Home
20. Mai 2009  

Berufe bei der Europäischen Raumfahrtagentur ESA

Nur nicht in den Wind schießen

Für vier Menschen geht bald ein Traum in Erfüllung: Sie werden  Astronauten des ESA-Korps und fliegen vielleicht eines Tages zum Mond. Die Raumfahrer sind jedoch nur die Spitze des Eisbergs bei der ESA. Das Gros der Mitarbeiter arbeitet tatkräftig daran, mit Innovationen aus der Raumfahrt unseren Alltag zu verändern. Robert Piterek

Wenn Frank Danesy, der Personalleiter der Europäischen Raumfahrtagentur ESA, auf die Zukunft des Berufsfelds Raumfahrt zu sprechen kommt, schwingt Begeisterung in seiner Stimme mit: Ob es um die Raumsonde Rosetta geht, die 2014 erste Daten über den Kometen 67/P Churyumov-Gerasimenkozur Erde funken soll, oder um die mit europäischer Beteiligung geplanten Raumflüge zum Mond in den 20er-Jahren dieses Jahrhunderts. Für Danesy sind diese Missionen Pioniertaten, vergleichbar vielleicht mit der Ozeanüberquerung Ende des 15. Jahrhunderts. Und sie sind erst der Anfang: "Wir befinden uns in einem frühen Stadium der Raumfahrt – es liegt mehr vor uns als hinter uns", sagt er.

 

An der Speerspitze der Entwicklung 

Danesy ist auch für die Auswahl der ESA-Astronauten zuständig und hat daher dieser Tage alle Hände voll zu tun. Rund 10.000 Bewerbungen liegen auf seinem Schreibtisch: Militärpiloten, Mediziner, Ingenieure. Kerngesund sollen sie sein und möglichst Sprachkenntnisse in Russisch haben – das sind nur einige der Anforderungen. Bis November dieses Jahres wird die ESA sich Zeit nehmen, die Besten unter ihnen zu ermitteln, und bis 2012, um sie fit für Flüge ins All zu machen. Erste Etappe: Die internationale Raumstation ISS. Für die allermeisten wird der Traum vom Flug in den Weltraum aber nur ein Traum bleiben.

Anzeige

 Das ESA Korps zählt zurzeit acht Astronauten, in der Spitze waren es einmal 14. Sowohl der Traum vom Mensch auf dem Mond als auch der von der Mondstation oder von bemannten Flügen zum Mars sind ohne hochqualifizierte Ingenieure und Wissenschaftler nicht zu verwirklichen. Das weiß Danesy, und es liegt an ihm, dafür zu sorgen, dass geeignetes Personal nachrückt. Mit ihren 1.900 Mitarbeitern an den Standorten in Deutschland, Spanien, Italien, den Niederlanden und der Raketenabschussbasis in Französisch-Guayana bietet die ESA reichlich Spielraum für junge Menschen, die, wie es Danesy nennt, "an der Speerspitze der Entwicklung" stehen wollen.

Abiturienten sollten aber rechtzeitig die Weichen für die Zukunft stellen und das passende Studienfach wählen. "Den größten Teil der Stellen besetzen wir mit Absolventen naturwissenschaftlicher, ingenieurwissenschaftlicher und mathematischer Studienfächer", so Danesy. Ein Bachelor genüge nicht, aussichtsreicher seien Bewerbungen von Absolventen mit Master-Abschluss oder Promotion, betont er. Am häufigsten stellt die ESA Luft- und Raumfahrttechniker, Elektrotechniker, Maschinenbauer und Mathematiker ein. Gute Chancen haben aber auch Physiker, Informatiker, Astronomen und Astrophysiker. Bei einem jährlichen Budget von drei Milliarden Euro dürfen auch Betriebswirtschaftler nicht fehlen, um die Finanzen im Auge zu behalten.

Wenngleich Danesy den internationalen Charakter der ESA hervorhebt, drängt er auf Bewerbungen von Deutschen und wirbt mit den guten Verdienstmöglichkeiten: "Wir brauchen mehr deutsche Mitarbeiter, ihr Anteil an unserer Belegschaft entspricht nicht der Bedeutung Deutschlands als größtem ESA Mitgliedsland."

 

Satellitenentwicklung und -überwachung

"Der typische Einstieg bei der ESA findet in den Bereichen Forschung und Entwicklung oder im Satellitenbetrieb statt", beschreibt Danesy. Zwei wichtige Schaltzentralen für den Satellitenbetrieb befinden sich in Deutschland: Die europäische Raumflugkontrollzentrale ESOC in Darmstadt und das Deutsche Fernerkundungsdatenzentrum DFD in Oberpfaffenhofen, das vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) betrieben wird. Wer jetzt an Kontrollzentralen wie im Film denkt, also an riesige Räume, in denen sich in mehreren Reihen Arbeitsplatz an Arbeitsplatz reiht und der Blick nach vorne auf einen mächtigen Bildschirm gerichtet ist, liegt gar nicht so falsch – und wer hier arbeitet, den beschäftigen die Geschehnisse im Weltall tatsächlich Tag für Tag. Die Techniker müssen dafür sorgen, dass die Satelliten unter ihrer Kontrolle die Umlaufbahn um die Erde halten. Darüber hinaus sind sie für den Betrieb und die Überwachung von wissenschaftlichen Instrumenten an Bord zuständig, die unablässig Informationen, etwa über das Wetter oder das Ozonloch, zur Erde funken.

Im Bereich Forschung und Entwicklung geht es dagegen um die schrittweise Entwicklung von Satelliten und Raumfahrzeugen. Aufgrund der Komplexität jedes einzelnen Bauteils wird die Arbeit von Projekt- und Fachingenieuren durchgeführt. Die Projektingenieure behalten den Überblick und fordern bei Bedarf zusätzliche Unterstützung bei den Fachingenieuren an, die dann Geräte und Satellitenbauteile passgenau planen und anfertigen: von der richtigen Materialzusammensetzung über den Antrieb bis zur Funkausstattung. "Bei dieser Projektunterstützung vertiefen diese Ingenieure ihre Fachkompetenz", erklärt Danesy.

Dabei darf kein Aspekt außer Acht gelassen werden, "denn bis zum Start muss im Satelliten alles stimmen". Hat er die Erde erst verlassen, ist eine Reparatur ausgeschlossen – und 120 Millionen Euro wurden im wahrsten Sinne des Wortes in den Wind geschossen.

 

Hoffnungsträger Galileo

Doch wie steht es um die Wirtschaftlichkeit? Ist die Raumfahrt ein Luftschloss oder bietet sie Berufschancen mit Zukunft? "In den 80er-Jahren hat die ESA den ersten Telekommunikationssatelliten ins All geschossen, heute ist der Satellitenbetrieb wirtschaftlich tragfähig", sagt Danesy und fügt hinzu: "Auch unsere anderen Aktivitäten werden sich nach und nach selbst finanzieren. Vielversprechend sind zum Beispiel der Weltraumtourismus und das Navigationssystem Galileo." Bis zum Jahr 2010 werden 27 Galileo-Satelliten und drei Ersatzsatelliten um die Erde kreisen und mit Empfangsstationen am Boden in Kontakt stehen.

Für Danesy ist das 3,3 Milliarden-Euro-Projekt, an dem sich ESA, EU und Privatwirtschaft beteiligen, ein Hoffnungsträger: "Die Navigation wird mit Galileo in Dimensionen vordringen, von denen wir nur träumen – hier wird Science Fiction zu Science Fact."

Schlagworte:
 
RaumfahrtAstronautLuftfahrtIngenieur

Unternehmen stellen sich vor

Mehr zum Thema