuche.“ Auf ihren Betriebsbesuchen erlebte sie hautnah, wie drängend die Lage ist: Fachkräfte fehlen überall, und die Erkenntnis setzt sich durch, dass Betriebe sie selbst ausbilden müssen.

Genau hier begann ihr Schwerpunkt zu wachsen, besonders mit Blick auf die Geschlechterfrage. „Die männerdominierten Berufe schauen gar nicht genug auf diese 50 Prozent der Gesellschaft.“ Und für Maja ist klar, wenn man Nachwuchs sucht, darf man junge Frauen nicht übersehen.

Dass es funktionieren kann, erlebt sie immer wieder. „Wir haben tolle Beispiele, wie gut es läuft, wenn ein Betrieb sich Mühe gibt und die junge Frau findet, die Lust drauf hat.“ Diese Erfolgsgeschichten weiterzutragen ist für sie Antrieb und Auftrag zugleich. „Da sind wir dran.“

 

Eine neue Offenheit und warum das fürs Handwerk wichtig ist

Für Maja hat sich in den letzten Jahren vor allem eines verändert: die Haltung junger Menschen zu Beruf und Identität. Besonders auf Messen erlebt sie diese Veränderung sehr direkt: „Da kommen junge Männer auf mich zu, die sagen: Ich möchte Friseur werden.“

Was früher schnell als „Frauenberuf“ abgestempelt wurde und damit “peinlich” war, ist heute für viele – auch Männer – eine reale Option. Dass sich solche Rollenvorstellungen aufweichen, findet Maja ermutigend. Gerade weil es häufig nicht durch Schule oder Umfeld unterstützt wird. „Die sind leider immer noch sehr in ihren Schienen unterwegs.“

Umso beeindruckender ist für sie, wie viel Offenheit die Jugendlichen selbst mitbringen. Ob Berufsbild oder Gendern: „Dann wird das halt gemacht – wo ist das Problem?“ Diese Selbstverständlichkeit sei „richtig schön“ und zeige, welches Potenzial in dieser Generation steckt.

Gleichzeitig sieht Maja auch, dass sich manche dieser positiven Entwicklungen später durch äußere Einflüsse abschwächen. Doch die Basis ist da und sie ist stark. Für Betriebe im Handwerk ist genau das ein zentraler Ansatzpunkt.

 

Ein gutes Praktikum ist oft der entscheidende Moment

Wenn Maja Liebisch erklärt, was Jugendliche heute wirklich für das Handwerk begeistert, wird eines sofort klar: Es braucht Kontaktpunkte, und zwar mehrere. Ein erster Funke entsteht vielleicht in einem Vortrag an der Schule, danach ein Workshop, bei dem Jugendliche selbst etwas ausprobieren. Später folgt die Beratung, die Ausbildungsvermittlung und schließlich der Schritt in den Betrieb.

Spätestens dort entscheidet sich, ob aus Interesse echte Motivation wird. „Das absolut Wichtigste ist, dass es ein tolles Praktikum wird.“ Ein Satz, den Maja mit Nachdruck formuliert. Denn allzu oft erlebt sie das Gegenteil: Jugendliche, die im Betrieb auftauchen und niemand weiß Bescheid. Oder noch schlimmer: „Die Gesellen sind ein bisschen genervt.“

Gerade für junge Frauen können einzelne Situationen alles zunichtemachen. „Wenn da eine junge Frau ist und da kommt irgendein blöder Spruch, dann ist das sofort verloren.“ Ein klarer Hinweis darauf, wie sensibel und fragil diese ersten Momente sind.

Für Maja beginnt ein gutes Praktikum lange vor dem ersten Arbeitstag: mit Vorbereitung, einem klaren Wochenplan, einem persönlichen Ansprechpartner. Und vor allem mit echter Wertschätzung. „Einfach zeigen: Wir wollen das richtig, wir freuen uns, dass du da bist.“

Dann passiert etwas Entscheidendes: Jugendliche erleben, wie vielfältig das Handwerk ist und wie sinnstiftend ihre Arbeit sein kann statt irgendwo „schippend oder fegend“ in der Ecke zu stehen. Genau dort, sagt Maja, „kann man das Feuer bei ihnen erwecken“. Und wer das schafft, hat die halbe Miete schon gewonnen.

 

Das unterschätze Potenzial junger Frauen im Handwerk

Wenn man auf die Bewerberzahlen junger Frauen im Handwerk schaut, wird schnell deutlich: Hier bleibt eine riesige Chance liegen. „Nur 20 Prozent der Auszubildenden im Handwerk sind junge Frauen.“, sagt Maja Liebisch. Eine Zahl, die sie jedes Mal verblüfft, vor allem im Vergleich zu den Leistungsdaten: „Fast 50 Prozent der Landessiegerinnen sind Mädchen.“* (Quelle: HWK Hamburg). Beeindruckende Beispiele von Frauen, die in Ihren Berufen glänzen und diesem auf höchstem Niveau ausfüllen: eine Maurerin, eine Kfz-Mechatronikerin, eine Sattlerin.

