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01. Oktober 2009  

Soft Skills / Debattierclubs

Mal richtig Contra geben

Fachwissen allein genügt längst nicht mehr, um im Berufsleben zu bestehen. Arbeitgeber erwarten heute Schlüsselqualifikationen wie Selbstständigkeit, Team- und Kommunikationsfähigkeit. Die kann man trainieren – auch schon in der Schule. Zum Beispiel beim Wettbewerb "Jugend debattiert". Holger Müller-Hillebrand

In Raum 189 am Gymnasium Kerpen herrscht gespannte Stille. Hier, wo noch vor wenigen Stunden Lateinvokabeln gepaukt und Kurvendiskussionen geführt wurden, sind jetzt zwei Tische schräg aneinander gestellt. Hinter jedem sitzen zwei Jugendliche und sind in Notizen vertieft. Ab und an kratzt ein Stift auf dem Papier, räuspert sich jemand, flüstert einer dem anderen kurz etwas zu – ansonsten Schweigen. Nur die Schilder "Pro" und "Contra", die auf den Tischen platziert sind, lassen erahnen, was hier gleich passieren wird.

 Plötzlich läutet eine Handglocke. Lehrer Axel Rüttgers tritt hinzu und fragt: "Sollte es in Diskotheken eine gesetzlich festgelegte Höchstlautstärke geben?" Das ist die Initialzündung für die Runde. Alina Bieniek legt für die "Pro"-Seite zunächst dar, wie schädlich die in Discos nicht seltene Dauerbeschallung mit bis zu 110 Dezibel sei. "Die Musik dort ist häufig so laut wie ein Jumbo-Jet", donnert die 16-Jährige in den Raum. Dann der Auftritt der Contra-Seite: Viktoria Neubert entgegnet, dass medizinisch keinesfalls zweifelsfrei bewiesen sei, dass sporadische Discobesuche bleibende Gehörschäden verursachten. Energisch saust die rechte Hand der 14-Jährigen durch die Luft: "Niemand wird gezwungen, eine Disco zu besuchen, und jeder kann sich auch individuell vor dem Lärm schützen, wenn er möchte."

 

Disput ohne Schreierei
Eine gute Viertelstunde lang wird so debattiert, gestritten, nach Kompromisslösungen gesucht – und niemand fällt dem anderen ins Wort, schreit ihn an oder wird unsachlich. Eine Diskussionskultur, wie sie keineswegs selbstverständlich an Schulen ist. Doch die vier Mädchen sind auch schon geübte Debattanten, wie die Diskussionsteilnehmer genannt werden. Sie nehmen an "Jugend debattiert" teil und bereiten sich hier im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft auf kommende Wettstreite vor.

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Den Bundeswettbewerb "Jugend debattiert" gibt es hierzulande seit dem Schuljahr 2002/03. Er steht unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten und wird von vier großen privaten Stiftungen getragen. Rund 250.000 Schüler der Jahrgangsstufen 8 bis 13 haben seit dem Start bundesweit daran teilgenommen, derzeit trainieren etwa 80.000 Jugendliche an mehr als 600 Schulen in Sachen Diskussionskultur. Teilnehmer müssen sich in öffentlichen Diskussionsrunden der Wertung einer Jury stellen. Besonders gute Redner qualifizieren sich über Schulverbund- und Landeswettbewerbe für das Bundesfinale und können dort unter anderem eine sechstägige Akademie-Woche gewinnen.

 

Zuhören, aufeinander eingehen, auf den Punkt kommen
Doch im Mittelpunkt des Debattier-Wettstreits stehen eher ganz andere Preise – wie etwa der Gewinn an  Selbstsicherheit, Überzeugungskraft und Präsentationsfähigkeit, die jeder Teilnehmer erhält. Zuhören, aufeinander eingehen, auf den Punkt kommen und vor Publikum eine Auseinandersetzung führen können – all diese Fertigkeiten verlangt eine öffentliche Debatte. "Trainiert wird dies Schritt für Schritt, in vielen kleinen Übungen innerhalb und außerhalb des Unterrichts", sagt Ansgar Kemmann, Projektleiter  bei "Jugend debattiert". "Im Wettstreit gehören dann Gesprächsfähigkeit, Ausdrucksvermögen und Überzeugungskraft zu den Kriterien der Wertung."

