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18. August 2010  

Polizei

Auch Nicht-Schießen will gelernt sein

Wer Polizist werden will, muss fit, gesund und helle sein und bereit dazu, Verantwortung zu übernehmen. Dann wartet ein krisensicherer, gut bezahlter Beruf, in dem man eine Menge mit Menschen zu tun hat – wenn auch häufiger bei Verkehrskontrollen als bei Verfolgungsjagden. Jens Tönnesmann

Der Wind bläst, es regnet in Strömen – aber Boris Jakob muss auf dem Posten sein. Der Polizist steht neben seinem Streifenwagen am Straßenrand, mit einer Winkerkelle in der Hand und einer leuchtenden Schutzweste über der grünen Polizeijacke. Als ein Auto im Regen näher kommt, hebt er energisch die Kelle. Der Fahrer wirkt irritiert, zögert, hält zu früh, dann erst versteht er die Handzeichen und fährt in die Parkbucht. Er steigt aus und wird blitzschnell von Polizisten eingekreist. Aber sie nehmen ihn nicht fest, sondern fangen an mit ihm zu diskutieren – darüber, was Boris Jakob hätte besser machen können: "Ich wusste nicht genau, was ich tun soll. Ich hätte mir etwas mehr Erkennbarkeit gewünscht", sagt der Fahrer. "Und Sie müssen so stehen, dass Sie jederzeit zur Seite springen können, falls das Auto nicht anhält."

Die Szene ist eine Übung, der Fahrer ein Polizeilehrer und Boris Jakob und die anderen Polizisten sind Kommissaranwärter, also angehende Polizisten – wie 500 andere in Nordrhein-Westfalen, die im vergangenen Jahr unter 8 000 Bewerbern ausgewählt wurden. Schon diese Zahlen zeigen, wie begehrt der Job ist. Und das hat gute Gründe:

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 Als Polizeibeamter ist man unkündbar, verdient gut und hat einen abwechslungsreichen Job, der einem trotz aller Routine immer neue Erfahrungen und Kontakte zu anderen Menschen beschert. Das klingt verlockend – es bedeutet aber auch, dass man als Polizist nicht menschenscheu sein sollte, bereit dazu, im Team zu arbeiten und Verantwortung für andere zu übernehmen. Das sollte einem schon vor der Bewerbung klar sein. Um herauszufinden, ob der Job wirklich zu einem passt, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Am einfachsten ist es, im Internet einen Selbsttest zu machen, wie er auf den Seiten der Polizei NRW angeboten wird.

Darüber hinaus können die Polizeibehörden Berater empfehlen, die vor der Bewerbung wichtige Tipps geben. Und schließlich kann man die Polizeiarbeit durch ein Praktikum kennen lernen – wie Agata Bordewicz, die für ein paar Wochen bei der Polizei in Essen hospitierte. "Ich wusste nach dem Abi erst nicht, was ich machen soll. Im Praktikum war ich bei der Hundestaffel, im Verkehrskommissariat und bei der Bereitschaftspolizei. Danach war mir klar: Ich will zur Polizei."

 

Am Anfang steht die Verkehrskontrolle 

Wie Boris ist auch Agata im Kurs "C3". Für sie ist es der dritte Tag im Institut für Aus- und Fortbildung in Selm, einem großen Komplex mit Turnhalle, Schwimmbad und Wohnheimen, in denen es von Polizisten nur so wimmelt. Agatas und Boris’ Uniformen sind noch niegelnagelneu und die grünen Schulterklappen noch leer. Den ersten Stern auf der Schulter bekommen sie erst nach dem Abschluss der dreijährigen Ausbildung – und wenn sie richtig gut sind, können sie irgendwann mal fünf Sterne auf der Schulter tragen. Sie können als Kriminalkommissare Morde aufklären, als Wasserschutzpolizisten Umweltsünder jagen, in Spezialeinheiten Geiseln befreien, Drogendealer festnehmen oder in Krisengebieten selbst Polizisten ausbilden.