Dieser Kontrast zeigt für sie ein strukturelles Problem. Denn selbst diese 20 Prozent wirken größer, als sie tatsächlich sind. „Wenn man die Friseurinnen abziehen würde und nur auf die männerdominierten Berufe schaut, wäre es wirklich schwindend gering.“

Ihre Botschaft an die Betriebe ist eindeutig: „Entschuldigung – die wollt ihr nicht in euren Betrieb haben? Da stimmt doch irgendwas nicht.“ Für Maja ist klar: Wer im Handwerk Nachwuchs sucht, muss junge Frauen gezielt ansprechen, sichtbar machen und ihnen Räume öffnen. Oder wie sie es ganz pragmatisch formuliert: „Das zeigt nochmal ganz deutlich, dass Frauen im Handwerk sehr willkommen sein müssen.“

 

BBB: Bindung an den Betrieb beginnt bei der Belegschaft

Für Maja Liebisch steht fest: Azubis dann auch langfristig zu halten, gelingt nur, wenn der Betrieb nicht erst beim Nachwuchs ansetzt, sondern bei den Menschen, die bereits da sind. „Es wird oft unterschätzt, die Belegschaft gut mitzunehmen.“ Besonders Gesellinnen und Gesellen spielen dabei eine zentrale Rolle – gerade, wenn eine junge Frau neu in ein männerdominiertes Umfeld kommt.

Viele Ausbilder und Betriebsinhaber seien heute offen und unterstützend, sagt Maja. Doch genau diese Haltung werde im Alltag nicht immer bis auf die Baustelle oder Werkstatt transportiert. „Da hakt es manchmal etwas.“ Junge Frauen brauchen gerade in den ersten Tagen Orientierung und Sicherheit. Jemanden, der sagt: „Komm mal mit, das ist hier gar kein Problem.“ Wenn das fehlt, entsteht schnell ein Gefühl von Alleinsein.

Und besonders herausfordernd wird es, wenn alte Gewohnheiten im Team unbewusst weitergetragen werden. Ein Kommentar wie „Jetzt muss ich hier schon wieder den Farbeimer schleppen“ kann auch viel kaputtmachen. Für Maja ist klar: Wertschätzung und Respekt müssen im gesamten Betrieb gelebt werden, nicht nur in der Chefetage. Das einzufordern fällt vielen dennoch schwer, gerade wenn Zeitdruck und volle Auftragsbücher dominieren.

Was sie aber immer wieder erlebt: Die Investition lohnt sich. „Wir sehen Betriebe, die nach ein paar Jahren sagen: Jetzt ernte ich die Früchte, die ich vor drei Jahren gesät habe.“ Wer konsequent in eine gute Ausbildungskultur investiert, wird sichtbar – in Schulen, im Freundeskreis der Azubis, im lokalen Umfeld. Ohne diese kontinuierliche Arbeit geht es heute nicht mehr, sagt Maja.

 

Echte Beziehungspflege ist der Schlüssel

Die Azubis müssen spüren: Hier ist mein Platz, heute und morgen. Für Maja beginnt das mit einer Person, die verlässlich ansprechbar ist. Ideal sei jemand, der die Ausbildung selbst gerade abgeschlossen hat oder etwas weiter ist, eine Patin oder ein Pate, der Orientierung gibt und im Alltag mitschwingt.

Ebenso zentral ist es, im Gespräch zu bleiben und sich auszutauschen. Nicht einmal im Jahr, sondern regelmäßig und beidseitig. Für Maja heißt das: „Hey, was ist dein Eindruck? Läuft es gut? Fehlt dir irgendwas?“ Jugendliche brauchen Feedback, aber genauso die Möglichkeit, ihre Sicht einzubringen. Genau dadurch fühlen sie sich wahrgenommen. Nicht nur als Auszubildende, sondern als Menschen, die etwas beitragen.

Ein Punkt, den Maja besonders betont, betrifft die Zukunftsaussichten. Viele Betriebe planen längst mit ihren Azubis, möchten sie unbedingt übernehmen, aber kommunizieren es nicht. „Die Jugendlichen wissen das oft gar nicht“, sagt sie. In Umfragen höre sie immer wieder Sätze wie: „Ich weiß gar nicht, ob ich hier eine Zukunft habe.“

Für Maja ist dies verschenktes Potenzial. Darum plädiert sie dafür, Perspektiven klar auszusprechen und auch Wertschätzung deutlich zu machen: „Hey, du, ohne dich kommen wir hier gar nicht zurecht. Also, du bist ganz wichtig für uns.“

Solche Worte, sagt sie, wirken enorm, genauso wie Lob, das im Alltag oft zu kurz kommt. „Wenn man einen tollen Auszubildenden hat, dann bitte auch sagen.“ Denn jeder Mensch – ob Azubi oder langjährige Fachkraft – möchte wissen, welche Bedeutung er oder sie im Team hat.

Am Ende fasst Maja es schlicht zusammen: Kommunikation, Kommunikation, Kommunikation – ehrlich, häufig, wertschätzend. Wer das lebt, schafft ein Umfeld, in dem junge Menschen sich entwickeln, bleiben und Zukunft sehen.

 

Was es braucht, damit das Handwerk wieder mehr Nachwuchs gewinnt

Der Blick nach vorn zeigt deutlich: Ohne ein Umdenken in Gesellschaft, Schulen und Betrieben wird das Handwerk seine Zukunftsaufgaben nicht bewältigen können. Klimaziele, Energiewende, Sanierungsbedarf – all das steht und fällt mit qualifizierten Fachkräften, sagt Maja Liebisch. „Wer soll das denn umsetzen? In erster Linie das Handwerk.“ Doch dafür braucht es deutlich mehr junge Menschen, die diesen Weg einschlagen wollen.

Ein zentraler Hebel liegt in der gesellschaftlichen Anerkennung. Die Überlastung einzelner Gewerke, etwa während der Wärmepumpenphase, hat laut Maja gezeigt, wie knapp die Ressourcen bereits heute sind. Umso wichtiger ist es, Jugendlichen sichtbar zu machen, welchen Beitrag sie leisten können: Sie sind Teil der Lösung – ganz konkret.