Damit fördert der Wettbewerb genau jene Fertigkeiten, die im Berufsleben in den vergangenen Jahren mehr und mehr an Bedeutung gewonnen haben. Schlüsselqualifikationen oder "Soft Skills" werden sie schlagwortartig genannt – gemeint sind damit überfachliche Fähigkeiten und Fertigkeiten wie Konfliktfähigkeit, Selbstkritik und Führungspotenzial sowie persönliche Eigenschaften wie Selbstständigkeit, Belastbarkeit, Kreativität und sicheres Auftreten.  "Arbeitgeber setzen insbesondere bei Bewerbungen von Akademikern die Methodenkompetenz als selbstverständlich voraus", weiß Christiane Flüter- Hoffmann vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. "Zu den besonders wichtigen Soft Skills zählen dabei die Kommunikations- und Teamfähigkeit."

Jedoch bemängelten viele Unternehmen immer wieder das Fehlen kognitiver und sozialer Kompetenzen bei Absolventen aller Schularten, sagt Johanna Maria Huck-Schade. Die Autorin des Buchs "Soft Skills auf der Spur" hat sich intensiv mit den Schlüsselqualifikationen beschäftigt und empirische Studien ausgewertet, die zeigen, dass Soft Skills tatsächlich Kennzeichen erfolgreicher Führungskräfte sind. "Einen Startvorteil haben hier Jugendliche, die von ihren Eltern gefordert und gefördert und denen positive Lebensperspektiven aufgezeigt werden."

 

Debattierkultur an Schulen
Oder eben auch von und in der Schule. So hat sich mit "Jugend debattiert" in den vergangenen Jahren eine Debattierkultur an den deutschen Schulen etabliert, die im angelsächsischen Raum schon seit Jahrhunderten weit verbreitet ist. So genannte "Debattierclubs" sind an Universitäten in Großbritannien eine Selbstverständlichkeit, in den USA sind Debattierkurse sogar regulärer Teil des Lehrplans an Schulen und Hochschulen. In Deutschland hingegen entstand der erste Redeverein erst 1991 an der Universität Tübingen. Heute sind im "Verband der Debattierclubs an Hochschulen" (VDCH) immerhin 62 studentische Debattierclubs miteinander vernetzt.

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"Jugend debattiert" trägt jene Streitkultur in die Schulen – und mittlerweile wird auch Schülern bewusst, dass es im Berufsleben auf mehr ankommt als "nur" Mathematik, Deutsch und Englisch. Dazu tragen gewiss auch weitere Projekte bei, die Schüler vorrangig in Sachen Schlüsselqualifikationen trainieren wollen und jetzt verstärkt an Schulen angeboten werden. Beim derzeit in Nordrhein-Westfalen laufenden Berufswahlprojekt "Kompetenzchecker" etwa, das unter anderem von der Stiftung "Partner für Schule NRW" initiiert wird, geht es beispielsweise darum, Schülern individuelle Berufswahlmöglichkeiten aufzuzeigen, die sie anschließend im Rahmen einer Ausstellung zu präsentieren haben.

 

Schlüsselqualifikationen trainieren
Viktoria Neubert und Alina Bieniek haben ihren Dezibel-Streit inzwischen beendet. Auf einen Kompromiss konnten sie sich zwar noch nicht einigen, doch sind ihnen andere Erfahrungen auch wichtiger. "Ich lerne hier, besser frei zu reden und nicht so nervös zu wirken", meint Viktoria. Alina möchte auf diese Weise "einen Einblick in die Denkstrukturen meiner Mitmenschen erhalten" und ihre rhetorischen Fertigkeiten verbessern. Mit Erfolg: Beide Schülerinnen haben schon einen Schulverbundwettbewerb in ihrer Altersstufe gewonnen, und Alina wird das Gymnasium Kerpen demnächst auf Landesebene streitbar vertreten.

Schlagworte:
 
StudentenlebenSoft SkillsDebattierclub

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