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10. Januar 2014  

Schwule und Lesben und ihr Outing im Job

Wer sich nicht verstecken muss, leistet mehr

Eigentlich spielt es im Berufsleben keine Rolle, ob man hetero, bi, schwul oder lesbisch ist. Trotzdem haben viele Angst vor einem Outing im Job. Unternehmen steuern dagegen und sorgen dafür, dass ihre Mitarbeiter offen leben und arbeiten können. Melanie Walkenbach, Annette Kamps
Regenbogenflagge

Viele haben Angst, sich am Arbeitsplatz zu outen.

Schwule Friseure oder lesbische Polizistinnen – berufliche Klischees gibt es jede Menge. Je nachdem, in welcher Branche man arbeitet, scheint die sexuelle Orientierung kein Problem zu sein – oder eben doch: Zwar hatten wir inzwischen mit Guido Westerwelle sogar einen schwulen Außenminister, der wiederum häufig von der ebenfalls geouteten Moderatorin Anne Will interviewt wird. Im Profi-Fußball dagegen traute sich bis zuletzt noch kein Spieler, offen schwul zu leben: Fußballer Thomas Hitzelsperger hat gerade den Anfang gemacht, allerdings nach Ende seiner aktiven Karriere.

 

Doch wie sieht es abseits der Promi-Welt aus? Schließlich werden nur die wenigsten Jugendlichen Politiker, Fußballer oder Top-Journalistinnen. Die meisten – ob hetero-,  homo-, trans- oder bisexuell – starten nach Schule oder Uni in ein ganz "normales" Berufsleben. So wie Thomas Kraut. Der 26-Jährige arbeitet in der IT-Branche, und für ihn war das Outing in der Firma wie ein Befreiungsschlag: "Man lebt einfach offener, und wenn montags über die Wochenendaktivitäten gesprochen wird, muss ich nicht länger die Tatsachen umbauen, um mich zu verstecken. Meiner Meinung nach lässt es sich dadurch sogar besser arbeiten, weil man eben nicht ständig damit beschäftigt ist, das Thema zu verheimlichen. Und das ist auch äußerst wichtig, schließlich verbringt man einen Großteil seiner Zeit am Arbeitsplatz!" Doch nicht nur der offene Umgang mit Kollegen spielt eine Rolle: Arbeitet man in einer Schule, hat man es mit Schülern und Eltern zu tun, in einer Bank mit Kunden. "Wegen des Kundenkontakts hatte ich schon Angst, mich zu outen," sagt Doreen Trolldenier vom arco-Netzwerk der Commerzbank. 

 

Angst, entlassen zu werden. Angst, nicht befördert zu werden. Angst, nicht so akzeptiert zu werden, wie man ist. Angst, an anderen Dingen gemessen zu werden, als an der eigenen Leistung. Wer damit beschäftigt ist, sich zu verstecken, oder sich vor Diskriminierungen fürchtet, kann weder so unbeschwert arbeiten wie seine Kollegen noch so effektiv: Zehn Prozent weniger Arbeitsleistung durch Verstecken, Verstellen, Demotivierung – von dieser Zahl geht der Völklinger Kreis, der Berufsverband für schwule Führungskräfte aus Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung und Kultur, aus. Der offene Umgang mit den Kollegen zahlt sich also aus, nicht nur fürs eigene Wohlbefinden und Betriebsklima, sondern auch für die Bilanz.

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Das Outing zahlt sich aus

Das haben inzwischen auch viele Unternehmen erkannt und sorgen dafür, dass sich niemand mehr verstecken muss. Auch Doreen Trolldeniers Arbeitgeber, die Commerzbank, hat sich das Thema "Diversity" auf die Fahnen geschrieben. Wörtlich übersetzt heißt "Diversity" Vielfalt oder Verschiedenheit, und diese Vielfalt sieht die Bank als Chance für Innovation und Kreativität. Inzwischen gibt es zahlreiche Initiativen deutscher Unternehmen, die sich im Rahmen des Diversity Managements auch um die Belange ihrer homo- und bisexuellen Mitarbeiter kümmern: von der Rainbow-Group der Deutschen Bank über Queerbeet der Deutschen Telekom und HomoSAPiens der SAP AG bis hin zum arco-Netzwerk des Commerzbank-Konzerns. 

 

Vorreiter in Deutschland war die Ford Werke GmbH: Als eines der ersten Unternehmen in Deutschland sorgte Ford für die Gleichberechtigung seiner hetero- und homosexuellen Mitarbeiter. Wer „verpartnert“ ist – den meisten wohl eher unter dem Stichwort Homo-Ehe bekannt – hat die gleichen Ansprüche wie ein verheirateter Arbeitnehmer, beispielsweise bei der Betriebsrente. Ford GLOBE, das Netzwerk der schwulen, lesbischen und bisexuellen Angestellten, wurde 1994 von einer Hand voll Mitarbeiter in den USA gegründet, 1996 war es dann auch in Deutschland so weit. Heute sind die Mitglieder an fast allen Standorten miteinander vernetzt: In Köln gibt es neben einem offenen Stammtisch zum zwischenmenschlichen Austausch auch einen Arbeitsstammtisch, der sich um konkrete Projekte kümmert, beispielsweise die Teilnahme am Christopher Street Day oder auch die Mitarbeit bei den Gay Games.

 

"Das Problem hat derjenige, der mich diskriminiert" 

Fairness und Gleichberechtigung sind das Ziel solcher Unternehmensnetzwerke. Außerdem will man als Gruppe sichtbar werden und Anlaufstelle sein: "Wenn das Unternehmen, in dem man arbeitet, zum Thema Gleichstellung öffentlich Stellung bezieht, gibt das Sicherheit in der Firma", sagt Tobias Nowak von Ford GLOBE Köln. "Denn dann habe nicht ich bei Konflikten ein Problem, sondern der Diskriminierende." Und natürlich gibt es auch bei Ford Konflikte, denn auch hier arbeiten „nur ganz normale Menschen." Doch die Spielregeln sind klar, es gibt Diversity-Trainings für Führungskräfte und bei Konflikten ist der Gang zum Vorgesetzten einfacher. 

 

Diese Sicherheit weiß auch Sandra Eisner (Name von der Redaktion geändert) zu schätzen: Sie absolviert ein duales Maschinenbau-Studium im do2-Programm bei Ford und hat sich gezielt bei Ford beworben. "Ich habe mir durchaus vor meiner Berufswahl darüber Gedanken gemacht, ob ich in meinem Beruf ‚offen’ leben bzw. arbeiten kann", sagt die 22-Jährige. Bei anderen Unternehmen sei  sie sich da nicht so sicher gewesen, weil es keine derartigen Netzwerke gab. "Trotzdem kann man keine pauschalen Urteile fällen, da man ja weder seine zukünftigen Vorgesetzten noch Kollegen kennen lernt. Der zweite Eindruck kann sich sowohl in positiver wie in negativer Richtung vom ersten unterscheiden!" 

 

Es hängt also nicht nur von bestehenden Strukturen, sondern vor allem von der Toleranz und Offenheit der einzelnen Kollegen ab, wie wohl man sich an seinem Arbeitsplatz fühlt. Und wer kein Netzwerk vorfindet, kann eins ins Leben rufen, so wie Thomas Kraut: Er gründete einen schwulen Firmenstammtisch, zu dem sich inzwischen regelmäßig 20 Mitarbeiter treffen.

Schlagworte:
 
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