 

Warum Wärmepumpen?
Sie gelten als Schlüsseltechnologie für klimafreundliches Heizen: deutlich weniger CO₂-Ausstoß, Nutzung erneuerbarer Umweltwärme.

Regierungsziel ab 2024
Beim 2. Wärmepumpengipfel wurde festgelegt: 500.000 neue Wärmepumpen pro Jahr – als Teil der Energie- und Klimastrategie der Bundesregierung.

Förderung für Hausbesitzer
Einbau wird staatlich unterstützt, z.B. mit BAFA-Zuschüssen für neue Heizsysteme.

Zahlen vs. Realität
2024 wurden nur rund 200.000 Wärmepumpen installiert, weit unterhalb der angestrebten 500.000.

Herausforderung fürs Handwerk
Umsetzung der Wärmewende? Das liegt beim Handwerk. Die hohe Nachfrage und der Fachkräftemangel haben viele Betriebe zeitweise an die Belastungsgrenze gebracht.

Wärmepumpengipfel 2024

 

Genauso entscheidend ist ein Wandel im Schulsystem. Immer noch beobachtet sie, dass Berufsorientierung zu stark in alten Mustern verhaftet bleibt. „Geschlechtsneutrale Beratung – das passiert mir noch zu wenig.“ In 10. Klassen hört sie oft von jungen Frauen ausschließlich Berufe wie Erzieherin oder Altenpflegerin. Beides essenziell, keine Frage, aber eben nicht alles, was möglich ist. Gleiches gilt für Jungen, die sich nur auf technische Berufe fokussieren. Maja wünscht sich, dass Schulen mehr Raum für Flexibilität schaffen: „Vielleicht hast du da deine Stärken, vielleicht hast du da Lust drauf.“

Hinzu kommt ein hartnäckiges Mindset: Handwerk wird vielerorts noch immer als Plan B wahrgenommen. „Wenn gar nichts mehr geht, dann kannst du ja ins Handwerk gehen.“ Das werde dem tatsächlichen Karrierepotenzial überhaupt nicht gerecht. Denn die Wege seien vielfältig: Gesellenlaufbahn, Spezialisierungen, Meistertitel – heute auf Bachelor-Level –, bis hin zum Betriebswirt des Handwerks. „Jeder dritte Betrieb sucht in den nächsten Jahren eine Nachwuchsführungskraft.“ Das seien große Chancen für junge Leute, die viel stärker sichtbar gemacht werden sollten.

 

Der „Bachelor Professional im Handwerk“ ist eine zusätzliche, europaweit anerkannte Bezeichnung für Handwerksmeister, die seit 2020 verliehen wird, um die Gleichwertigkeit mit akademischen Graden zu betonen und die internationale Vergleichbarkeit zu fördern; sie wird automatisch mit der bestandenen Meisterprüfung (DQR-Stufe 6) erworben und kann auch für bereits bestehende Meistertitel beantragt werden. Der Meisterbrief bleibt gültig, erhält aber durch den Zusatz „Bachelor Professional“ eine Aufwertung und bessere internationale Einordnung.

Bachelor Professional im Handwerk

 

Auf Betriebsebene geht es vor allem um Sichtbarkeit, Sprache und Haltung. Schon kleine Details – Stellenanzeigen, Fotos, Formulierungen – entscheiden darüber, ob sich junge Frauen angesprochen fühlen oder eben nicht. „Ich sehe das nicht – und die jungen Frauen sehen es auch nicht“, sagt Maja, wenn Betriebe behaupten, Frauen seien „mitgemeint“. Familienfreundlichkeit und ein wertschätzender Umgang seien ebenfalls wichtige Signale. Und zwar nicht nur für Mädchen: „Da fühlen sich auch die Jungs mit abgeholt.“

Denn klar ist: Junge Menschen wollen Respekt und ein Arbeitsumfeld, das sie ernst nimmt. Der alte Satz „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ habe ausgedient. „Wenn jemand sie unfair behandelt, lassen sie sich das nicht gefallen – und das ist auch gut so.“

Der Zukunftsweg des Handwerks führt also über klare Haltung, Offenheit und die Bereitschaft, vertraute Muster zu hinterfragen.

 

Warum echte Begeisterung der beste Wegweiser ist

Am Ende unseres Gesprächs wird noch einmal spürbar, warum Maja Liebisch für die Nachwuchsgewinnung im Handwerk brennt. Einen einzigen Tipp zu formulieren, fällt ihr schwer – nicht, weil sie keinen hätte, sondern weil alles zusammenhängt. Doch ein Gedanke zieht sich durch all ihre Erfahrungen: Begeisterung trägt weiter als jede Karriereplanung.

Sie erzählt, wie sehr sie auch bei ihren eigenen Kindern dafür geworben hat, das Handwerk nicht zu unterschätzen. „Weil ich die tollen Chancen und Möglichkeiten da sehe.“ Und weil kaum ein Arbeitsfeld so sichtbar macht, was man mit den eigenen Händen geschaffen hat. Wenn junge Menschen später durch die Stadt gehen und sagen können: „Hier habe ich mitgearbeitet – an der Elphi, am Westfield, an diesem Glas, an dieser Elektronik“ – dann ist das etwas, das bleibt.

Besonders berühren sie die Momente, in denen Auszubildende selbst zu Botschafter*innen werden. In Workshops und Schulbesuchen stehen junge Männer und Frauen aus den Betrieben vor Klassen und erzählen mit leuchtenden Augen von ihrer Arbeit. „Das ist so toll“, sagt Maja, und ihre Begeisterung ist ansteckend. Gerade junge Frauen, die ihren Weg im Handwerk gefunden haben, werden für viele zu starken Vorbildern.

