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10. Februar 2015  

Schauspielschulen

Improvisation ist nicht alles

Zugegeben, Daniel Brühl hat keine besucht und ist trotzdem bekannt geworden. Doch ohne eine fundierte Ausbildung an einer Schauspielschule schafft es kaum einer auf die Bühne oder vor die Kamera. Annette Kamps
Schauspielschule

Der Traum von der großen Bühne: An der Schauspielschule lernt man, wie es geht. © Annette Kamps

"Ich habe heute morgen ein Brötchen mit Schinken und Käse gefrühstückt!", brüllt Marius wütend. Das Gesicht des 20-Jährigen ist rot angelaufen, er wird lauter, wiederholt immer wieder: "Schinken und Käse. Ich habe heute morgen ein Brötchen mit Schinken und Käse gefrühstückt." Es ist warm und stickig, die Fenster sind verschlossen, zusätzlich abgedunkelt. Draußen soll keiner mitbekommen, was in diesem Raum – knapp 40 qm groß, länglich, nahezu unmöbliert – passiert.

Die Aufnahmeprüfung an der "Schule des Theaters im Theater der Keller" geht ihrem Ende entgegen. Marius ist einer von 39 Bewerbern, die an diesem Wochenende nach Köln gekommen sind, um ihren Traum Wirklichkeit werden zu lassen und Schauspieler zu werden. Nur ein Drittel von ihnen kann es heute schaffen.

Auf einmal bricht Panik aus. Der Raum wirkt viel zu klein für die neun Jugendlichen, sie laufen umher, wollen fliehen, wissen nicht wohin. Da plötzlich horcht Marius auf. Der Junge mit den kurzen blondgelockten Haaren presst sein Ohr an die Wand. Er glaubt, Stimmen zu hören und ruft so laut er kann: "Hallo, ist da jemand? Da muss doch jemand sein. Holt uns hier raus!" Zwei Minuten später ist der Spuk vorbei. "Danke, das war's fürs Erste. Ihr könnt jetzt Gruppe B runterschicken", sagt Dimitri Bilov, der als Dozent für Szenisches Arbeiten an der privaten Schauspielschule arbeitet, und beendet damit die letzte Improvisationsübung.

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Einen Tag zuvor durften die Kandidaten noch nicht so frei improvisieren, sondern mussten sich streng an ihren auswendig gelernten Text halten. Drei Rollen musste jeder von ihnen vorsprechen: eine klassische, eine moderne und eine komische.

 

Einmal durch den Wald gejagt

Barfuß betritt Marius den Raum. Der 20-Jährige trägt eine kurze beige Hose, dazu ein weißes Hemd. Um die Hüften hat  er sich einen schwarzen Schal gebunden, darin steckt ein kleiner Plastikdegen. Marius spielt den Lorenzo aus Alfred de Mussets "Lorenzaccio" – er spricht energisch, zieht schließlich seinen Degen und ficht gegen einen imaginären Gegner. Damit sammelt er Pluspunkte bei der vierköpfigen Jury, denn er ist der erste, der nicht nur seinen Text spricht, sondern sich auch bewegt, mit seinem Körper arbeitet. So als hätte er gehört, was eine der Lehrerinnen gerade über seine Vorgänger gesagt hatte: "Eigentlich müssten wir die Kandidaten vorm Vorsprechen einmal durch den Wald jagen, damit sie mal ein bisschen Körpergefühl zeigen! Die meisten haben nur nach innen geguckt." Auch in seinen anderen beiden Rollen, für die er sich kurz umzieht und Requisiten wie Tisch und Stuhl benutzt, kann Marius überzeugen. Er ist nicht nur der erste, der sich bewegt, er ist auch der erste, der die Jury zum Lachen bringt. Er scheint einer der Kandidaten zu sein, von denen Schuldirektor Hanfried Schüttler sagt: "Es gibt Leute, die kommen rein und dann ist die einhellige Meinung bei allen Lehrern 'Ja, der isses!"

