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03. Januar 2013  

Bundesfreiwilligendienst

Freiwillig im Dienst

Neben FSJ und FÖJ gibt es seit 2011 den Bundesfreiwilligendienst, der den Zivildienst ersetzt. Wir erklären, was die Programme unterscheidet, und haben drei Freiwillige getroffen, die von ihren Erfahrungen berichten. Hanna Koch
Freiwilliges ökologisches Jahr

Ein Freiwilliges ökologisches Jahr macht Melanie Gießler. © Einstieg: Hanna Koch

Nach 13 Jahren Schule wollte Melanie Gießler vor allem eins: raus. Weg vom Abi-Stress, Abstand gewinnen vom Leistungsdruck und einfach mal etwas Handfestes machen. Jetzt ist sie draußen, und das jeden Tag. Im Naturschutzzentrum Bruchhausen kümmert sich die 19-Jährige um Pflanzen und Tiere, pflegt die große Gartenanlage und bringt Kindern den sensiblen Umgang mit der Natur bei. Melanie hat sich für ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) entschieden. Damit ist sie 2012 eine von deutschlandweit rund 3.000 Freiwilligen, die sich nach ihrer Schulzeit ein Jahr lang für den Umweltschutz engagieren.

Einen noch größeren Zulauf hat das Freiwillige Soziale Jahr: Etwa 35.000 Jugendliche nahmen 2011 an diesem Programm teil und arbeiten in Behindertenwerkstätten, Altenheimen oder Kindergärten. Das FSJ ist eine Möglichkeit, für eine gewisse Zeit sozial tätig zu sein. Eine andere Option, die erst seit 2011 besteht, ist der Bundesfreiwilligendienst (BFD). Er ersetzt den Zivildienst und steht Männern und Frauen aller Altersklassen offen.

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FSJ, FÖJ oder Bundesfreiwilligendienst? 

Während der Bundesfreiwilligendienst 2011 erst angelaufen ist, hat sich das Freiwillige Soziale Jahr längst etabliert. "Das haben wir sogar in der Schule durchgenommen", erzählt Anna Jacqueline Reinhold. Daran erinnerte sich die 18-Jährige, als sie unglücklich war in ihrer Ausbildung zur Bürokauffrau. Ihre Eltern hatten sie dazu gedrängt, doch "etwas Vernünftiges" zu lernen. "Aber schon nach drei Monaten wusste ich: Das ist nichts für mich", erzählt die Realschulabsolventin. Sie bewarb sich für ein FSJ – und bekam eine Stelle in einem Neusser Altenheim.

Jetzt ist sie täglich für die Bewohner da, hilft bei den Mahlzeiten, geht mit den alten Menschen spazieren oder liest ihnen vor. Viel Dankbarkeit bekomme sie von den Senioren zurück, erzählt Anna Jacqueline. "Da werde ich auch schon mal gedrückt und geküsst." Aber die Arbeit hat auch Schattenseiten: Der Umgang mit Demenzkranken, die sich im Leben kaum noch zurechtfinden, fällt ihr schwer. "Es gibt viele Situationen, die mich belasten und mich auch zum Weinen bringen", sagt Anna Jacqueline. Vor allem natürlich, wenn Heimbewohner sterben. "Ich muss akzeptieren, dass der Tod zum Leben dazugehört", sagt sie. Und das sei eine schwere Herausforderung.

Zunächst wenig Interesse am Bundesfreiwilligendienst

Sich neuen Erfahrungen und Aufgaben zu stellen, motivierte auch Jérôme Grevelding zu seinem Freiwilligendienst. Er ist einer der ersten "Zivi- Nachfolger": Im Neusser Lukaskrankenhaus absolviert er seinen Bundesfreiwilligendienst. Inhaltlich unterscheidet sich dieser kaum vom FSJ: Die "Bufdis", wie sie sich selbst nennen, arbeiten in sozialen Einrichtungen, mit Behinderten, Kranken, Alten oder Kindern. Jérôme Grevelding kümmert sich im Operationssaal des Krankenhauses um Patienten, außerdem bereitet er die OP-Tische vor und erledigt Botengänge für die Ärzte, etwa wenn Gewebeproben schnell analysiert werden müssen. Das Krankenhaus kannte er von einem Schulpraktikum – "und nach dem Abitur habe ich mich dann für den Bundesfreiwilligendienst beworben", erzählt der 19-Jährige.

