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30. Mai 2011  

Nachwuchs-Fechterin Stephanie Suhrbier

"Das Abi opfern? Nicht im Traum!"

Wer im Profi-Fußball erfolgreich ist, hat hinterher meistens ausgesorgt. In anderen Disziplinen bleibt dagegen höchstens der Ruhm. Deshalb braucht man einen Plan B für das Leben nach dem Sport. Daniel Schwitzer
Fechten

Nachwuchs-Fechterin Stephanie in Aktion: sie trainiert täglich dreieinhalb Stunden in der Fechthalle. © EINSTIEG: Schwitzer

Julian Draxler ist 17 und der neue Shootingstar des FC Schalke 04. Im Pokal-Viertelfinale gegen Nürnberg vor ein paar Wochen schnappte sich Draxler kurz nach seiner Einwechslung in der Verlängerung den Ball und drosch ihn so unbekümmert, wie man nur sein kann, ins gegnerische Tor. Schalke war eine Runde weiter. Seit diesem Abend kennt ganz Fußball- Deutschland sein Gesicht. In den Tagen nach dem Spiel machte folgende Nachricht die Runde: Felix Magath, damals Trainer der Königsblauen, soll zu Draxlers Eltern gefahren sein und sie um ihre Zustimmung gebeten haben, Julian von der Schule zu nehmen. Ihr Sohn habe eine große Bundesliga- Karriere vor sich, das Abitur brauche er da nicht mehr.

Stephanie Suhrbier ist 18 und der Shootingstar des OFC Bonn. Auch ihr wird allenthalben eine Riesen-Karriere vorhergesagt. Den nationalen Titel in ihrer Altersklasse hat sie sich schon geholt, und gerade erst war sie bei der Junioren-Weltmeisterschaft in Jordanien am Start. Dass sie hierzulande trotzdem noch vergleichsweise unbekannt ist, liegt einzig an ihrer Sportart: Stephanie Suhrbier ist Fechterin. Und Fechtkämpfe werden im deutschen Fernsehen höchstens mal während der Olympischen Spiele gezeigt. „Geld verdienen kann man damit als Sportlerin leider nicht“, sagt Stephanie. Fürs Fechten das Abitur zu opfern, auf die Idee käme sie nicht mal im Traum. Zwei Nachwuchs-Leistungssportler – zwei verschiedene Welten. Die von Stephanie Suhrbier entspricht vielleicht eher der Regel.

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„Man muss sich auch mal quälen können“

Heute steht für die schlaksige junge Frau Einzeltraining auf dem Programm. Durch das engmaschige Drahtgitter der Maske ist ihr Gesicht kaum zu erkennen. 1.600 Newton – so viel gegnerische Kraft muss der Schutz mindestens aushalten. Jacke, Weste und Hose immerhin noch 800 Newton. Ohne Spezialkleidung wäre Stephanies Sport eine ganz schön gefährliche Angelegenheit. Sie schnappt sich ihren Degen, konzentriert sich und geht in Gefechtsstellung. Gemeinsam mit Trainer Martin Heidenreich übt die Athletin verschiedene Angriffs-Vorbereitungen. Dabei kommt es sowohl auf Technik als auch auf Schnelligkeit an. 

Immer wieder pariert sie zunächst die Klinge des Trainers, geht dann blitzschnell zum Gegenangriff über und punktet schließlich mit einem gezielten Stoß in die Flanke. Am Ende sehen beide ziemlich geschafft aus. „Das war besser, hast du gemerkt?“, lobt Heidenreich, während sein Schützling sich erst mal hinsetzt und langsam wieder zu Atem kommt. Viel Zeit zur Erholung bleibt ihr nach der Einzellektion allerdings nicht, in zehn Minuten beginnt schon das Gruppentraining. Gewöhnungssache, sagt sie.