So zufrieden er mit seiner Leistung auch ist, sicher kann sich Marius nicht sein. An acht Schulen hat er schon vorgesprochen und ist nicht genommen worden – allerdings war er bisher nur an staatlichen Schulen, an denen die Konkurrenz ungleich größer ist. An privaten Schulen bewerben sich weniger, weil monatlich Studiengebühren fällig werden. Doch die schrecken Marius nicht ab: "Ich würde mich riesig freuen, hier studieren zu können, weil die Schule einen guten Ruf hat." Die Schule des Theaters hat schon einige berühmte Absolventen auf die Bühne und vor die Kamera gebracht: Unter anderem haben Til Schweiger, Heiner Lauterbach und Annette Frier in der Kölner Südstadt studiert.

 

Vor dem Tribunal

Berühmte Vorbilder hat auch Pascal. Auf die Frage, warum er Schauspieler werden wolle, antwortet der 19-Jährige: "Ich habe irgendwann 'Judge Dredd' gesehen, mit Sylvester Stallone. Da dachte ich mir: Das musst du auch machen!" Es ist Pascals erstes Vorsprechen. Er ist nervös. Wie Marius, muss auch er mit seinen drei Rollen vor der Jury bestehen. Zunächst gibt er Brechts "Der gute Mensch von Sezuan". Für eine Szene muss Pascal seine Brille abnehmen, doch so fällt es ihm schwer, sein Publikum zu fixieren. Schüttler fordert ihn auf, die Jury direkt anzusprechen, als sei sie das Tribunal, vor dem er in seiner Rolle als Shen Te gerade steht. Pascal nimmt den Rat des Direktors an und übersteht die erste Runde – zum zweiten Prüfungstag erscheint er mit Kontaktlinsen.

 

Die zweite Runde

19 Bewerber sind noch übrig, als es am nächsten Tag in die zweite Auswahlrunde geht. Alle tragen Sportsachen, denn heute müssen sie sich bewegen. Auch das Publikum ist zahlreicher  als gestern: einige Schauspielschüler haben sich zur Jury gesellt. Musik erklingt und mit ihr die Stimme der Dozentin: "Stellt euch vor, ihr seid ein Schwarm. Einer übernimmt die Führung, die anderen folgen – ohne, dass ihr euch miteinander absprecht." Der Schwarm sieht zunächst ziemlich chaotisch aus, dann ordnet er sich und die Schüler bewegen sich kreisförmig hintereinander her. "Nicht im Kreis. Ihr müsst gucken, was der Raum von euch möchte. Folgt der Musik, und folgt dem Raum." Als nächstes fordert sie die Jugendlichen auf, so zu tun als würden sie das Gleichgewicht verlieren – und sich entweder wieder fangen oder fallen. Pascal fällt. Er kracht so laut aufs Laminat, dass einer der Zuschauer sagt: "Man hätte Matten auslegen sollen." Doch Pascal weiß sich zu bewegen, jahrelang hat er Aikido gemacht, so dass er mit den bisherigen Übungen keine Probleme hat. Außerdem ist er "nur ein Zehntel so nervös wie gestern!". 

Doch seine Nervosität steigt, als es kurz darauf ans Singen geht. Neben ihren drei Vorsprechrollen sollten die Bewerber auch ein Lied einstudieren, das sie nun vortragen müssen. Ein Klavier wird in den Raum gebracht. Inklusive der beiden Gesangslehrer beurteilen nun neun Dozenten das Können der Bewerber, dazu die Schauspielschüler – je später es wird, desto mehr von ihnen schauen vorbei. Mangels Noten singt Pascal a capella "Freeze my senses", den Song hat er auf "YouTube" entdeckt. Doch die Gesangslehrerin will noch etwas anderes von ihm hören, ein deutsches Volkslied – Pascal muss improvisieren. Er macht die Augen zu, schnipst mit den Fingern und beginnt zu singen: "Wenn ich einmal reich bin…". Doch viel mehr als der Refrain fällt ihm aus dem Stegreif nicht ein.

Marius ist besser vorbereitet. Er reicht der Gesangslehrerin seine Noten und beginnt: "Ich bin der König im Affenstaat… Oh dubidu, ich wär so gern wie duhuhu". Er singt und tanzt wie das Original aus dem Dschungelbuch – und wieder hat er Jury und Zuschauer direkt auf seiner Seite.

