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11. September 2009  

Frauen in Männerberufen

"Hätte Gott gewollt, dass Frauen fliegen, wäre der Himmel rosa"

Typische Männer- und Frauenberufe, gibt es die heute eigentlich noch? Die Antwort lautet: ja! Von wirklicher Gleichberechtigung kann noch keine Rede sein. Doch so mancher Frau ist es gelungen, eine Männerdomäne zu erobern und als Pilotin, Kapitänin oder Stuntfrau ihren Mann zu stehen. Annette Kamps

Kapitänin Alexandra Pohl:

Wie hoch ist der Frauenanteil in Ihrem Beruf? 

Pohl: Der Frauenanteil in der Seeschifffahrt liegt bei circa zwei Prozent, bei den Kapitänen ist es jedoch noch nicht einmal ein Prozent: Es gibt in ganz Deutschland nur acht weibliche Kapitäne! Ähnlich traurig sieht es bei den Schiffsingenieuren aus… 

 

Warum haben Sie sich für eine Ausbildung in der Seefahrt entschieden? 

Pohl: Ich wollte unbedingt eine praktische und vielseitige Ausbildung machen und einen Ingenieurberuf ergreifen. Da ich aus Bremen stamme und als Kind schon immer die Handelsschiffe vorbei fahren sah, habe ich mich für eine Laufbahn an Bord entschieden und eine Ausbildung als Schiffsmechanikerin begonnen. Das ist der klassische Einstiegsberuf auf dem Weg zum Kapitän. 

 

Gab es negative Reaktionen auf Ihre Berufswahl? 

Pohl: Meiner Mutter wäre es sicher lieber gewesen, ich wäre an Land geblieben. Mein Vater war sehr stolz, meine Freunde fanden es abgefahren. Nur der Berufsberater im Arbeitsamt Bremen meinte: „Die Seefahrt ist nichts für Frauen. Die Verantwortung ist zu groß. Studieren Sie lieber Medizin.“ Das hat mich bestätigt: Jetzt erst recht! 

 

Haben Sie jemals Akzeptanzprobleme im Job gehabt? 

Pohl: Ich hatte niemals Schwierigkeiten wegen meines Geschlechts, sondern wurde immer ernst genommen. Während der Ausbildung gab es manchmal eher eine Art „positive Diskriminierung“, indem Kollegen versucht haben, mir Arbeiten, die sie für unangenehm und schwer befanden, abzunehmen. Es blieb aber bei dem Versuch, denn selbstverständlich möchte ich alle Aufgaben, die an Bord anfallen, auch selbst erledigen!

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Was mögen Sie besonders an Ihrem Beruf? 

Pohl: Die Vielseitigkeit: Neben der Brückenwache, dem eigentlichen „Fahren“ des Schiffes, bin ich für Anlagen im Maschinenraum und deren Wartung verantwortlich. Und weil es immer etwas zu tun gibt, wird es nie langweilig. Man sieht Erfolge sofort – weil eine Maschine wieder läuft, weil man ein besonders gutes Manöver gefahren hat oder eine Landungsoperation schnell und sicher beendet hat. Außerdem fährt man mit seinem Arbeitsplatz um die Welt – lästiges Berufspendeln entfällt also! 

 

Würden Sie jungen Frauen raten, es Ihnen gleich zu tun? 

Pohl: Ich rate allen jungen Frauen, sich offen mit „exotischen“ Berufen auseinanderzusetzen und nicht nur in den üblichen Wegen zu denken. Für mich war es genau die richtige Entscheidung, zur See zu fahren. Aber die Besonderheiten der Seefahrt – mehrmonatige Abwesenheit von zuhause, ein grundsätzlich männliches Umfeld, leben und arbeiten auf engem Raum – liegen nicht jedem. Wer täglich den Kontakt zu Freunden und Verwandten braucht, wem es elementar wichtig ist, regelmäßig in die Kneipe, in die Disko oder ins Kino zu gehen, der wird unter Umständen die Zeit an Bord nicht mögen.

 

 

Pilotin Mandy Ullner


Der Frauenanteil unter Piloten liegt bei gerade mal fünf Prozent. Aus welchen Gründen haben Sie sich für diesen Beruf entschieden?

Ullner: Nachdem ich bei einem befreundeten Piloten im Cockpit mitfliegen durfte, war für mich klar, dass dieser Beruf genau das Richtige für mich ist. Ich war fasziniert und total begeistert, da gab es auch keine Alternativen mehr für mich. 

 

Gab es negative Reaktionen auf Ihre Berufswahl? 

Ullner: Eigentlich gab es ausschließlich positive Reaktionen, und allen Zweiflern habe ich ja gezeigt, dass es geht! 

 

Haben Sie jemals Akzeptanzprobleme im Job gehabt? 

