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30. November 2009  

Internationale Organisationen

Die Weltverbesserer

Von UNO, EU, NATO & Co. lesen wir jeden Tag in der Zeitung. Doch was machen solche internationalen Organisationen eigentlich genau? Und wie kommt man rein?
Internationale Organisationen

Sich einmal wie ein Mitglied einer internationalen Organisation fühlen. Das "Model United Nations" macht es möglich. © MUN

Etwas ist anders an diesem Freitagmorgen um acht im Ausschuss-Saal 2 des Kieler Landtags. ´Dort, wo sonst auf breitem Platt über Themen wie den Rückbau des Schleusenleitdeiches oder die Dioxinbelastung von norddeutschen Schafslebern diskutiert wird, riecht es heute ein bisschen nach großer, weiter Welt. 

Auf jedem der 37 Arbeitstische steht ein anderes buntes Landesfähnchen – Ägypten, Benin, Paraguay, Ukraine, Griechenland. Dahinter sitzen junge Männer in dunklen Anzügen und Frauen in schicken Kostümen. Nur der Delegierte der Militärdiktatur Birma ist in seiner Parade-Uniform gekommen und lugt grimmig hinter der verspiegelten Sonnenbrille hervor.

Ganz vorne, am Tisch des Ausschuss-Vorsitzenden, versucht sich Julian Hof im Wirrwarr der Stimmen Gehör zu verschaffen. Dann, als es endlich ruhig ist, legt er los: „Verehrte Delegierte, hiermit eröffne ich die Sitzung der Kommission für Wissenschaft und Technik der Vereinten Nationen.“ 

 

Schüler spielen Weltpolitik

 

Eigentlich ist Julian Hof ein ganz normaler 19-Jähriger, der gerade am Technischen Gymnasium Stuttgart sein Abitur gemacht hat. Doch ein paar Mal im Jahr verwandelt er sich über Nacht in einen internationalen Spitzenpolitiker und simuliert gemeinsam mit rund 400 anderen Jugendlichen drei Tage lang die Arbeit der Vereinten Nationen.

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Solche Planspiele – genannt „Model United Nations“ oder kurz: MUN – finden inzwischen regelmäßig in ganz Deutschland für Schüler und Studenten statt. 

Die Teilnehmer schlüpfen dabei in die Rolle von Diplomaten verschiedener UN Mitgliedstaaten und müssen deren Interessen in simulierten Gremien wie der Generalversammlung oder dem Weltsicherheitsrat so authentisch wie möglich vertreten. 

Sie debattieren über weltpolitische Themen, handeln Kompromisse aus und verabschieden Resolutionen. Sogar ein UN-Generalsekretär wird für das Event berufen.

Und nach Abschluss der Kräfte zehrenden Verhandlungen entspannen sich die Nachwuchs-Politiker gemeinsam beim glamourösen Diplomatenball.

 

„Bei MUN lernt man, wie schwierig es ist, viele verschiedene Ansichten unter einen Hut zu bringen“, sagt Julian, „da dauert es schon mal anderthalb Tage, bis sich alle Teilnehmer auf eine gemeinsame Resolution zu einem Thema geeinigt haben.“ Nichtsdestotrotz hat ihn die Simulation neugierig gemacht: „Ich kann mir gut vorstellen, irgendwann einmal bei den echten Vereinten Nationen zu arbeiten.“

 

Arbeitgeber internationale Organisationen

 

Internationale Organisationen (IO) sind heute für viele Schüler und Studenten wahre Traum-Arbeitgeber. Weltpolitik mitgestalten, in den interessantesten Städten und Ländern leben, Kollegen der unterschiedlichsten Nationalitäten und attraktive Gehälter – das sind nur ein paar der Gründe dafür, warum jedes Jahr Tausende deutscher Hochschulabsolventen an den Auswahlverfahren von UNO, EU, NATO & Co. teilnehmen.

 

Doch was unterscheidet die IOs eigentlich von anderen weltweit tätigen Arbeitgebern? „Internationale Organisationen sind Vereinigungen von souveränen Staaten“, erklärt Ulrich Seidenberger, der beim Auswärtigen Amt in Berlin für internationale Personalpolitik zuständig ist. „Sie tun sich zusammen, um auf bestimmten politischen Feldern, die für viele Staaten interessant sind, gemeinsame Entscheidungen zu treffen, zum Beispiel in der Umweltpolitik oder in der Außen- und Sicherheitspolitik.“ Dabei gibt es riesig große IOs wie die Vereinten Nationen oder die Europäische Union, die sich mit fast allen Themen beschäftigen. 

