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29. Dezember 2009  

Beruf Nothelfer

Anpacken in der Krise

Wo Menschen unter Kriegen oder Naturkatastrophen leiden, kommen sie zum Einsatz: Humanitäre Helfer versorgen die Bevölkerung mit Lebensmitteln, behandeln Verletzungen und Krankheiten und bauen Häuser wieder auf. Daniel Schwitzer
Nothelfer

Nothelfer unterstützen Menschen in schweren Krisen. © Jean-Pierre Amigo

Wäre die Stirn des bärtigen alten Mannes nicht unter der Kefiya verborgen, dem schwarzweiß gemusterten Palästinensertuch, das er auf dem Kopf trägt, man könnte seine Sorgenfalten zählen. Seit Wochen überlegt er nun schon hin und her und kommt dabei doch immer wieder zu dem einen Schluss. "Es geht nicht anders", seufzt er schließlich und wendet sich energisch seiner Frau zu, die neben ihm sitzt. Die Schulden wüchsen ihm über den Kopf, und er könne die große Familie einfach nicht mehr ernähren. Deshalb müsse die gemeinsame Tochter Seham nun endlich aus dem Haus, sie sei immerhin schon 15 und damit erwachsen. Erst kürzlich habe er mit einem wohlhabenden Mann aus der Gegend gesprochen, der sich sehr für sie interessiere. Den solle sie jetzt heiraten.

 

Seham, die den Monolog von draußen mit angehört hat, stürzt ins Zimmer und sieht flehend Mutter Meriam an. Doch die weiß schon, was zu tun ist. "Willst du denn die Zukunft deiner Tochter zerstören?", fragt sie den Alten selbstbewusst und lässt sofort greifbare Argumente folgen. Ob er denn wisse, dass diese dann die Schule abbrechen müsste und später nie in einem Beruf werde arbeiten können. Dass Mädchen, die früh heirateten, häufig ihr komplettes soziales Umfeld verlören. Und dass man mit 15 weder seelisch noch körperlich dazu bereit sei, eine Familie zu gründen.

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Nicht nur Nothilfe, auch Vorsorge

Ein Wort gibt das andere. Dann schweigt der verdutzte Vater lange. "Das habe ich alles nicht bedacht", bekennt er schließlich kleinlaut und verspricht seiner Tochter reuig, sich nicht mehr einzumischen. Seham ist überglücklich und fällt ihrer Mutter in die Arme. Die anderen Frauen klatschen begeistert.

 

Applaus? Andere Frauen? Wir befinden uns im Gemeindezentrum des Roten Halbmondes in Bethlehem, mitten im Westjordanland. Und der Wortwechsel zwischen Vater und Mutter, der gerade so glücklich geendet ist, war in Wirklichkeit nichts weiter als ein Rollenspiel. Training, durch das palästinensische Frauen aus der Region lernen sollen, besser mit bestimmten sozialen Herausforderungen umzugehen: Es dreht sich um Alltägliches wie  Erziehungsfragen und Gesundheitsfürsorge, aber auch um Szenarien wie Kinderheirat oder häusliche Gewalt.

 

Christian Huber steht am Rand und beobachtet die Szenerie interessiert. "Rollenspiele sind eine tolle Methode, denn sie sind viel eingänglicher als zum Beispiel bloße Info-Broschüren", erklärt er. "Einige Frauen hier können auch gar nicht lesen." Christian arbeitet seit drei Monaten als humanitärer Helfer für das Deutsche Rote Kreuz in den palästinensischen Gebieten. Eines seiner Projekte ist dabei das Gemeindezentrum in Bethlehem, an dessen Planung, Finanzierung und Realisierung das DRK beteiligt war. Heute will er sich persönlich vom Erfolg des Trainings überzeugen. Und auch sonst hat der 29-Jährige im krisengeplagten Israel alle Hände voll zu tun. In ein paar Tagen etwa wird er nach Gaza reisen, um dort die Lieferung von Hilfsgütern wie Matratzen, Decken, Baby-Kits und Ambulanz-Fahrzeugen zu überwachen. Seit Israels Krieg gegen die Hamas, die in dem schmalen Küstenstreifen herrscht, fehlt es dort noch immer am Nötigsten. Da kommt die Unterstützung aus Deutschland gerade recht.

