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03. November 2011  

Interview mit Sportpsychologe Markus Flemming

Sportler auf der Couch?

Die psychologische Betreuung spielt im Spitzensport eine immer größere Rolle. Deshalb ist der Rat von Markus Flemming, 41, sehr gefragt: Der Sportpsychologe war früher selbst Eishockeyprofi und stand kurz vor einem Burn-out. Stefan Moskopp
Markus Flemming, Sportpsychologe

Sportpsychologe Markus Flemming war früher selbst Leistungssportler.

EINSTIEG: Herr Flemming, was sagen Sie einem Stürmer, der über mehrere Spiele das Tor nicht mehr trifft?

Flemming: Ich mache ihm seine Fähigkeiten bewusst. Ein Stürmer wie Klose oder Gomez, der in einer Saison über 20 Tore erzielt, verlernt ja nicht über Nacht oder von einer Saison zur nächsten das Fußballspielen.

 

Wie sind diese „Ladehemmungen“ zu erklären?

Flemming: Der Spieler fängt auf einmal an, zu viel nachzudenken. Und verkrampft. Kurz gesagt, früher hat er den Ball einfach ins Tor geschossen, heute schaltet sich der Kopf ein, sobald er den Ball am Fuß hat: „Da ist das Tor, ich hab’ den Ball, ich muss ihn nur noch rein schießen – aber wehe, ich schieße daneben.“

 

Vermitteln Sie ihm dann eine Technik, wie man seinen Kopf „abschaltet“?

Flemming: Nein, das geht auch nicht. Das ist so, als würde man jemanden sagen: Denk jetzt bloß nicht an einen rosa Elefanten. Ich spreche mit dem Sportler viel mehr über die Situationen, die auf ihn zukommen können und denen er sich stellen muss. Und das Ganze immer vor dem Hintergrund seines Könnens. Ich mache dem Sportler bewusst, dass er die Herausforderung auf Grund seiner Fähigkeiten meistern kann, so wie er es auch früher schon oft getan hat. Das Ganze hat also nichts mit „Tschaka, Tschaka!“ zu tun, sondern mit dem Können, das sich der Sportler über Jahre erarbeitet hat. Denn eines ist klar: Man kann aus einem mittelmäßigen Sportler durch Psychologie keinen Spitzensportler machen.

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Setzen Sie denn Videos von früheren Erfolgserlebnissen ein?

Flemming: Das kann man so machen, ich arbeite aber lieber über die Visualisierung durch den Sportler selbst. Er soll diese positiven Bilder aus sich selbst wieder hervorholen. Das kombiniere ich mit Entspannungsübungen. Am wichtigsten sind aber die Gespräche. Der Sportler soll ganz frei berichten, was ihn belastet. Manchmal reicht es schon aus, dem Sportler nur zu spiegeln, wie es gerade in ihm aussieht und dass man so keinen Erfolg haben kann.

Wie sind Sie damals als Eishockey-Profi mit dem Druck umgegangen?

Flemming: Als Torwart steht man ja besonders unter Druck: Der Stürmer kann neunmal am Tor vorbeischießen, dann trifft er einmal und ist der Held. Wenn du als Torwart einen Fehler machst, bist du der Arsch, auch wenn du vorher eine Weltklasseparade nach der anderen gezeigt hast. Während der Spiele selbst bin ich mit diesem Druck aber immer gut zurechtgekommen. Die Zeit zwischen den Spielen wurde für mich irgendwann immer schwieriger, ich war nervös, hatte Schlafstörungen und habe vor Spielen immer häufiger gedacht: Ich will da gar nicht hin! Ich war 21 Jahre alt, hatte zweimal die Deutsche Meisterschaft gewonnen und stand auf einmal kurz vor einem Burn-out. 

 

Haben Sie eine Erklärung, wie es dazu kommen konnte?

Flemming: Ich habe mich selbst zu sehr unter Druck gesetzt und falsche Ansprüche an mich gestellt. Ansprüche, die nicht zu erfüllen waren. Auf einmal konnte ich nicht mehr mit Fehlern umgehen, ein Fehler war für mich gleichbedeutend mit einer Katastrophe.

 

Wie sind Sie aus diesem Tief herausgekommen?

Flemming: Durch professionelle Hilfe. In Person von Hans-Dieter Herrmann, der heute als Sportpsychologe die Fußball-Nationalmannschaft betreut.

 

Und so sind Sie dann selbst zu dem Fach gekommen.

Flemming: Der Gedanke, Psychologie zu studieren, hatte mich schon immer gereizt. Die Bewältigung meiner eigenen Krise hat dann den letzten Ausschlag gegeben. Nach Ende meiner Sportler-Karriere habe ich mich dann sofort für Psychologie eingeschrieben.

 

Was raten Sie Schülern, die mit dem Prüfungsdruck nicht klar kommen?

Flemming: Ganz einfach, ich würde ihnen raten, zu lernen und fleißig zu sein. Genau wie beim Sport ist auch hier das Können die Basis dafür, dass man ohne Angst in die Prüfung geht. Ein bisschen Kribbeln und Nervosität gehören natürlich dazu. Aber man sollte auch Freude darüber spüren, dass man endlich zeigen kann, was man drauf hat. Man muss sich selbst belohnen wollen mit der Prüfung.

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