Vielleicht ist genau das ihr größter Rat an Jugendliche wie an Betriebe: Zeigt, was möglich ist. Zeigt, was ihr schafft. Und zeigt, wie erfüllend ein Beruf sein kann, in dem man etwas Handfestes hinterlässt. Denn dort beginnt oft der Funke, der eine Zukunft im Handwerk erst möglich macht.

 

Zum Schluss – ein Wort von Susanne Peters, Einstieg Concept

Vielen Dank, liebe Maja, für diesen tollen Austausch. Du hast uns einen so ehrlichen und nahen Einblick in deine Welt gegeben – in das, was dich antreibt, berührt und begeistert.

Gespräche wie dieses zeigen uns immer wieder, wie viel Herz und Haltung hinter guter Nachwuchsarbeit steckt. Und wie bereichernd es ist, jemanden zu treffen, der so viel Freude daran hat, jungen Menschen Mut zu machen. Dafür ein großes Dankeschön.

Und weil das Thema so wichtig ist und uns so begeistert hat, haben wir direkt eine neue Idee – eine ganze Themenwoche rund um Handwerksberufe auf unseren Social Media Kanälen! Wir haben so viele Impulse mitgenommen, dass wir es kaum erwarten können, loszulegen.

Bis bald – und hoffentlich auch persönlich auf der Einstieg Hamburg 2026!
Susanne Peters – Einstieg Concept

 

Wie gewinnt das Handwerk heute junge Menschen und vor allem junge Frauen? Und was braucht es, damit sie nicht nur einsteigen, sondern auch bleiben? Kaum jemand sieht diese Fragen so klar wie Maja Liebisch von der Handwerkskammer Hamburg. Mit einer Mischung aus Leidenschaft, Pragmatismus und echtem Verständnis für die junge Generation begleitet sie Betriebe und Auszubildende seit vielen Jahren.

 

Im Gespräch mit Susanne Peters und Julia Klingen von Einstieg Concept öffnet sie den Blick auf Chancen, Herausforderungen und die Momente, in denen der Funke überspringt. Herausgekommen ist ein ehrliches, warmes und hochrelevantes Interview für alle, die Nachwuchs gewinnen – und halten – wollen.

 

Inside the Mind: Wer ist Maja Liebisch?

„Interessiert, auf Augenhöhe und mit Spaß an der Sache“ – so beschreibt sich Maja Liebisch, Recruiterin bei der Handwerkskammer Hamburg, ganz ohne Jobtitel und große Begriffe. Und genau das spürt man sofort im Gespräch mit ihr: eine offene, zugewandte Haltung und dieser Funke Begeisterung, der schnell überspringt.

„Ich brenne für meinen Beruf und kann Dinge gut auf den Punkt bringen“, sagt sie. Ein Satz, der ihre Wirkung treffend zusammenfasst. Klar, nahbar, authentisch: Maja bringt genau jene Mischung mit, die im Azubi-Recruiting den Unterschied macht und die den Ton für unser Gespräch von Beginn an setzt.

 

Vom Wunsch nach Wirkung zur Leidenschaft fürs Handwerk

Wenn Maja Liebisch über ihre Kindheitsträume spricht, öffnet sich ein spannender Blick auf ihren heutigen Weg. Lange wollte sie „auf jeden Fall etwas Soziales machen“, sogar die Entwicklungshilfe stand für sie im Raum. Später zog es sie in die Kunst: Öl, Aquarell, Ton – alles durfte sie ausprobieren. „Der Leistungskurs Kunst hat mich komplett aufgefressen“, erzählt sie lachend und schwärmt noch heute von der Lehrerin, die ihre kreative Ader „infiziert“ habe.

So überrascht es kaum, dass genau diese beiden Pole – das Soziale und das Kreative – ihren beruflichen Kompass geprägt haben. Über ihre Ausbildung bei der Handwerkskammer fand sie schließlich ihren Platz: „Ich bin dem Handwerk ziemlich schnell verfallen.“ Auch wenn sie zwischendurch anderes ausprobierte, führte der Weg sie zurück, buchstäblich durch einen Anruf: „Hast du nicht Lust…?“

Heute ist sie im Auftrag des Handwerks unterwegs, mit einem klaren Schwerpunkt: junge Frauen. Maja berät Betriebe, wie sie sich attraktiver für weibliche Nachwuchskräfte aufstellen können, besonders in männerdominierten Gewerken. Dass hier noch viel zu tun ist, sagt sie mit einem Schmunzeln.

 

Energie durch Nähe

Für Maja Liebisch gibt es kaum etwas, das ihre Akkus besser auflädt als Zeit mit ihren fast erwachsenen Kindern. „Meine Tochter ist 18 und mein Sohn wird 17 – da genießt man jede gemeinsame Zeit noch mal, solange sie noch Lust drauf haben“, sagt sie mit einem warmen Lächeln.

Ein besonderer Moment: ein gemeinsamer Urlaub, den sie in diesem Alter selbst nicht mehr mit ihren Eltern gemacht hätte. „Umso mehr freu ich mich, dass sie das noch mal machen.“ Diese kleinen, gemeinsamen Auszeiten bedeuten ihr spürbar viel.

Daneben geben ihr auch Freundschaften und Sport neue Energie. Eine Mischung aus Nähe, Bewegung und bewusstem Auftanken, die sie im Alltag trägt.

