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18. November 2010  

Ein Klassenzimmer unter Segeln

Meer erfahren, mehr lernen

Beim Projekt "Klassenzimmer unter Segeln" reisen 30 Schüler für sechs Monate auf einem Segelschiff über den Atlantik – und sehen dabei Korallenriffe, Vulkane und fremde Kulturen. Steffen Meyer

Jennifer ist vollkommen durchnässt, der Regen peitscht ihr um die Ohren, die Wellen schlagen gegen das Schiff. Seit drei Tagen hat es ununterbrochen geregnet, die blonde 16-Jährige hat keinen trockenen Pullover mehr, doch ihre Wache für heute ist noch lange nicht zu Ende. Ihre Klassenkameraden sitzen gerade im fernen Deutschland in einem gut beheizten Schulgebäude – und Jennifer würde niemals mit ihnen tauschen wollen.

 

Jennifer ist eine von 30 Schülerinnen und Schülern, die am Projekt Klassenzimmer unter Segeln (KUS) der Universität Erlangen-Nürnberg teilgenommen haben. Ein halbes Jahr – von Oktober 2009 bis April 2010 – verbrachten die Zehntklässler auf dem Segelschiff Thor Heyerdahl. Sie starteten in Kiel und bereisten Teneriffa, die Karibik, Panama, Kuba und die Azoren. "Das hört sich zwar nach Urlaub und Ferien an, doch eher das Gegenteil war der Fall", erzählt Jennifer. Denn die Schüler waren Teil der Besatzung, mit allem, was dazugehört: Sie hielten Wache bei Wind und Wetter, refften die Segel, putzten das Deck, kochten Essen, steuerten das Schiff – und hatten nebenbei auch noch Unterricht.

 

Der unterschied sich jedoch vom Unterricht, wie man ihn aus der normalen Schule kennt. Wenn die Schüler etwa ein 400 Kilo schweres Segel nach oben ziehen mussten, erfuhren sie am eigenen Leib, wie genial das Prinzip eines Flaschenzuges ist; um mit Seekarten navigieren zu können, mussten sie Kosinus- und Sinus-Funktion anwenden können; und der Erdkunde-Unterricht fand am Fuße eines Vulkans statt. "Ich habe wirklich viel gelernt und werde nichts davon so schnell wieder vergessen", sagt Jennifer. Dazu gehört auch ihr 16. Geburtstag – den hat sie nämlich auf Kuba verbracht.

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Doch so viel Abenteuer hat seinen Preis: Pro Monat zahlt ein Teilnehmer 2.550 Euro – für ein halbes Jahr sind das also 15.300 Euro. Fünf Halbund Vollstipendien wurden für den vergangenen Törn an Bewerber vergeben, die das Geld nicht aus eigener Tasche aufbringen konnten. "Wir bemühen uns darum, in Zukunft mehr Stipendien anbieten zu können", versichert die Projektleiterin Ruth Merk.


Zu sechst in einer Koje
Die Verpflegung ist inklusive. Telefongespräche nach Hause, neue Kleidung oder Restaurant-Besuche an Land zahlen die Schüler dagegen aus eigener Tasche. 720 Euro dürfen die Schüler höchstens mitnehmen, sie sollen so lernen, mit ihrem Geld umzugehen. Eigenverantwortung ist aber nicht das Einzige, was die Teilnehmer von der Reise mitgenommen haben: Das Zusammenleben auf engstem Raum hat auch ihre Teamfähigkeit gestärkt – die dreißig Schüler waren in Sechser-Kojen untergebracht, nach Jungen und Mädchen getrennt. Außerdem waren fünf Lehrer, 15 Crew-Mitglieder, der Kapitän und die Projektleiterin an Bord.

 

Anfangs drückten sich noch einige Teilnehmer darum, die Toilette zu putzen oder das Deck zu schrubben. Doch der Gruppendruck war einfach zu hoch, um auf Dauer damit durchzukommen. "Es ist einfach toll zu sehen, wie sich die Schüler über die Reise entwickelt haben", sagt Mathe- und Physiklehrer Johannes Schiller. "Die Stillen haben gelernt, auch mal etwas zu sagen, wenn sie etwas stört, und die Extrovertierten haben gelernt, auch mal den Mund zu halten."

 

Der 16-jährige Niklas aus Landshut hat eine ganz eigene Erfahrung auf dem Schiff gemacht: Er hatte sich dazu bereit erklärt, ein Segel zu "packen", es also einzurollen und mit Schnüren zu verbinden. Dazu musste er auf den Mast klettern und hoch oben auf einer Plattform stehen – und das, obwohl er Höhenangst hat. Das Schiff schwankte während seiner Arbeit unentwegt, Niklas kippte nach vorne und nach hinten und musste sich festhalten. "Eine Hand für dich und eine Hand fürs Schiff." So lautete eine wichtige Regel auf der Thor Heyerdahl. Als der 16-Jährige das Segel gepackt hatte, war er glücklich, wieder auf dem Deck zu sein, aber auch, dass er es geschafft hatte. "Man lernt auf der Reise, ehrlich mit sich selbst zu sein", sagt Niklas.


Bio-Stunde unter Wasser
Das Leben während dieses besonderen Segeltörns bestand aber nicht nur aus Arbeit und Unterricht: Es gab auch Freizeit, in der die Schüler auf dem Deck liegen, die Sonne genießen und ein Buch lesen konnten. Und manchmal lagen Lernen und Spaß auch gar nicht so weit auseinander: In einer Biologie-Stunde ankerte das Schiff vor einem Korallenriff. Die Schüler rüsteten sich mit Taucherbrille und Schnorchel aus, sprangen ins Wasser und erforschten das Ökosystem Ozean – an Bord baute der Biologie-Unterricht auf diesen Erkenntnissen auf. Auch die Landgänge bestanden nicht nur aus Exkursionen und Referaten, denn wenn man schon mal in der Karibik ist, dann darf man auch den Strand und die Sonne genießen. Diese gemeinsamen Erlebnisse und das Leben an Bord schweißen zusammen, ob Schüler, Lehrer oder Mitglied der Segelcrew. Niklas bringt es auf den Punkt: "Man lernt seine Lehrer nicht einfach nur als Lehrer kennen, sondern auch als Menschen."

 

"Ich habe mich ins Segeln verliebt", erzählt Jennifer. Die Arbeit auf dem Schiff war hart, aber genau das hat ihr gefallen: die Herausforderung, das Abenteuer. Eine ihrer prägendsten Reise-Erinnerungen war ein Sturm kurz vorm Bermuda-Dreieck. "Wenn man bei Windstärke 10 auf dem Deck steht und die Wellen über einen hereinbrechen, ist das einfach Wahnsinn", sagt Jennifer. "Es gibt da einen Spruch: Wenn man einmal auf See war, lässt man immer einen Teil von sich zurück." Und diesen Teil möchte Jennifer nicht mehr missen. Nach dem Abitur will sie Nautik studieren.

 

Die Route

 

Kiel / Deutschland

St. Cruz de Tenerife /Teneriffa

St. Vincent and the Grenadines /

Martinique

San Blas / Panama / Boca del Torro

Maria La Gorda / Kuba / Havanna

St. George‘s / Bermudas

Horta / Azoren

Kiel / Deutschland

 

Link-Tipp

 

www.kus-projekt.de

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