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Reich werden die wenigsten

Es folgen die Improvisationsübungen wie "Frühstück" oder "Eingesperrtsein" – danach ziehen sich die Dozenten zur Beratung zurück. Die Bewerber gehen in ihren Aufenthaltsraum und warten. Sie wissen nicht, was als nächstes auf sie zukommen wird, ob weitere Übungen folgen oder sie schon an diesem Nachmittag ein "Aufgenommen" oder "Durchgefallen" hören werden. Einige lassen die Übungen Revue passieren. "Ich hab die angelogen", gibt Marius zu und grinst, "ich hab viel mehr gegessen!" Andere unterhalten sich über die hohen Kosten solcher Vorsprechen, schließlich müssen die meisten neben den Anmeldegebühren noch für Anfahrt und Unterkunft aufkommen. "Ohne einen Kredit aufzunehmen, kann ich mich nur an vier Schulen bewerben. Mehr ist bei meinem Zivi-Gehalt nicht drin", sagt Pascal. Marius kontert: "Ach, am Ende landen wir doch eh alle bei Peter Zwegat!"

An einen Schuldnerberater wird sich wohl kaum einer wenden müssen, doch mit der Schauspielerei reich und berühmt zu werden, ist eher die Ausnahme. Engagements am Theater sind meist befristet und die Dreharbeiten für Film und Fernsehen auch irgendwann einmal zu Ende. Als Schauspieler muss man sich deshalb immer wieder neu auf Jobsuche begeben, ein regelmäßiges Monatsgehalt haben die wenigsten. "Der Markt ist brutal und es gibt sehr viel mehr  Schauspieler als Möglichkeiten, hinterher zu arbeiten", sagt Schüttler über die Jobchancen seiner Schützlinge. Doch diese wissen, dass sie nicht den einfachsten Weg gewählt haben, Geld zu verdienen. Den meisten geht es aber auch um etwas anders: "Das Spielen ist wie eine Welle, die einen trägt. Das gibt einem unheimlich viel Energie und ich kann mich komplett austoben“, beschreibt Marius die Faszination seines Traumberufes.

Er wird sich reichlich austoben können: Während die Mehrzahl der Bewerber noch einmal individuell an ihren Rollen arbeiten muss, haben Marius und drei weitere Kandidaten bereits bestanden. Auch Pascal muss nicht mehr in die dritte Runde: Für ihn hat es leider nicht gereicht. Doch der 19-Jährige bleibt gefasst: "Für mich geht die Welt jetzt nicht unter. Ich bin hierhin gekommen, um zu wissen, wie ein Vorsprechen läuft – nicht, um direkt genommen zu werden." Als nächstes will er sein Glück in Siegburg und in Essen versuchen. Sollte es dort auch nicht klappen, bleibt ihm noch ein weiterer Versuch – dann ist sein Erspartes erst einmal aufgebraucht.

 

Schule des Theaters im Theater der Keller

Die dreieinhalbjährige Ausbildung kostet 480 Euro im Monat. Wer BAföG-berechtigt ist, kann sich diese Unterstützung für eine Ausbildung an der staatlich anerkannten Schauspielschule sichern. Die Ausbildung ist durch direkte Kooperationen mit dem "Theater der Keller", den Wuppertaler Bühnen und der Kölner Kunsthochschule für Medien (KHM) sehr praxisbezogen. Mehr Infos unter www.schule-des-theaters.de

 

Private und staatliche Schulen

In Deutschland gibt es 14 staatliche und rund 60 private Schauspielschulen. An den renommierten staatlichen  Hochschulen streiten sich nicht selten rund 800 Bewerber um zehn bis zwölf Studienplätze. Eine gute Alternative  bieten die privaten Schauspielschulen – wer hier vorspricht, hat weniger Mitbewerber zu befürchten, muss aber mit einem monatlichen Schulgeld rechnen. Bei der Auswahl sollte man darauf achten, dass die Schule staatlich anerkannt ist.

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