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21. Oktober 2011  

Fluglotse werden

Herrscher über den Luftraum

Eine Ausbildung zum Fluglotsen ist für alle, die beim Gehirnjogging regelmäßig den Highscore knacken, eine echte Alternative zum Studium. Julia Becker

Jede Woche starten und landen auf den großen deutschen Flughäfen rund 40.000 Flugzeuge. Jedes einzelne von ihnen braucht einen eigenen Ein- und Ausflugkorridor, eine freie Start- und Landebahn und individuelle Betreuung durch den Tower – sekundengenau. Die Koordinierung und Kontrolle dieser Abläufe ist die Aufgabe der Fluglotsen der Deutschen Flugsicherung (DFS). 

Sämtliche Gehirnzellen werden gefordert, wenn sie dutzende Flugzeuge gleichzeitig kontrollieren. Nur wenige Menschen sind für diesen Job geeignet, deshalb sind die Aufstiegsmöglichkeiten im Beruf gut, und das Gehalt ist verlockend hoch. Das macht die Ausbildung zum Fluglotsen für Abiturienten zu einer interessanten Alternative zum Studium. „Bewerben kann sich jeder, der gesunde Augen und Ohren hat, zum Zeitpunkt der Bewerbung nicht älter als 24 Jahre ist und die Allgemeine Hochschulreife besitzt“, sagt Bernd Schlebusch, Leiter der Basic-Ausbildung bei der DFS. 

Doch das Bewerbungsverfahren, das mehrmals pro Jahr stattfindet, hat es in sich. In einem mehrstufigen Assessment Center werden die Fluglotsen-Anwärter auf Herz und Nieren geprüft. Als erstes muss ein Fragebogen zur Biografie ausgefüllt werden. Im zweiten Schritt werden die Bewerber zu einem zweitägigen Auswahlverfahren nach Hamburg eingeladen. Hier zahlt sich regelmäßiges Gehirntraining auch schon vor dem Rentenalter aus, denn es werden Merkfähigkeit, Konzentration, Zahlenverständnis, räumliches Vorstellungsvermögen und Stressresistenz geprüft. Nur wer hier glänzt, darf noch einmal wiederkommen und in der letzten Runde seine Teamfähigkeit, die Beherrschung der englischen Sprache und seine physische und psychische Eignung unter Beweis stellen.

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Einer, der sich durch den Testmarathon gekämpft hat, ist Alexander Lehnart. Eine besonders schwere Prüfungsaufgabe ist dem 23-Jährigen auch noch drei Jahre nach dem Assessment Center im Gedächtnis: „Eine Stunde lang musste ich einen Bildschirm mit vier Lampen anschauen, von denen jede Sekunde zwei aufblinkten – in immer neuen Kombinationen. Sobald eine Kombination zweimal hintereinander aufblinkte, musste ich einen Knopf drücken. Gleichzeitig hatte ich Kopfhörer mit Signalen auf dem Ohr; auch hier musste ich bei Wiederholung einen Knopf drücken. Das war hart“, erzählt Lehnart.

 

Der junge Mann ist einer von wenigen, die das Auswahlverfahren erfolgreich beendet haben – nur fünf bis sechs Prozent von jährlich 5.000 Bewerbern schaffen das. „Trotz Nachwuchsmangels müssen wir so harte Maßstäbe anlegen, da ein Versagen später im Berufsleben verheerende Auswirkungen hätte“, erklärt Ausbilder Schlebusch. Jedem Kandidaten, der die Prüfungen besteht, bietet die DFS einen Ausbildungsvertrag an. So auch Alexander Lehnart, der im Dezember 2008 seine Ausbildung begonnen hat.

 

Ein Jahr Praxistraining im Tower oder Radarcenter

 

Drei Jahre dauert die Ausbildung. „Zunächst werden die Fluglotsenschüler für 16 bis 18 Monate an unserer Flugsicherungsakademie in Langen in Theorie, Englisch und im Simulator ausgebildet“, sagt Schlebusch. Die Praxis darf dann im zweiten Ausbildungsabschnitt erprobt werden: Die Anwärter werden für circa ein Jahr in einen deutschen Tower oder ein Radarcenter geschickt, wo sie unter ständiger Aufsicht als Fluglotsen arbeiten. „Die erste Arbeitslizenz, die auf einen bestimmten Luftraum beschränkt ist, erhalten die Auszubildenden dann mit dem Bestehen der Abschlussprüfung. Für jeden neuen Arbeitsplatz muss auch eine neue Prüfung abgelegt werden“, so Schlebusch.

 

Neben der Ausbildungsvergütung in Höhe von 830 Euro brutto im Monat erhalten die angehenden Lotsen in der ersten Ausbildungsphase auch ein Dach überm Kopf im Gästehaus der DFS in Langen. „Das Zusammenleben in der gemeinsamen Wohnanlage hat mich und meine Kollegen richtig zusammengeschweißt. Das war eine lustige Zeit, die ich nicht missen möchte“, erinnert sich Fluglotsenschüler Alexander Lehnart.

 

Hohes Gehalt für Tag- und Nachtschichten

 

In wenigen Monaten wird er seine Ausbildung beendet haben und seine erste Fluglotsenlizenz in den Händen halten. „Die gilt für den Luftraum über Münster und Osnabrück, diesen werde ich dann auch längerfristig von Langen aus betreuen“, sagt der 23-Jährige. Ein fester Wohnort ist eine der wenigen Konstanten im Berufsleben eines Fluglotsen. „Man arbeitet im ständigen Wechsel von Tages- und Nachtschichten. Wochenenden gibt es nicht, und auch an Feiertagen muss der Job gemacht werden“, erklärt Bernd Schlebusch, der selbst jahrelang als Fluglotse tätig war. Das Grillen mit der Familie, das Feierabendbier bei Freunden oder ein ausgedehntes Sonntagsfrühstück wird da schon mal zu einer organisatorischen Meisterleistung.

 

Ausgeglichen werden diese Strapazen durch ein stattliches Gehalt. So verdienen ein Berufseinsteiger bereits 60.000 Euro und ein Fluglotse mit langjähriger Berufserfahrung bis zu 100.000 Euro im Jahr. Außerdem gehen die Hüter des Luftraums schon mit 55 Jahren in den Ruhestand. „Untersuchungen haben gezeigt, dass die Fähigkeiten, die ein Fluglotse braucht, im Alter abnehmen“, erklärt Bernd Schlebusch. Für Alexander Lehnart geht‘s jetzt aber erst einmal richtig los: „Ich freue mich auf meine Zeit als Fluglotse. Der Beruf ist anspruchsvoll, fordert mich jeden Tag aufs Neue, und das macht mir großen Spaß.“

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FluglotseAusbildung mit AbiturDFS

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