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20. Mai 2010  

Sportstudenten im Dienste des DFB

Die Mannschaft hinter Löws WM-Elf

Durch den Elfmeter-Zettel für Jens Lehman sind die DFB-Scouts von der Kölner Sporthochschule 2006 bekannt geworden. Nun geben die Studenten alles dafür, dass es in Südafrika mit dem WM-Titel für Deutschland klappt. Stefan Moskopp
Stephan Nopp

Stephan Nopp © Annika Schietzel

Wenn es für Ballack & Co. am 13. Juni mit dem Spiel gegen Australien ernst wird, haben Stephan Nopp und sein Team von der Kölner Sporthochschule (Spoho) ihren Beitrag zur WM in Südafrika bereits geleistet. Dann werden sie Hunderte von Spielen und noch mehr Spieler analysiert haben.

So wie vor der WM 2006. Damals wurde das Team um Urs Siegenthaler, den Chef-Spielbeobachter des Deutschen Fußballbundes, bekannt, als Jens Lehmann den berühmten Zettel aus dem Stutzen zog. Darauf stand, wie die fünf argentinischen Schützen beim Elfmeterschießen voraussichtlich ihre Schüsse platzieren würden. Während das Scouting-Team damals gerade mal aus 16 Studenten bestand, setzen sich heute 55 dafür ein, dass Jogi Löw und sein Trainerstab alles über die anderen 31 Teams bei der WM wissen. Wie ist die taktische Ausrichtung der Mannschaft, wie weit zieht sie sich bei Ballbesitz des Gegners zurück, über welche Seite laufen die meisten Angriffe, welche Schwächen und Stärken hat jeder einzelne Spieler – kurzum: Wie ist die Mannschaft zu knacken?

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Drei bis vier Studenten befassen sich mit bis zu zehn Spielen einer Mannschaft. Jede Anmerkung wird mit der entsprechenden Spielsituation in einer Datenbank gespeichert. Ein einziges Spiel in alle Einzelszenen zu zerlegen und zu analysieren, dauert rund acht Stunden. Doch vor der Arbeit an den Laptops, musste zunächst ein objektiver Bewertungsmaßstab und eine gemeinsame Sprachregelung her. Wie lang ist denn ein langer Pass überhaupt, wie viele Zweikämpfe muss ein Spieler gewonnen haben, um als zweikampfstark zu gelten? Es habe mal einen Spieler in der Bundesliga mit einer Passquote von hundert Prozent gegeben, dessen Pässe also immer beim Mitspieler angekommen seien, sagt Nopp. "Hört sich erst mal super an, relativiert sich aber ganz schnell, wenn man erfährt, dass es sich bei dem Spieler um einen Innenverteidiger handelte, der immer nur 2-Meter-Pässe nach links oder rechts gespielt hat." Um den gemeinsamen Standard festzulegen, lud der DFB die Spoho-Scouts Anfang des Jahres zu einer Tagung ein. In der Sportschule Hennef vermittelten Jogi Löws Assistent Hansi Flick und Urs Siegenthaler ihnen die Spielphilosophie des DFB. Auch mit praktischen Übungen am Ball. Selbst gut Fußball spielen zu können, ist also von Vorteil, wenn man zum Team von Stephan Nopp gehören will, reicht aber allein nicht aus. "Die Scouts müssen auch Ahnung von Taktik haben und ein Spiel lesen können, wie es so schön heißt", sagt Nopp, der von Anfang an dabei war, damals noch als Student, inzwischen als Verbindungsmann zwischen DFB und den Spoho-Spähern. Bewerben konnte man sich übrigens nicht für die Jobs, die heiß begehrt sind, obwohl es kein Geld dafür gibt: "Wir sind in die Fußballkurse unserer Hochschule gegangen und haben uns die Leute selbst ausgesucht", so Nopp.

 

Fußball und Kultur

Martin Jedrusiak-Jung gehört zu diesen "Auserwählten". Und dass Martin gut kicken kann, weiß man spätestens, wenn er sich den Ball mit der Hacke über den Kopf hebt und ihn dann direkt aus der Luft in den Torwinkel drischt. Der Fan des VfB Stuttgart gehört schon länger zum Team von Nopp. Und da die Scouts sich nicht nur mit der Spielweise des Gegners, sondern auch mit der Kultur des Landes beschäftigen sollen, lag es bei dem gebürtigen Polen im Vorfeld der EM 2008 auf der Hand, die Spiele des deutschen Gruppengegners Polen zu analysieren. Und wie bei Lukas Podolski, der damals seine beiden Tore zum 2:0-Endstand nicht bejubelte, schlugen auch bei Martin zwei Herzen in einer Brust. "Natürlich habe ich mich über den Sieg gefreut, aber bei einem anderen Gegner wäre ich euphorischer gewesen." Für die Scouts ist es etwas ganz Besonderes, wenn sie ein Spiel der Nationalelf sehen, nachdem sie zuvor Videoaufnahmen des Gegners analysiert haben. "Das ist schon ein tolles Gefühl, wenn der Gegner an dem Tag genauso spielt, wie man es zuvor analysiert hat", sagt Martin. "Allerdings ist es umgekehrt auch frustrierend, wenn beispielsweise ein gegnerischer Stürmer nicht wie sonst links, sondern plötzlich rechts am Verteidiger vorbeigeht und ein Tor erzielt."

Wenn Martin seine Diplomarbeit hinter sich hat, möchte er auf jeden Fall auch hauptberuflich etwas mit Fußball machen. "Am liebsten als Trainer in der Bundesliga." Die A-Lizenz hat der U17-Trainer des Bonner SC schon. Jetzt fehlt ihm nur noch die Lizenz zum "Fußball-Lehrer", die dazu berechtigt, einen Bundesligisten zu trainieren. Und auch die Nationalmannschaft!

Eins wird an diesem Nachmittag an der Sporthochschule jedenfalls schnell klar: Man muss schon ein bisschen fußballverrückt sein, will man zum Scouting-Team gehören. Wenn Stephan Nopp nicht gerade für den DFB "spioniert", sitzt er an seiner Doktorarbeit. Thema: Der Einfluss des Zufalls im Fußballsport. Auf die Frage, wie viele Minuten er am Tag nicht an Fußball denkt, kommt der 29-Jährige ins Grübeln: "Viele sind es nicht, aber zum Glück ist meine Freundin genauso fußballbegeistert wie ich – fast jedenfalls."

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