Durchschnittlich dreieinhalb Stunden verbringt Stephanie Suhrbier jeden Tag auf der Planche, so nennt man die schmale Fechtbahn. Hinzu kommen am Wochenende häufig Turniere, für die sie durch ganz Deutschland tingelt. Und dann noch die Schule; in ein paar Wochen steht die erste Abiturklausur an. „Wer im Leistungssport Karriere machen will, muss sich auch mal quälen können“, sagt Trainer Heidenreich. „Und das kann die Stephie.“

Mit 14 raus von zu Hause

Mit dem Fechten angefangen hat alles vor acht Jahren: Stephanie sieht den Hollywood-Film „Ein Zwilling kommt selten allein“, in dem Lindsay Lohan eine kurze Fecht-Szene spielt. „Ich war zehn und wusste sofort. Das willst du auch machen.“ Zum Glück gibt es in ihrer Heimatstadt Norderstedt bei Hamburg einen Verein, bei dem ihre Eltern sie anmelden. Schnell stellt sich heraus, dass das Mädchen talentiert ist. Nach zwei Jahren wechselt sie ins 40 Kilometer entfernte Segeberg. „Zu der Zeit hat das Fechten zum ersten Mal so richtig meinen Tagesablauf dominiert: Jeden Tag direkt nach der Schule los, eine Stunde Hinfahrt, Mittagessen im Bus, dann Training und abends wieder eine Stunde zurück.“ 

Der große Schritt in Richtung Leistungssport kommt schließlich mit 14, als sie ihr Zuhause ganz verlässt und nach Tauberbischofsheim zieht, damals das Bayern München des Fechtsports. Die Eltern sind skeptisch, wollen ihre Tochter erst mal nur für ein Jahr gehen lassen. Am Ende dieses Jahres wird Stephanie deutsche A-Jugend-Meisterin. Es folgt der bislang letzte Wechsel an den Olympiastützpunkt Bonn.

Dort wohnt Stephanie seit drei Jahren im Fechtinternat, einer betreuten Wohngruppe für begabte Nachwuchssportler, die ihr nicht nur optimale Trainingsbedingungen, sondern auch darüber hinaus alles bietet, was sie braucht: Drei Mahlzeiten täglich, Wäscherei-Service, Hausaufgabenhilfe, medizinische Betreuung – die Fechter sollen sich ganz auf ihre sportliche Entwicklung konzentrieren können. Peter Joppich, viermaliger Florett- Weltmeister, ist aus dem Internat hervorgegangen. Dutzende Medaillen bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften gehen auf das Konto von Ehemaligen. Und doch zählt für Internatsleiter Holger Sievert nicht nur, was auf der Bahn passiert. „Der Anspruch ist schon, dass unsere Athleten auch in der Schule Leistung bringen.“ Vormittags Schule, nachmittags Training, am Wochenende Turniere. 

Wie alle Internatsbewohner besucht Stephanie vormittags das städtische Tannenbusch-Gymnasium. Die Schule hat einen speziellen Leistungssport- Zweig: Schwimmer, Fußballer, Taekwondoins, Fünfkämpfer, Volleyballer und Fechter lernen hier in gemischten Klassen zusammen mit „normalen“ Schülern. Die Lehrer nehmen Rücksicht auf den straffen Trainings- und Turnierplan der Sportler. „Nur von meinen Stufenkameraden kommt ab und zu ein Spruch, wenn ich freitags mal wieder früher aus dem Unterricht muss, weil am Wochenende ein Turnier irgendwo in Europa ansteht.“ Stephanie ist trotz einiger verpasster Stunden eine gute Schülerin. Nach dem Abi will sie neben dem Fechten an der Uni Bonn Pharmazie studieren. 

Wie stehen die Chancen, dass es mit der ganz großen Sport-Karriere klappt? Das werde sich in den nächsten zwei Jahren entscheiden, wenn sie vom Nachwuchs- in den Damen-Bereich wechsele, sagt sie. Trainer Martin Heidenreich zumindest klingt optimistisch. „Ich traue der Stephie noch ganz viel zu.“ Derweil war zu lesen, dass Fußball-Talent Julian Draxler ab Herbst wieder zur Schule gehen und sein Abitur absolvieren wird. Seiner Profi-Laufbahn wird das sicher keinen Abbruch tun. Felix Magath ist inzwischen als Trainer auf Schalke entlassen worden – trotz Fachabitur.

 

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Einstieg coacht Nachwuchs-Sportler

Welche Alternativen habe ich, wenn’s mit dem Spitzensport nicht klappt? Was mache ich nach meiner Profikarriere? Die Einstieg Studien- und Berufsberatung und der Olympiastützpunkt Rheinland unterstützen Nachwuchs-Athleten bei der Entwicklung einer beruflichen Perspektive fernab der Fechtbahn oder des Fußballplatzes.

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