 

Umwege, die einen auf den richtigen Weg führen

Rückblickend würde Maja Liebisch ihrem jüngeres Ich vor allen Dingen eines nahelegen: mehr Mut zum Ausprobieren. „Wir hatten am Gymnasium eine Woche Praktikum – in Berufen, die man irgendwie so vorgesehen hat. Ich war beim Rechtsanwalt, das war stinklangweilig.“ Vieles sei damals stark vorgezeichnet gewesen: Studium oder Bank, Sicherheit statt Neugier.

„Man ist sehr auf Nummer sicher gegangen. Was macht Sinn, was ist ordentlich? Und viel zu wenig: Wovor habe ich eigentlich richtig Lust?“ Genau diese Offenheit hätte sie sich damals gewünscht: Ungewohnte Wege testen, Neues anfassen, Erwartungen hinterfragen.

Gleichzeitig bewegt sie, wie sehr sich die Perspektive junger Menschen verändert hat. „Heutzutage ist die große Frage häufig: Kann das durch KI ersetzt werden?“ Früh entstehende Zukunftsängste, die viele Entscheidungen blockieren, beobachtet sie mit Sorge. Während früher eher das Umfeld Grenzen setzte, machen sich Jugendliche heute häufig selbst den Druck.

Auch deshalb ist ihr Kernrat so zeitlos wie simpel: neugierig bleiben, ausprobieren und darauf vertrauen, dass der eigene Weg sich oft erst durchs Gehen zeigt.

 

Die Förderung junger Frauen im Handwerk ist ein Herzensthema

Der Weg von Maja in die Nachwuchsgewinnung war kein großer Sprung, sondern es waren kleine Schritte. „Das hat sich peu à peu entwickelt“, erzählt sie. Angefangen hat alles in einem Projekt der Handwerkskammer, das migrantische Betriebsinhaber unterstützte. Daraus entstand der nächste logische Schritt: der Blick auf den Nachwuchs.

Schnell wurde deutlich, wie zentral dieser Aspekt im Handwerk ist. „Eigentlich ist das ja das Thema im Handwerk – die Nachwuchssuche.“ Auf ihren Betriebsbesuchen erlebte sie hautnah, wie drängend die Lage ist: Fachkräfte fehlen überall, und die Erkenntnis setzt sich durch, dass Betriebe sie selbst ausbilden müssen.

Genau hier begann ihr Schwerpunkt zu wachsen, besonders mit Blick auf die Geschlechterfrage. „Die männerdominierten Berufe schauen gar nicht genug auf diese 50 Prozent der Gesellschaft.“ Und für Maja ist klar, wenn man Nachwuchs sucht, darf man junge Frauen nicht übersehen.

Dass es funktionieren kann, erlebt sie immer wieder. „Wir haben tolle Beispiele, wie gut es läuft, wenn ein Betrieb sich Mühe gibt und die junge Frau findet, die Lust drauf hat.“ Diese Erfolgsgeschichten weiterzutragen ist für sie Antrieb und Auftrag zugleich. „Da sind wir dran.“

 

Eine neue Offenheit und warum das fürs Handwerk wichtig ist

Für Maja hat sich in den letzten Jahren vor allem eines verändert: die Haltung junger Menschen zu Beruf und Identität. Besonders auf Messen erlebt sie diese Veränderung sehr direkt: „Da kommen junge Männer auf mich zu, die sagen: Ich möchte Friseur werden.“

Was früher schnell als „Frauenberuf“ abgestempelt wurde und damit “peinlich” war, ist heute für viele – auch Männer – eine reale Option. Dass sich solche Rollenvorstellungen aufweichen, findet Maja ermutigend. Gerade weil es häufig nicht durch Schule oder Umfeld unterstützt wird. „Die sind leider immer noch sehr in ihren Schienen unterwegs.“

Umso beeindruckender ist für sie, wie viel Offenheit die Jugendlichen selbst mitbringen. Ob Berufsbild oder Gendern: „Dann wird das halt gemacht – wo ist das Problem?“ Diese Selbstverständlichkeit sei „richtig schön“ und zeige, welches Potenzial in dieser Generation steckt.

Gleichzeitig sieht Maja auch, dass sich manche dieser positiven Entwicklungen später durch äußere Einflüsse abschwächen. Doch die Basis ist da und sie ist stark. Für Betriebe im Handwerk ist genau das ein zentraler Ansatzpunkt.

 

Ein gutes Praktikum ist oft der entscheidende Moment

Wenn Maja Liebisch erklärt, was Jugendliche heute wirklich für das Handwerk begeistert, wird eines sofort klar: Es braucht Kontaktpunkte, und zwar mehrere. Ein erster Funke entsteht vielleicht in einem Vortrag an der Schule, danach ein Workshop, bei dem Jugendliche selbst etwas ausprobieren. Später folgt die Beratung, die Ausbildungsvermittlung und schließlich der Schritt in den Betrieb.

Spätestens dort entscheidet sich, ob aus Interesse echte Motivation wird. „Das absolut Wichtigste ist, dass es ein tolles Praktikum wird.“ Ein Satz, den Maja mit Nachdruck formuliert. Denn allzu oft erlebt sie das Gegenteil: Jugendliche, die im Betrieb auftauchen und niemand weiß Bescheid. Oder noch schlimmer: „Die Gesellen sind ein bisschen genervt.“

Gerade für junge Frauen können einzelne Situationen alles zunichtemachen. „Wenn da eine junge Frau ist und da kommt irgendein blöder Spruch, dann ist das sofort verloren.“ Ein klarer Hinweis darauf, wie sensibel und fragil diese ersten Momente sind.