 

25 Studenten, 18 Nationalitäten

Doch Christians Arbeit beschränkt sich nicht allein auf akute Nothilfe, ein weiteres aktuelles Projekt läuft unter dem englischen Begriff "Disaster Preparedness": Da die Region als erdbebengefährdet gilt, entwickelt das DRK derzeit gemeinsam mit den Kollegen vom Palästinensischen Roten Halbmond und der lokalen Bevölkerung ein ausgeklügeltes Vorsorgekonzept. Das Ziel: Wenn tatsächlich mal eine Katastrophe passiert, sollen die Menschen besser in der Lage sein, sich selbst zu helfen.

 

Enge Zusammenarbeit mit den lokalen Kräften ist dabei übrigens ganz typisch für die Arbeit der Deutschen. "Es gibt vor Ort immer Menschen, die die Situation viel besser kennen als wir. Die haben schon eigene Strukturen, beschäftigen Freiwillige, wissen um die kulturellen Besonderheiten. Da wäre es fahrlässig, nicht zu kooperieren", sagt Christian.

 

Früh erste Praktika machen 

Die offizielle Berufsbezeichnung des Rotkreuzlers ist "Program Manager for Relief", ein abwechslungsreicher Job, in dem er viel von der Welt sieht – Urlaubsgefühle kommen dabei freilich selten auf. Vor seinem Einsatz im Nahen Osten half Christian bereits beim Aufbau der Polizei in Afghanistan, arbeitete im Kosovo mit Kriegsflüchtlingen,  entwickelte bei der UNO in New York Konzepte zur besseren Koordination von humanitären Projekten und baute nach dem Tsunami in Sri Lanka ein Krankenhaus wieder auf. "Wer in der Nothilfe arbeiten will, sollte möglichst früh erste Erfahrung durch Praktika bei Organisationen sammeln", rät er. Auch einige Stipendien, etwa das  Entwicklungspolitische ASA-Programm, vermittelten einen tieferen Einblick in die Thematik.

 

 

Das renommierte ASA-Stipendium ist eine Kombination aus Trainingsseminaren und einem dreimonatigen  Auslandsaufenthalt. In den Seminaren lernen die Teilnehmer globale Zusammenhänge und die Grundbegriffe der Entwicklungszusammenarbeit. Anschließend geht's zum Projektpraktikum in eines von mehr als 50 Ländern in Afrika, Asien, Lateinamerika oder Südosteuropa. Nach der Rückkehr werden die Erfahrungen in einem weiteren Seminar gemeinsam ausgewertet. Für das ASA-Programm bewerben können sich Studierende und junge Berufstätige zwischen 21 und 30 Jahren.

 

Ärzte, Juristen, Politikwissenschaftler und Journalisten

Christian Huber hat Politikwissenschaft studiert und danach den europäischen NOHA-Master in International Humanitarian Action draufgesattelt, einen der ganz wenigen Studiengänge, die speziell für das Berufsfeld qualifizieren. Dabei bietet ein Netzwerk von insgesamt sieben europäischen Universitäten das gleiche Rahmenprogramm plus jeweils einen unterschiedlichen Schwerpunkt an.

 

In Deutschland ist die Ruhr-Uni Bochum mit dabei. Die Studierenden können im zweiten Semester je nach Interesse an eine der Partner-Hochschulen wechseln und üben sich so bereits in interkultureller Sensibilität. "Wenn in einem Semester 25 Studenten aus 18 unterschiedlichen Ländern sitzen, dann müssen sie einfach offen sein, auch andere Arbeitsweisen akzeptieren können", beschreibt Studiengangsleiter Dr. Markus Moke. "Das heißt aber nicht, dass wir hier nur heile Welt haben wollen." Der NOHA-Master ist ein postgraduierter Studiengang, sprich: Um zugelassen zu werden, benötigt man bereits ein abgeschlossenes Fachstudium, der Bachelor allein reicht meist nicht aus. Doch welche Studienrichtungen schaffen eine gute Grundlage für die humanitäre Arbeit? Markus Moke: "Wir haben natürlich sehr viele Ärzte im Programm, dazu viele Juristen, Politikwissenschaftler und Journalisten." Seltener seien hingegen Ingenieure und Betriebswirte, denn die wüssten, dass sie in Wirtschaft und Industrie viel mehr verdienen könnten. "Grundsätzlich sind wir aber offen für jede Fachrichtung."

