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09. Mai 2011  

Schüler als Unternehmer

Zielstrebig in die Zukunft

Unterricht allein ist für manche Schüler nicht genug: Sie proben parallel zu Mathe und Co. schon mal den beruflichen Ernstfall – in einer Schülerfirma oder auch außerhalb der Schule. Christina Kyriasoglou
Schüler als Unternehmer

Nachwuchs-Designer Magomed an seinem "Arbeitsplatz". Das Motiv der Schuhe und T-Shirts hat er selbst entworfen.

Magomed Dovjenko ist gerade erst 17 geworden – und arbeitet schon für Firmen wie Nike, Adidas und Reebok. Für die Sportbekleidungsfirmen entwirft der Nachwuchs-Designer T-Shirts, Logos und Plakate. Vor drei Jahren hat Magomed seine Karriere ins Rollen gebracht. „Mir macht Designen total viel Spaß und ich hatte gelesen, dass man viel Geld damit machen kann.“ Also schickte er ein paar seiner Entwürfe per E-Mail an die New Yorker Keystone Design Union (KDU), eine Designagentur, die eine Reihe von namhaften Kunden hat.

Nicht nur die Sportfirmen gehören dazu, sondern zum Beispiel auch die Bekleidungsmarke Diesel und der Rapper Jay-Z. David Gensler, der Gründer der Agentur, fand Magomeds Ideen gut; erst recht begeistert war er, als er dessen Alter erfuhr. Der damals 14-Jährige wurde in das Netzwerk der KDU aufgenommen. Ihm gehören Designer aus der ganzen Welt an. An das Netzwerk leitet die Agentur Aufträge weiter. Die Designer liefern dann beispielsweise ein Motiv für ein T-Shirt.


New York erobern
Im vergangenen Jahr hat Magomed allein für Nike zwölf verschiedene T-Shirts designt. An einem Entwurf sitzt er zwischen sieben und 30 Stunden. Inzwischen hat er eine Menge Geld verdient, einen Teil davon investiert er in seine Ausrüstung, große Bildschirme zum Beispiel. „Den Rest gebe ich aus“, sagt Magomed. „Dabei wollte ich dieses Jahr eigentlich anfangen, zu sparen.“ Noch besucht Magomed die 10. Klasse der Gesamtschule in Köln-Rodenkirchen.

In einem Jahr aber – wenn er volljährig ist und seine Fachoberschulreife hat – möchte er nach New York gehen. „Abi dauert mir zu lange“, sagt er. „Ich will lieber arbeiten. Ein Jahr zur KDU und danach mal gucken.“ Etwas mit Design wird es auf jeden Fall sein.

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Die meisten Schüler wissen nicht so früh, wo es beruflich für sie lang gehen soll. In manchen Schulen gibt es deswegen neben der normalen Berufswahlvorbereitung durch Praktika und Beratung die Möglichkeit, in einer Schülerfirma Erfahrungen zu sammeln. Hier übernehmen Jugendliche Verantwortung für die Planung und tägliche Organisation eines kleinen schulinternen Unternehmens. Die Studie „Nachhaltige Schülerfirmen“ der Freien Universität Berlin ergab, dass Schüler auch in anderen Bereichen dazulernen, beispielsweise was das soziale Miteinander angeht.

 
Studienwahl durchs Schülercafé
Einer, der in der Schule den Ernstfall übt, ist Lukas Gintrowki. Der 16-Jährige hat gerade die Finanzverwaltung des Schul-Cafés am Christlichen Gymnasium in Jena übernommen, wo er die 11. Klasse besucht. „Die praktische Erfahrung wird mir auf jeden Fall später im Beruf helfen“, sagt er. Und er hat das Gefühl, dass ihm die Arbeit in der Schnupperfirma auch die Studienwahl erleichtert: „Ich glaube, ich möchte etwas mit BWL studieren. Das ist wirklich interessant.“ 

Nachdem er beobachtet hatte, dass viele ältere Schüler in den Pausen zum Getränkemarkt um die Ecke gehen, um dort einen bestimmten Eistee zu kaufen, verhandelte Lukas mit dem Inhaber und bekommt das Getränk nun günstiger. In der Schule verkauft er es zum selben Preis wie im Geschäft, um einen kleinen Gewinn zu machen. Seine Kunden freuen sich aber immer noch über den kürzeren Weg. Damit er Werbung für den Eistee machen kann, hat er sich vom Hersteller bereits die entsprechenden Poster schicken lassen, um sie in der Schule aufzuhängen.