Ullner: Klar gab es ab und zu „kluge“ Sprüche wie „Wenn Gott gewollt hätte, dass Frauen fliegen, wäre der Himmel rosa geworden“ oder Ähnliches, aber das war nie böse gemeint und bis jetzt war jeder froh, mal eine Frau vorne rechts zu sehen. 

 

Was mögen Sie besonders an Ihrem Beruf? 

Ullner: Verantwortung zu übernehmen, immer die richtigen Entscheidungen zu treffen zusammen mit der Crew, und natürlich das Wichtigste: Fliegen. 

 

Würden Sie jungen Frauen raten, es Ihnen gleich zu tun? 

Ullner: Natürlich muss man der richtige Typ für diesen Beruf sein und das Fliegen einfach lieben, aber ich habe es bis jetzt nicht bereut. 

 

Wie sind die Berufsaussichten zurzeit? 

Ullner: Im Moment stellen nur wenige Airlines Piloten ein. In der Luftfahrt gibt es ein ständiges Auf und Ab: Vor einem Jahr waren die Jobchancen noch super, und fast jeder fertig ausgebildete Co-Pilot hat sofort einen Job gefunden. 

 

Wie sah es bei Ihnen aus? 

Ullner: Nach Ende meiner Ausbildung an der „RWL German Flight Academy“ in Mönchengladbach habe ich als Co-Pilotin bei Contact Air bzw. Lufthansa Regional angefangen.

 


Stuntfrau Tanja de Wendt 

 

Wie hoch ist der Frauenanteil in Ihrem Beruf? 

de Wendt: Maximal zehn Prozent der Stuntleute sind Frauen. Wahrscheinlich ist sogar diese Zahl noch zu hoch gegriffen. 

 

Warum sind Sie Stuntfrau geworden? 

de Wendt: Der Beruf entspringt meiner Leidenschaft nach Bewegung, Herausforderung, Abwechslung und Freiheit. Als mir klar wurde, dass ich Stuntfrau werden will, gab es für mich keine Alternativen. Ich hab mir das in den Kopf gesetzt und mit zusammengebissenen Zähnen dafür gekämpft, dass es klappt. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Was im Laufe der Zeit hinzugekommen ist, ist die Leidenschaft für den Film. 

 

Gab es negative Reaktionen auf Ihre Berufswahl? 

de Wendt: Nein, gar nicht. 

 

Haben Sie jemals Akzeptanzprobleme im Job gehabt? 

de Wendt: Der Stuntberuf ist ganz klar eine Männerdomäne. Vereinzelt gab und gibt es Kollegen, die etwas empfindlicher auf die Ansage einer Frau reagieren. Früher mehr als heute. Als Stunt-Koordinatorin trage ich die Verantwortung für alle sicherheitstechnischen Abläufe und muss für meine Entscheidungen gerade stehen. Das wird in der Regel auch problemlos akzeptiert. Mit Kollegen, die damit Schwierigkeiten haben, arbeite ich nicht! Sie bilden aber auch eher die Ausnahme. Stuntarbeit ist schließlichTeamarbeit, und in einem gut funktionierenden Team ist es unerheblich, ob Mann oder Frau die Entscheidung trifft.

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Was mögen Sie besonders an Ihrem Beruf? 

de Wendt: Die Abwechslung. Jedes Set, jeder Stunt ist anders. Es ist immer eine neue Herausforderung, der man sich zu stellen hat. Es ist ein wunderbares Gefühl, wenn am Ende alles geklappt hat wie geplant. 

 

Würden Sie jungen Frauen raten, es Ihnen gleich zu tun? 

de Wendt: Wen der „Stuntvirus“ erwischt hat, kann ohnehin nichts anderes machen, als dieser Berufung zu folgen. Dennoch ist es ein steiniger Weg, insbesondere als Frau. Man muss einen langen Atem haben, um sich in der Branche zu etablieren, und damit ist noch lange nicht gewährleistet, dass man irgendwann auch von dem Beruf leben kann. Es gibt weit weniger Stunts für Frauen als für Männer. Nur wer ausreichend Biss hat und durchhält, wird irgendwann die Früchte ernten. 

 

Wie sind die Berufsaussichten momentan? 

de Wendt: Augenblicklich ist es sehr schwer, in den Beruf hineinzukommen. Mit der Gründung der „German Stunt Association“ könnte sich langfristig ein Weg abzeichnen. Noch gibt es jedoch keinen definierten Ausbildungsweg, und man hat nur die Möglichkeit, über ein bestehendes Stuntteam „hineinzuschlittern“. 

 

Ein besonders spannendes Projekt in letzter Zeit?

de Wendt: Zuletzt war ich für den aktuellen Film von Quentin Tarantino, „Inglourious Basterds“, gebucht.

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