 

Chaotische Arbeitszeiten, miserables Freizeitangebot, unangemessene Bezahlung

Vielfältiger, als man glaubt, ist auch das Spektrum der gesuchten Berufsgruppen bei den Hilfsorganisationen, etwa bei der deutschen Sektion von "Ärzte ohne Grenzen". Nur etwa 60 Prozent der ins Ausland entsandten Mitarbeiter haben eine medizinische Ausbildung. Der Rest sind Bauingenieure, Logistiker, Wasser- und Sanitärfachkräfte, Kfz-Experten und Finanzkräfte. Neue Kollegen wirbt die Organisation, die weltweit in Kriegsgebieten oder nach Naturkatastrophen Nothilfe leistet, dabei schon mal mit dem augenzwinkernden Angebot "Chaotische Arbeitszeiten, miserables Freizeitangebot, unangemessene Bezahlung". Wer mitarbeiten will, braucht ein abgeschlossenes Studium oder eine Berufsausbildung plus mindestens zwei Jahre Berufstätigkeit. Zudem sollte man Auslandserfahrung mitbringen, im besten Fall schon mal in einem Entwicklungsland gelebt haben.

 

 

"Wir suchen Menschen mit stabiler Persönlichkeit und jeder Menge Stressresistenz", sagt Susann Stehr, die bei "Ärzte ohne Grenzen" in Berlin als Personalreferentin arbeitet. Denn Lebensbedingungen und Klima seien manchmal schwierig, die Sicherheitslage nicht selten angespannt. Unverzichtbar sei zudem Teamfähigkeit: "Man arbeitet nicht nur gemeinsam, sondern wohnt auch zusammen, teilt Haus, Computer und Kühlschrank. Da hat man nicht immer die Möglichkeit zu sagen, jetzt ist Feierabend, jetzt ziehe ich mich mal zurück."

Dennoch lohnt es sich laut Susann Stehr, einmal die eigene Komfortzone zu verlassen und im Krisengebiet Basisarbeit zu leisten, schließlich ist die fachliche Herausforderung riesig: "Ein Kollege hat mir mal nach seiner Rückkehr aus Afrika gesagt, er habe während seines Einsatzes so viel gelernt wie vorher in zehn Jahren nicht."

 

Auch Rotkreuzler Christian Huber kann sich derzeit keinen faszinierenderen Job vorstellen – trotz des moralischen Konflikts, der ihn zuweilen begleitet. "Ich selbst fühle mich zwar meist sicher und habe auch immer ein Rückflugticket in der Tasche. Die lokale Bevölkerung hingegen kann, wenn’s schlimm kommt, nicht so einfach weg. Wenn man das begreift, steckt man schon in einem Dilemma."

 

Sechs oder sieben Jahre will Christian noch "Feldarbeit" machen, wie Auslandseinsätze im Fachjargon genannt werden. Später könnte er sich dann gut eine Stelle im Hauptquartier einer humanitären Organisation vorstellen. Denn einen entscheidenden Nachteil hat es, wenn man zu lange als Nothelfer von Krise zu Krise eilt: Eine Partnerschaft zu führen oder gar Familie zu haben, ist schwer. Auch der Freundeskreis leidet zwangsläufig. "Manchmal ist das einzige verfügbare Kommunikationsmittel ein Satellitentelefon. Aber da zahlt man dann zwei Dollar pro Minute – das könnte auf Dauer ein bisschen teuer werden."

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