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21. Mai 2010  

Abiturienten unter Leistungsdruck

Generation Angst

Aus Angst vor einer unsicheren Zukunft entscheiden sich viele Abiturienten für Jobs, die finanzielle Sicherheit zu versprechen scheinen. Dabei gibt es gute Gründe, sich bei der Berufswahl stärker von den eigenen Interessen leiten zu lassen. Stefan Holzbrecher

Jana wird nächste Woche 18, aber heute gibt sie sich alle Mühe, älter auszusehen. Mit ihrem dunkelblauen Blazer, der teuren Ledertasche unterm Arm und dem dezenten Make-up wirkt sie nicht wie eine Schülerin, sondern wie eine junge Managerin auf dem Weg zum nächsten Termin. Aber irgendwie ist sie das auch: eine Managerin in eigener Sache. Gemeinsam mit einer Freundin besucht Jana heute die Studienberatung der Universität Mannheim: „Ich habe mich schon informiert, welche Unis im Fachbereich Wirtschaft einen guten Ruf haben, und zwei oder drei davon möchte ich mir vor Ort ansehen.“ Dafür, dass ihr Wunsch vom Studium an einer renommierten Hochschule in Erfüllung geht, arbeitet Jana hart, ihr Ziel ist ein Abi-Schnitt von 1,3. Im Sommer reist sie außerdem in die USA, um ihr Englisch zu verbessern.

Vor zehn Jahren wäre sie von den meisten ihrer Mitschüler wohl noch als Streberin bezeichnet worden. Heute gibt es jedoch tausende Janas, überall in Deutschland. Der Journalist Klaus Werle, Autor des Buchs "Die Perfektionierer", schreibt bereits von der "Generation Lebenslauf" und zeigt sich verwundert, dass Schüler "ihr Leben planen wie ein Feldherr seine Schlacht." Und auch Lara Fritzsche, die für ihr Buch "Das Leben ist kein Ponyhof" ein Jahr lang eine Abschlussklasse vom Abi bis zum Studienstart begleitet hat, betont, wie strategisch die meisten bei der Berufswahl vorgehen – und wie hart viele arbeiten, um sich die vermeintlich beste Ausgangsposition beim Eintritt in den Arbeitsmarkt zu sichern: "Lernen, lernen, lernen – das ist das Allheilmittel. Der Leistungsgedanke hat sich verselbstständigt."

Als Ursache für das neue Strebertum machen Experten eine große Angst vor der Zukunft aus. Vor allem die Befürchtung, Opfer einer negativen Wirtschaftsentwicklung werden zu können, belastet die Generation. "Deshalb trifft sie Maßnahmen gegen das mögliche Hereinbrechen von Armut und Arbeitslosigkeit in ihrem Leben", analysiert Fritzsche.

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Mit Ehrgeiz gegen die Angst

Aber ist die Angst vor einer düsteren Zukunft überhaupt berechtigt? Und funktioniert Karriereplanung wirklich als Schutzschild gegen gesellschaftliche Krisen? Nein, findet die Karriereberaterin Anita Horn-Lingk: "Es gibt keine Sicherheit. Niemand weiß, was in fünf, zehn oder fünfzehn Jahren sein wird." Die eigene Biografie ausschließlich an den Anforderungen des Arbeitsmarkts auszurichten, hält sie daher für grundfalsch – und glücklich mache diese Strategie auf Dauer sowieso nicht. "Viele Jugendliche sind bereit, ihre Berufswahl von äußeren Faktoren abhängig zu machen. Aber die meisten haben diese Einstellung nie hinterfragt. Wenn man das mal macht, wird oft deutlich, dass sie durchaus eigene Wünsche, Ziele und Träume haben. Und meiner Meinung nach sind sie zu schnell bereit, diese zugunsten einer vermeintlich sicheren Lebensplanung aufzugeben."