Viele seiner Altersgenossen waren da skeptischer: Zum Start des Freiwilligendienstes am 1. Juli 2011 hatten sich gerade einmal 3.000 junge Menschen bereit erklärt, sich als "Bufdi" zu engagieren. Das reichte bei Weitem nicht aus, um die abgeschafften Zivildienststellen zu ersetzen. Das Lukaskrankenhaus in Neuss, wo Jérôme Grevelding arbeitet, hat deswegen

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neue Vollzeitstellen geschaffen und nur wenige Plätze für den Bundesfreiwilligendienst ausgeschrieben. "Trotzdem haben wir nur fünf von zehn Plätzen vergeben", sagt Uly Wismann, der in der Betriebsabteilung der Klinik die Bewerbungen koordiniert. Im Dezember 2012 engagierten sich insgesamt rund 39.000 Freiwillige im Bundesfreiwilligendienst.

Ein Grund für die zögerliche Akzeptanz des Bundesfreiwilligendienstes ist, dass der BFD im Gegensatz zum Zivildienst freiwillig geleistet wird. Niemand kann dafür eingezogen werden, er ist ein Ehrenamt, das mit einem Taschengeld belohnt wird – genauso wie das FSJ und FÖJ. Bei der Einführung des Dienstes hatte es zudem Pannen gegeben. So war lange nicht klar, wie viel Geld ein "Bufdi" ausgezahlt bekommt, und ob er ein Anrecht auf Kindergeld hat. Mittlerweile sind diese Fragen geklärt. Jérôme Grevelding erhält genau wie andere Freiwillige ein Taschengeld, außerdem werden ihm die Fahrtkosten erstattet. Weil er im Krankenhaus verpflegt wird, erhält er fürs Essen zwar keine Zuschüsse, aber inklusive Kindergeld bekommt er immerhin 575 Euro ausgezahlt – stolze 100 Euro mehr als Melanie Gießler im Monat für ihr Engagement im Naturschutz zustehen.

Das liegt daran, dass die Bezahlung je nach Trägerorganisation variiert. Interessenten sollten sich deswegen vor ihrer Bewerbung nicht scheuen, nach ihrem Gehalt zu fragen. Den meisten Freiwilligen geht es aber nicht ums Geld. Sie leben weiter bei ihren Eltern, müssen sich also keine eigene Wohnung leisten und sehen ihr Gehalt deswegen wirklich als "Taschengeld" an. Für sie ist es wichtig, in diesem Jahr etwas zu lernen, Neues zu entdecken, sich zu orientieren. So geht es auch Anna Jacqueline Reinhold. Sie kann sich nach ihrem FSJ eine Ausbildung zur Sozialhelferin vorstellen. Jérôme Grevelding will später Medizintechnik studieren. Nur für Melanie Gießler soll der Umweltschutz künftig eher Hobby bleiben: Sie möchte Zeichentrick-Animation studieren.

Selbstbewusster und eigenständiger

"Viele Jugendliche nutzen das Freiwillige Jahr, um Zeit bis zum Studium oder der Ausbildung zu überbrücken", sagt Karin Rothe, die beim Landschaftsverband Rheinland die Stellen für das Ökologische Jahr betreut. Sie hat in den vergangenen Jahren immer wieder beobachtet, wie das Engagement die jungen Menschen verändert: "Sie werden selbstbewusster und eigenständiger", sagt Rothe. Denn es geht immer auch darum, eigene Projekte auf die Beine zu stellen. Die Vorgänger von Melanie Gießler haben im Naturschutzzentrum Bruchhausen unter anderem einen kleinen See angelegt und ein Bienenhaus gebaut. Melanie plant, mit ihren FÖJ-Kollegen einen großen Erdwall aufzuschichten, der als Brutstätte für Eisvögel dienen soll. "Diese Teamarbeit ist ebenfalls wichtig im Freiwilligen Jahr", sagt Karin Rothe. Interessierte sollten deswegen nicht nur Offenheit für neue Aufgaben mitbringen, sondern auch Spaß an der Arbeit mit Kollegen haben.

Teamwork ist bei allen Freiwilligendiensten nicht nur am Arbeitsplatz wichtig, sondern auch bei den mehrwöchigen Seminaren, die zu den Programmen gehören. Dort lernen die Teilnehmer mehr über die Arbeit im sozialen oder ökologischen Bereich, quasi die Theorie zur Praxis. Auch geben die Seminarleiter Tipps zur Berufswahl. "Viele Jugendliche bauen später auf ihren Erfahrungen aus dem Freiwilligendienst auf", sagt Karin Rothe. Und auch, wenn es dann in eine ganz andere Richtung geht: Ein Zeugnis über das freiwillige Engagement, auf das die Teilnehmer ein Anrecht haben, beeindruckt Arbeitgeber in allen Fachrichtungen. Melanie, Anna Jacqueline und Jérôme sind sich jedenfalls einig: "Dieses Jahr wird sich für uns auf jeden Fall lohnen."

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