Das hört sich spannend an. Wilde Verfolgungsjagden, Schießereien und Einsätze, wie man sie aus „Tatort“ kennt, haben mit dem Alltag der meisten Polizisten allerdings wenig zu tun. Das merkt man schon in der Ausbildung: Ganz am Anfang steht die Verkehrskontrolle. Die ist deswegen so wichtig, weil sie jeden Tag hundertfach auf Deutschlands Straßen stattfindet – und damit viel öfter als Geiselnahmen oder Morde. "Und sie ist so wichtig, weil die angehenden Polizeibeamten zum ersten Mal in Kontakt mit dem Streifenwagen, mit dem Funk und mit der Öffentlichkeit kommen", erklärt Volker Meister, der den Kurs C3 unterrichtet. 

 

Seminarinhalt: Spuren sichern 

Zu den ersten praktischen Einheiten, die meistens Rollenspiele beinhalten, gehört auch ein Polizeitechnikseminar, in dem man lernt, Spuren zu sichern – zum Beispiel die Bremsspur eines Unfallautos. Auch Unfälle ereignen sich jeden Tag tausendfach in Deutschland, allein in NRW nehmen Polizisten alle 60 Sekunden einen Unfall auf. Und natürlich lernen die angehenden Polizisten von Anfang an, wie man mit der Dienstwaffe umgeht. Der Kurs heißt übrigens "Schießen und Nicht-Schießen" – denn auch das Nicht-Schießen will gelernt sein. 

Während der dreijährigen Ausbildung zum Polizisten wechseln sich die praktischen Phasen mit Studien-Abschnitten ab, die für Boris Jakob und den Kurs "C3" an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Gelsenkirchen stattfinden. Hier lernen die Kommissaranwärter, welche rechtlichen Bestimmungen für sie wichtig sind – zum Beispiel der Paragraf 36 Absatz 5 der Straßenverkehrsordnung. Er erlaubt den Polizisten, jederzeit und ohne besonderen Grund Autos anzuhalten und die Fahrer zu kontrollieren. Das müssen sie wissen, bevor sie das Warndreieck aufstellen und den „Anhaltestab“ schwenken. 

 

Im gehobenen Dienst ist das Studium inklusive 

Nach der dreijährigen Ausbildung gibt es eine Stelle im Wach-, Einsatz- und Streifendienst. Hier arbeiten die Polizisten erst einmal ein paar Jahre in Früh-, Spät-, und Nachtschichten – manchmal sogar ein ganzes Berufsleben lang. Erst danach können sie sich auf andere Stellen, etwa bei Spezialeinheiten, bewerben. "Bevor man sich bei der Polizei bewirbt, sollte man sich das klarmachen", sagt Boris Jakob, der erst ein Jurastudium begonnen hatte, bevor er sich entschied, Polizist zu werden. "Am Anfang macht man viele Unfallaufnahmen oder eben Verkehrskontrollen. Polizeiarbeit bedeutet eben nicht, dass man ständig Leute festnimmt oder wie Columbo ermittelt." Trotzdem ist für die Polizisten kein Tag wie der andere.

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 Bei aller Routine kann immer etwas Überraschendes passieren. Darauf muss man als Polizist gefasst sein – auch wenn man nur bei einem Fußballspiel die Fans im Auge behält oder eine Demo sichert. Und ganz egal, ob ein entlaufener Hund den Straßenverkehr gefährdet oder eine Leiche im Park gefunden wird: Als Polizist muss man sich darum kümmern und zwar so schnell wie möglich, nachdem der Notruf eingegangen ist. 

 

Andere Länder, andere Fristen 

Wer Polizist werden will – oder, wie es genauer heißt: im Polizeivollzugsdienst arbeiten möchte – kann sich bei jedem Bundesland bewerben. "Wenn man sichergehen will, sollte man sich auf jeden Fall in mehreren Ländern bewerben", empfiehlt Boris Jakob, "dann steigen die Chancen, genommen zu werden." Wie viele Anwärter in jedem Jahr eingestellt werden, ist allerdings von Land zu Land verschieden, genau wie die Bewerbungsfristen. Wer etwa im März beim Land Bayern im "mittleren Dienst" anfangen möchte, für den ein Realschulabschluss genügt, muss Kontakt zu einem Einstellungsberater aufnehmen und sich dann bis Ende April des Vorjahres bewerben. Das Land NRW stellt jährlich ungefähr 500 Polizisten ein – allerdings nur im "gehobenen Dienst", für den man das Abitur oder die Fachhochschulreife braucht. Auch in Niedersachsen wird nur noch für den gehobenen Dienst eingestellt, das Studium endet hier mit einem Bachelor-Abschluss. Aber: In Niedersachsen haben auch Bewerber mit Realschulabschluss eine Chance. Sie können sich über den Besuch einer Fachoberschule für den Polizeidienst qualifizieren.