Für Maja beginnt ein gutes Praktikum lange vor dem ersten Arbeitstag: mit Vorbereitung, einem klaren Wochenplan, einem persönlichen Ansprechpartner. Und vor allem mit echter Wertschätzung. „Einfach zeigen: Wir wollen das richtig, wir freuen uns, dass du da bist.“

Dann passiert etwas Entscheidendes: Jugendliche erleben, wie vielfältig das Handwerk ist und wie sinnstiftend ihre Arbeit sein kann statt irgendwo „schippend oder fegend“ in der Ecke zu stehen. Genau dort, sagt Maja, „kann man das Feuer bei ihnen erwecken“. Und wer das schafft, hat die halbe Miete schon gewonnen.

 

Das unterschätze Potenzial junger Frauen im Handwerk

Wenn man auf die Bewerberzahlen junger Frauen im Handwerk schaut, wird schnell deutlich: Hier bleibt eine riesige Chance liegen. „Nur 20 Prozent der Auszubildenden im Handwerk sind junge Frauen.“, sagt Maja Liebisch. Eine Zahl, die sie jedes Mal verblüfft, vor allem im Vergleich zu den Leistungsdaten: „Fast 50 Prozent der Landessiegerinnen sind Mädchen.“* (Quelle: HWK Hamburg). Beeindruckende Beispiele von Frauen, die in Ihren Berufen glänzen und diesem auf höchstem Niveau ausfüllen: eine Maurerin, eine Kfz-Mechatronikerin, eine Sattlerin.

Dieser Kontrast zeigt für sie ein strukturelles Problem. Denn selbst diese 20 Prozent wirken größer, als sie tatsächlich sind. „Wenn man die Friseurinnen abziehen würde und nur auf die männerdominierten Berufe schaut, wäre es wirklich schwindend gering.“

Ihre Botschaft an die Betriebe ist eindeutig: „Entschuldigung – die wollt ihr nicht in euren Betrieb haben? Da stimmt doch irgendwas nicht.“ Für Maja ist klar: Wer im Handwerk Nachwuchs sucht, muss junge Frauen gezielt ansprechen, sichtbar machen und ihnen Räume öffnen. Oder wie sie es ganz pragmatisch formuliert: „Das zeigt nochmal ganz deutlich, dass Frauen im Handwerk sehr willkommen sein müssen.“

 

BBB: Bindung an den Betrieb beginnt bei der Belegschaft

Für Maja Liebisch steht fest: Azubis dann auch langfristig zu halten, gelingt nur, wenn der Betrieb nicht erst beim Nachwuchs ansetzt, sondern bei den Menschen, die bereits da sind. „Es wird oft unterschätzt, die Belegschaft gut mitzunehmen.“ Besonders Gesellinnen und Gesellen spielen dabei eine zentrale Rolle – gerade, wenn eine junge Frau neu in ein männerdominiertes Umfeld kommt.

Viele Ausbilder und Betriebsinhaber seien heute offen und unterstützend, sagt Maja. Doch genau diese Haltung werde im Alltag nicht immer bis auf die Baustelle oder Werkstatt transportiert. „Da hakt es manchmal etwas.“ Junge Frauen brauchen gerade in den ersten Tagen Orientierung und Sicherheit. Jemanden, der sagt: „Komm mal mit, das ist hier gar kein Problem.“ Wenn das fehlt, entsteht schnell ein Gefühl von Alleinsein.

Und besonders herausfordernd wird es, wenn alte Gewohnheiten im Team unbewusst weitergetragen werden. Ein Kommentar wie „Jetzt muss ich hier schon wieder den Farbeimer schleppen“ kann auch viel kaputtmachen. Für Maja ist klar: Wertschätzung und Respekt müssen im gesamten Betrieb gelebt werden, nicht nur in der Chefetage. Das einzufordern fällt vielen dennoch schwer, gerade wenn Zeitdruck und volle Auftragsbücher dominieren.

Was sie aber immer wieder erlebt: Die Investition lohnt sich. „Wir sehen Betriebe, die nach ein paar Jahren sagen: Jetzt ernte ich die Früchte, die ich vor drei Jahren gesät habe.“ Wer konsequent in eine gute Ausbildungskultur investiert, wird sichtbar – in Schulen, im Freundeskreis der Azubis, im lokalen Umfeld. Ohne diese kontinuierliche Arbeit geht es heute nicht mehr, sagt Maja.

 

Echte Beziehungspflege ist der Schlüssel

Die Azubis müssen spüren: Hier ist mein Platz, heute und morgen. Für Maja beginnt das mit einer Person, die verlässlich ansprechbar ist. Ideal sei jemand, der die Ausbildung selbst gerade abgeschlossen hat oder etwas weiter ist, eine Patin oder ein Pate, der Orientierung gibt und im Alltag mitschwingt.

Ebenso zentral ist es, im Gespräch zu bleiben und sich auszutauschen. Nicht einmal im Jahr, sondern regelmäßig und beidseitig. Für Maja heißt das: „Hey, was ist dein Eindruck? Läuft es gut? Fehlt dir irgendwas?“ Jugendliche brauchen Feedback, aber genauso die Möglichkeit, ihre Sicht einzubringen. Genau dadurch fühlen sie sich wahrgenommen. Nicht nur als Auszubildende, sondern als Menschen, die etwas beitragen.