 

Es gibt jedoch auch ganz kleine und spezialisierte Organisationen. Etwa die Internationale Meeresboden-Behörde in Jamaika, die die Bodenschätze der Tiefsee verwaltet. Oder das Europäische Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage in England. 

Die Bandbreite ist riesig, allein Deutschland ist Mitglied in mehr als 200 verschiedenen IOs. 

Das bedeutet auch: über 200 potenzielle Arbeitgeber für deutsche Hochschulabsolventen.

 

UN-Praktikum in Panama

 

Für jemanden wie Anette Stimmer, zum Beispiel. Die 24-Jährige lebt derzeit in Panama, auf dem schmalen Landstreifen zwischen Mittel- und Südamerika, und arbeitet dort als Praktikantin für das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen.

Nach Abschluss ihres Bachelor-Studiengangs „Internationale Beziehungen“ in Dresden im letzten Jahr machte Anette nicht direkt mit dem Master weiter, sondern entschied sich zunächst für den Praxis-Check. Die Stelle bei UNHCR in Panama-Stadt besorgte sie sich auf eigene Faust, finanzielle Unterstützung erhielt sie vom Carlo-Schmid-Stipendienprogramm.

 

„Am spannendsten finde ich, dass meine Arbeit hier auch ganz unmittelbare und konkrete Auswirkungen auf die Menschen hat“, berichtet die Augsburgerin. Panama grenzt im Osten an Kolumbien, wo seit Jahrzehnten ein Konflikt zwischen Regierung, Guerillas und paramilitärischen Gruppen herrscht. Immer wieder flüchten deshalb Menschen nach Panama, wo sie im Büro von Anette und ihren Kollegen Hilfe erhalten.

Die Unterstützung durch UNHCR ist vielfältig und reicht von Integrationsprojekten bis hin zu persönlicher Beratung: „Zu meiner Arbeit gehört unter anderem, mir die persönlichen Geschichten der Asylbewerber anzuhören und ihnen den Rechtsweg zu erklären, den sie durchlaufen müssen, damit sie als Flüchtlinge anerkannt werden.“

 

Panama ist übrigens nicht Anette Stimmers erste Auslandsstation. Ihr Lebenslauf ist vielmehr ein Paradebeispiel dafür, wie man die eigene internationale Karriere frühzeitig in Angriff nehmen kann: Schon als Schülerin verbrachte sie ein Austauschjahr in Costa Rica und den USA, lernte perfekt Spanisch und Englisch. Während des Bachelor-Studiums ging sie für ein Semester nach Kairo, absolvierte später in den Ferien ein Praktikum in Mexiko. Nach UNHCR will sie zunächst noch Erfahrung bei einer Nichtregierungsorganisation (NGO) sammeln und dann ihren Master in Angriff nehmen, entweder in England oder den USA. 

 

Hohe Anforderungen

 

„Auslandserfahrung ist das A und O, wenn man später in einer internationalen Organisation arbeiten will“, sagt Ulrich Seidenberger vom Auswärtigen Amt. „Man sollte sich schon im Studium international aufstellen, dazu möglichst viele Praktika in anderen Ländern machen, damit man später die hohen Anforderungen der IOs erfüllt.“

 

Und was ist sonst noch wichtig? „Eine Portion Idealismus gehört sicher auch dazu“, findet Anette Stimmer. „Ich muss den Willen haben, positiv zu gestalten. Und überzeugt sein von Konzepten wie Menschenrechten und Völkerverständigung."

Eine bessere Welt erhofft sich letztlich auch Abiturient Julian Hof von den Staaten-Vereinigungen. Doch bis dahin sei es noch ein weiter Weg: „Dort arbeiten ja auch nur Menschen, und die sind nun mal nicht perfekt. Es gibt Regeln, und jedes Land versucht diese Regeln knallhart für sich zu nutzen.“ Julian will zunächst auf einem anderen Weg zur weltweiten Friedenssicherung beitragen. Gerade hat er bei der Bundeswehr die Offizierslaufbahn begonnen. 

Die Vereinten Nationen wird der 19-Jährige währenddessen jedoch weiter im Blick behalten, nicht nur bei den MUN-Simulationen im Kieler Landtag.

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