Und so unterschiedlich wie die Anzahl der Stellen und die Fristen sind, so verschieden sind auch die Modalitäten und Einstellungsvoraussetzungen: Männer, die sich in Berlin bewerben, müssen mindestens 1,65 Meter und Frauen 1,60 Meter groß sein, während in Nordrhein-Westfalen jeweils drei Zentimeter mehr nötig sind. In Baden-Württemberg reichen schon 160 Zentimeter – sowohl für Männer als auch für Frauen. Die Einstellungsbehörden achten auch darauf, wie viel man auf die Waage bringt, wie gut man sieht und hört und ob man gesundheitliche Einschränkungen vorweist. 

 

Vorraussetzung: Keine Tattoos, keine Drogen 

Wer besonders auffällige Tätowierungen hat, Drogen konsumiert oder Vorstrafen hat, hat keine Chance. Fast alle Länder unterziehen die Bewerber außerdem einem Sporttest: In Hamburg sind Klimmzüge und Weitsprünge aus dem Stand fällig, in Rheinland-Pfalz erwartet die Bewerber ein Hindernisparcours mit Sprüngen, Kriechen und Purzelbäumen, in Hessen muss man Hanteln stemmen. Beliebt ist auch der so genannte "Cooper-Test", bei dem man zwölf Minuten Zeit hat, um so weit wie möglich zu laufen. Eine Ausnahme macht NRW: Dort muss man seit diesem Jahr keinen Sporttest mehr absolvieren, sondern bei der Bewerbung das Deutsche Sportabzeichen und das Deutsche Rettungsschwimmabzeichen in Bronze vorlegen. Das alles klingt verwirrend – deswegen sollte man sich rechtzeitig vor der Bewerbung im Internet oder bei den Polizeibehörden darüber informieren, was in welchem Bundesland verlangt wird.  

 

Praktikum bei der Polizei 

Zu den Einstellungstests gehören auch Probediktate, Rollenspiele, Gruppendiskussionen und Gespräche. Außerdem werden in Computertests die Reaktionsschnelligkeit und Konzentrationsfähigkeit überprüft. Eine wichtige Eigenschaft lässt sich im Test aber kaum erkennen – dafür ist sie im Job unverzichtbar: die Sozialkompetenz. Nach Ansicht von Ulrich Engels, dem Kursleiter am Institut für Aus- und Fortbildung in Selm, ist sie im Polizeialltag besonders wichtig. Engels trägt vier Sterne auf der Schulter – das erreichen nur die wenigsten Polizisten. Sein Wort hat deswegen Gewicht. "Der Mensch steht an erster Stelle – ob Opfer oder Täter. Das sollte man sich klar machen", sagt Engels. "Auch wenn ich einen Schwerverbrecher festnehme, hat der noch eine Menschenwürde." Die brenzligste Situation, die Engels bisher erlebt hat, war übrigens eine Verkehrskontrolle: "Das Auto ist erst langsamer geworden, hat dann plötzlich wieder beschleunigt und ist auf mich zugerast“, erinnert er sich, „aber ich konnte gerade noch zur Seite springen." Zum Glück – aber das lernt man ja auch gleich zu Beginn in der Ausbildung.

Wer ganz sicher gehen will mit seiner Bewerbung, der sollte sich das Buch "Erfolgreich bewerben bei Polizei, Bundeswehr und Zoll" von Claus Peter Müller-Thurau, erschienen im Haufe-Verlag zu Gemüte führen. Wer alle Ratschläge beherzigt, schafft die Bewerbung anschließend mit Leichtigkeit.

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