Ein Punkt, den Maja besonders betont, betrifft die Zukunftsaussichten. Viele Betriebe planen längst mit ihren Azubis, möchten sie unbedingt übernehmen, aber kommunizieren es nicht. „Die Jugendlichen wissen das oft gar nicht“, sagt sie. In Umfragen höre sie immer wieder Sätze wie: „Ich weiß gar nicht, ob ich hier eine Zukunft habe.“

Für Maja ist dies verschenktes Potenzial. Darum plädiert sie dafür, Perspektiven klar auszusprechen und auch Wertschätzung deutlich zu machen: „Hey, du, ohne dich kommen wir hier gar nicht zurecht. Also, du bist ganz wichtig für uns.“

Solche Worte, sagt sie, wirken enorm, genauso wie Lob, das im Alltag oft zu kurz kommt. „Wenn man einen tollen Auszubildenden hat, dann bitte auch sagen.“ Denn jeder Mensch – ob Azubi oder langjährige Fachkraft – möchte wissen, welche Bedeutung er oder sie im Team hat.

Am Ende fasst Maja es schlicht zusammen: Kommunikation, Kommunikation, Kommunikation – ehrlich, häufig, wertschätzend. Wer das lebt, schafft ein Umfeld, in dem junge Menschen sich entwickeln, bleiben und Zukunft sehen.

 

Was es braucht, damit das Handwerk wieder mehr Nachwuchs gewinnt

Der Blick nach vorn zeigt deutlich: Ohne ein Umdenken in Gesellschaft, Schulen und Betrieben wird das Handwerk seine Zukunftsaufgaben nicht bewältigen können. Klimaziele, Energiewende, Sanierungsbedarf – all das steht und fällt mit qualifizierten Fachkräften, sagt Maja Liebisch. „Wer soll das denn umsetzen? In erster Linie das Handwerk.“ Doch dafür braucht es deutlich mehr junge Menschen, die diesen Weg einschlagen wollen.

Ein zentraler Hebel liegt in der gesellschaftlichen Anerkennung. Die Überlastung einzelner Gewerke, etwa während der Wärmepumpenphase, hat laut Maja gezeigt, wie knapp die Ressourcen bereits heute sind. Umso wichtiger ist es, Jugendlichen sichtbar zu machen, welchen Beitrag sie leisten können: Sie sind Teil der Lösung – ganz konkret.

 

Warum Wärmepumpen?
Sie gelten als Schlüsseltechnologie für klimafreundliches Heizen: deutlich weniger CO₂-Ausstoß, Nutzung erneuerbarer Umweltwärme.

Regierungsziel ab 2024
Beim 2. Wärmepumpengipfel wurde festgelegt: 500.000 neue Wärmepumpen pro Jahr – als Teil der Energie- und Klimastrategie der Bundesregierung.

Förderung für Hausbesitzer
Einbau wird staatlich unterstützt, z.B. mit BAFA-Zuschüssen für neue Heizsysteme.

Zahlen vs. Realität
2024 wurden nur rund 200.000 Wärmepumpen installiert, weit unterhalb der angestrebten 500.000.

Herausforderung fürs Handwerk
Umsetzung der Wärmewende? Das liegt beim Handwerk. Die hohe Nachfrage und der Fachkräftemangel haben viele Betriebe zeitweise an die Belastungsgrenze gebracht.

Wärmepumpengipfel 2024

 

Genauso entscheidend ist ein Wandel im Schulsystem. Immer noch beobachtet sie, dass Berufsorientierung zu stark in alten Mustern verhaftet bleibt. „Geschlechtsneutrale Beratung – das passiert mir noch zu wenig.“ In 10. Klassen hört sie oft von jungen Frauen ausschließlich Berufe wie Erzieherin oder Altenpflegerin. Beides essenziell, keine Frage, aber eben nicht alles, was möglich ist. Gleiches gilt für Jungen, die sich nur auf technische Berufe fokussieren. Maja wünscht sich, dass Schulen mehr Raum für Flexibilität schaffen: „Vielleicht hast du da deine Stärken, vielleicht hast du da Lust drauf.“

Hinzu kommt ein hartnäckiges Mindset: Handwerk wird vielerorts noch immer als Plan B wahrgenommen. „Wenn gar nichts mehr geht, dann kannst du ja ins Handwerk gehen.“ Das werde dem tatsächlichen Karrierepotenzial überhaupt nicht gerecht. Denn die Wege seien vielfältig: Gesellenlaufbahn, Spezialisierungen, Meistertitel – heute auf Bachelor-Level –, bis hin zum Betriebswirt des Handwerks. „Jeder dritte Betrieb sucht in den nächsten Jahren eine Nachwuchsführungskraft.“ Das seien große Chancen für junge Leute, die viel stärker sichtbar gemacht werden sollten.

 

Der „Bachelor Professional im Handwerk“ ist eine zusätzliche, europaweit anerkannte Bezeichnung für Handwerksmeister, die seit 2020 verliehen wird, um die Gleichwertigkeit mit akademischen Graden zu betonen und die internationale Vergleichbarkeit zu fördern; sie wird automatisch mit der bestandenen Meisterprüfung (DQR-Stufe 6) erworben und kann auch für bereits bestehende Meistertitel beantragt werden. Der Meisterbrief bleibt gültig, erhält aber durch den Zusatz „Bachelor Professional“ eine Aufwertung und bessere internationale Einordnung.