„Schülerfirmen sind eine klasse Idee“, findet Marie-Christine Ostermann, die Bundesvorsitzende des Verbandes Die Jungen Unternehmer (BJU). „Jugendliche lernen so, wie man unternehmerisch denkt und handelt. Das hilft bei der Studien- und Berufswahl und nutzt später auch im Job.“ Doch nur rund ein Prozent aller deutschen Schüler engagiert sich in einer Schülerfirma, so die Studie der Freien Universität Berlin. Ostermann wünscht sich mehr Engagement. „Es wäre toll, wenn mehr Lehrerinnen und Lehrer ihre Schüler für solche Praxisprojekte begeistern könnten.“ 

Lukas merkt am eigenen Leib, dass das gar nicht so einfach ist: Er hat große Schwierigkeiten, Mitarbeiter fürs Café zu finden. Gerade in der Oberstufe nutzen die Schüler ihre Freistunden lieber für Hausaufgaben und zum Lernen als zum Brötchenschmieren und Geschirrspülen. Trotzdem lässt Lukas sich nicht unterkriegen und versucht, den Umsatz des Schülercafés zu steigern.

Energische Energieberatung
Oft wird den Schülern durch ihre Arbeit in der Schülerfirma erst bewusst, wie relevant ein Thema aus dem Unterricht in der Praxis ist. Das ging Hannes Bondorf vom Otto-Hahn-Gymnasium in Ostfildern ähnlich. Sein Wirtschaftskurs machte vergangenes Jahr mit beim Junior-Projekt des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW). Dabei gründen Schüler für ein Jahr ein Unternehmen. 

Bei Hannes war es die Energieberatung „enerXchange“, deren Vorstandsvorsitzender er wurde. „Wir haben im Wirtschaftskurs viele Dinge gelernt, die wichtig sind für die Praxis. Zum Beispiel, wie man einen Geschäftsbericht schreibt und wie man Buchhaltung macht“, sagt er. Endlich konnten sie dieses Wissen praktisch anwenden.


Bevor die Schüler mit der Energieberatung loslegen konnten, mussten sie erst einmal auf sich und ihre Dienstleistungen aufmerksam machen – durch Werbung. Die Jugendlichen schrieben Pressemitteilungen und hingen Werbeplakate in der ganzen Stadt auf – mit Erfolg. Noch heute, obwohl das Projekt abgeschlossen ist, bekommen sie Anfragen von Leuten aus ihrer Stadt. 

Ihr Unternehmen hatte zwei Standbeine. Die Jugendlichen haben zum einen die Isolierung von Häusern per Wärmebildkamera analysiert. Um die Fotos richtig zu interpretieren, half ihnen anfangs ein selbstständiger Energieberater. Mit ihrem gesammelten Fachwissen berieten die Jugendlichen dann die Hausbesitzer. 

Darüber hinaus informierten sie ihre Kunden in punkto Stromtarife und übernahmen gegebenenfalls den Anbieterwechsel für sie. Die Jungunternehmer verglichen, welcher Tarif in ökologischer Hinsicht am besten, welcher am günstigsten ist und nahmen so ihren Kunden die Sucherei und den Papierkram ab.

Im Bundesbildungsministerium hält man solche Aktivitäten deshalb für wichtig, weil sie über den Schulalltag hinausgehen. Besonders erfreulich sei dabei, dass Schüler sich kontinuierlich mit Problemen beschäftigten und so die Frustrationstoleranz wachse. Dem kann der „Vorstandsvorsitzende“ Hannes Bondorf von der Schüler-Energieberatung nur zustimmen. Deren Energie wurde übrigens in mehrfacher Hinsicht belohnt: Zum einen hat sie einen kleinen Gewinn erwirtschaftet, zum anderen zwei Preise gewonnen – den IW-Landeswettbewerb Baden-Württemberg und den auf Bundesebene gleich dazu.

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