Noch nie hatten Jugendliche in Deutschland so viele Möglichkeiten, ihr Leben zu gestalten, wie heute – aber anstatt die Chancen zu nutzen, scheuen die meisten lieber die Risiken.

 

Dabei gibt es gerade für Abiturienten gute Gründe, viel zuversichtlicher in die Zukunft zu blicken. Schon heute klagen viele Unternehmen über den so genannten Fachkräftemangel, und aufgrund der demografischen Entwicklung werden Abiturienten und Hochschulabsolventen in Zukunft noch gefragter sein – auch ohne Einser-Abi, und quer durch alle Branchen. Sich kritisch und intensiv mit einem Thema auseinanderzusetzen, sich eine eigene Meinung bilden und diese auch vertreten zu können, mal nach Lösungen zu suchen, die abseits der ausgetretenen Pfade liegen, das sind in einer Wissensgesellschaft die Schlüsselkompetenzen. Und die eignet man sich eben nicht nur im Turbo-Studium an, sondern auch über Umwege. "Schon heute ist es ja ganz normal, alle paar Jahre den Arbeitgeber und den Job zu wechseln, gerade unter Akademikern", sagt Anita Horn-Lingk. Ein Studium in Rekordzeit und ein Einser-Abschluss helfen da nur bedingt weiter – mindestens ebenso wichtig sind Erfahrungen, die man im Zuge der Persönlichkeitsentwicklung gesammelt hat. Und dazu gehört eben auch, vielleicht mal falsch gelegen und einen neuen Weg eingeschlagen zu haben. Scheitern als Chance, nicht als Stigma.

 

Entdecke die Möglichkeiten

Doch auch ganz handfeste Gründe sprechen dafür, sich bei der Berufswahl von den eigenen Wünschen und Fähigkeiten leiten zu lassen, statt ausschließlich auf Arbeitsmarktprognosen und Gehaltsvergleiche zu schielen: Wer sich für ein Jura-Studium entscheidet, obwohl er viel lieber Lehrer oder Designer werden würde, hat ein paar harte Jahre vor sich – und bewegt sich womöglich immer am Rand des Studienabbruchs. Jeder fünfte Student bricht in Deutschland sein Studium ab, die meisten aus Unzufriedenheit. Neben finanziellen Gründen sind laut einer aktuellen Befragung des Hochschul-Informations-Systems "Leistungsprobleme" und "mangelnde Studienmotivation" die mit Abstand häufigsten Ursachen für Studienabbrüche. 

 

Und auch die Angst, trotz Abi und Studium später ohne Job dazustehen, lässt sich mit einem Blick in die Statistik vertreiben: Der beste Schutz gegen Arbeitslosigkeit ist ein Hochschulabschluss – und zwar weitgehend unabhängig vom Studienfach. Die Arbeitslosenquote unter Akademikern liegt seit Jahren konstant bei circa vier Prozent, und daran hat nicht einmal die Wirtschaftskrise etwas geändert. In schlechten Zeiten trifft es vor allem Menschen ohne Schulabschluss oder Berufsausbildung – mit Abi und Studienabschluss landet dagegen niemand auf der Straße, wenn die Wirtschaft mal nicht brummt. 

 

Eine OECD-Studie, die im April 2010 veröffentlich wurde, kommt zudem zu dem Schluss, dass die beruflichen Perspektiven junger Menschen in keinem anderen Land so gut sind wie in Deutschland. Ihr Risiko, während einer Wirtschaftskrise den Job zu verlieren, ist nirgendwo so gering wie hier.

"Wer das Glück hat, in einem so reichen Land aufzuwachsen und Abitur machen zu können, sollte sich trauen, einfach mal ein paar der Möglichkeiten auszuprobieren, die sich nach dem Abi bieten", sagt Anita Horn-Lingk, "und dabei kann man sich ruhig von den eigenen Interessen leiten lassen – auch, wenn die als ein bisschen unpopulär gelten."

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