Bachelor Professional im Handwerk

 

Auf Betriebsebene geht es vor allem um Sichtbarkeit, Sprache und Haltung. Schon kleine Details – Stellenanzeigen, Fotos, Formulierungen – entscheiden darüber, ob sich junge Frauen angesprochen fühlen oder eben nicht. „Ich sehe das nicht – und die jungen Frauen sehen es auch nicht“, sagt Maja, wenn Betriebe behaupten, Frauen seien „mitgemeint“. Familienfreundlichkeit und ein wertschätzender Umgang seien ebenfalls wichtige Signale. Und zwar nicht nur für Mädchen: „Da fühlen sich auch die Jungs mit abgeholt.“

Denn klar ist: Junge Menschen wollen Respekt und ein Arbeitsumfeld, das sie ernst nimmt. Der alte Satz „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ habe ausgedient. „Wenn jemand sie unfair behandelt, lassen sie sich das nicht gefallen – und das ist auch gut so.“

Der Zukunftsweg des Handwerks führt also über klare Haltung, Offenheit und die Bereitschaft, vertraute Muster zu hinterfragen.

 

Warum echte Begeisterung der beste Wegweiser ist

Am Ende unseres Gesprächs wird noch einmal spürbar, warum Maja Liebisch für die Nachwuchsgewinnung im Handwerk brennt. Einen einzigen Tipp zu formulieren, fällt ihr schwer – nicht, weil sie keinen hätte, sondern weil alles zusammenhängt. Doch ein Gedanke zieht sich durch all ihre Erfahrungen: Begeisterung trägt weiter als jede Karriereplanung.

Sie erzählt, wie sehr sie auch bei ihren eigenen Kindern dafür geworben hat, das Handwerk nicht zu unterschätzen. „Weil ich die tollen Chancen und Möglichkeiten da sehe.“ Und weil kaum ein Arbeitsfeld so sichtbar macht, was man mit den eigenen Händen geschaffen hat. Wenn junge Menschen später durch die Stadt gehen und sagen können: „Hier habe ich mitgearbeitet – an der Elphi, am Westfield, an diesem Glas, an dieser Elektronik“ – dann ist das etwas, das bleibt.

Besonders berühren sie die Momente, in denen Auszubildende selbst zu Botschafter*innen werden. In Workshops und Schulbesuchen stehen junge Männer und Frauen aus den Betrieben vor Klassen und erzählen mit leuchtenden Augen von ihrer Arbeit. „Das ist so toll“, sagt Maja, und ihre Begeisterung ist ansteckend. Gerade junge Frauen, die ihren Weg im Handwerk gefunden haben, werden für viele zu starken Vorbildern.

Vielleicht ist genau das ihr größter Rat an Jugendliche wie an Betriebe: Zeigt, was möglich ist. Zeigt, was ihr schafft. Und zeigt, wie erfüllend ein Beruf sein kann, in dem man etwas Handfestes hinterlässt. Denn dort beginnt oft der Funke, der eine Zukunft im Handwerk erst möglich macht.

 

Zum Schluss – ein Wort von Susanne Peters, Einstieg Concept

Vielen Dank, liebe Maja, für diesen tollen Austausch. Du hast uns einen so ehrlichen und nahen Einblick in deine Welt gegeben – in das, was dich antreibt, berührt und begeistert.

Gespräche wie dieses zeigen uns immer wieder, wie viel Herz und Haltung hinter guter Nachwuchsarbeit steckt. Und wie bereichernd es ist, jemanden zu treffen, der so viel Freude daran hat, jungen Menschen Mut zu machen. Dafür ein großes Dankeschön.

Und weil das Thema so wichtig ist und uns so begeistert hat, haben wir direkt eine neue Idee – eine ganze Themenwoche rund um Handwerksberufe auf unseren Social Media Kanälen! Wir haben so viele Impulse mitgenommen, dass wir es kaum erwarten können, loszulegen.

Bis bald – und hoffentlich auch persönlich auf der Einstieg Hamburg 2026!
Susanne Peters – Einstieg Concept

 

  • Wie gewinnt das Handwerk heute junge Menschen und vor allem junge Frauen? Und was braucht es, damit sie nicht nur einsteigen, sondern auch bleiben? Kaum jemand sieht diese Fragen so klar wie Maja Liebisch von der Handwerkskammer Hamburg. Mit einer Mischung aus Leidenschaft, Pragmatismus und echtem Verständnis für die junge Generation begleitet sie Betriebe und Auszubildende seit vielen Jahren.

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  • Lars Heinlein, deutschlandweit für das Hochschulmarketing der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) verantwortlich und einer von fünf Sprechern der Arbeitsgruppe Studierendenmarketing im Bundesverband Hochschulkommunikation, gibt offene Einblicke in eine Branche im Umbruch: von der Realität sinkender Bewerberzahlen über den Druck zur Professionalisierung bis hin zur Frage, warum persönliche Begegnungen wieder an Bedeutung gewinnen. Und warum Hochschulen zwischen Studieninformation und Studienberatung trennen sollten.

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  • Wie ticken Azubis heute wirklich? Was brauchen sie, um anzukommen, dranzubleiben und über sich hinauszuwachsen? Und was können eigentlich Unternehmen konkret dafür tun? Genau darüber haben Susanne Peters und Julia Klingen von Einstieg Concept mit Lisa Kühn, Gründerin von AZUBeasy, gesprochen.

    Lisa kennt beide Seiten: Sie arbeitet nicht nur eng mit Betrieben, sondern tagtäglich auch mit der jungen Zielgruppe selbst. Ihre Einblicke sind ehrlich, praxisnah und manchmal auch überraschend anders. Genau das macht dieses Gespräch so lesenswert. Ein kurzweiliger Austausch über Generationen, Erwartungen, echte Kommunikation und die Frage, wie Ausbildung wieder zu dem wird, was sie sein sollte: ein gemeinsamer Weg, der Perspektiven schafft.

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