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14.11.2014  
UNAOC-EF Summer School in New York

"Wir verändern die Welt!"

Die UNAOC-EF Summer School bietet engagierten Jugendlichen jedes Jahr die Gelegenheit, von UN-Botschaftern und Experten für sozialen Wandel zu lernen, wie man soziale Projekte aufbaut. Wir haben die deutsche Teilnehmerin Amina auf dem internationalen Campus begleitet. Anna Voshaar

Amina Abu-Gharbieh bei der UNAOC-EF Summer School in New York

Wie wird die globale Zukunft aussehen? Wie wer-
den wir in Zukunft zusammenleben? Amina Abu-
Gharbieh diskutiert darüber bei der UNAOC-EF
Summer School. © Sarah Browne / EF

Noch nie gab es so viele junge Menschen auf der Welt wie heute. Mit 1,8 Milliarden bilden sie die derzeit größte politisch unterrepräsentierte Minderheit, die es je gab, denn regiert wird die Welt von den Alten. Bei der UNAOC-EF Summer School in New York lernen junge Engagierte, sich Gehör zu verschaffen. Die 21-jährige Amina Abu-Gharbieh ist eine von ihnen. Gemeinsam mit 74 anderen Teilnehmern sitzt sie in New York Mark Gonzales gegenüber.

Der Unternehmensberater und Persönlichkeitscoach stellt ihnen zu Beginn der Summer School eine einfache Frage: "Woher kommst du?" Amina und ihre Mitstreiter lachen ertappt: Sie zu beantworten ist schwer, wenn man etwas über sich sagen will – was gibt eine Nationalität schon über einen Menschen preis? Die Teilnehmer kommen aus aller Welt, ein großer Teil von ihnen hat einen multikulturellen Hintergrund. Sie kennen das Problem mit dieser Frage also nur zu gut – und haben sich bei ihrer ersten Begegnung trotzdem genau diese gegenseitig gestellt.

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Die United Nations Alliance of Civilizations (UNAOC) und EF Education First haben die 75 ganz unterschiedlichen, jungen Menschen in New York zusammengebracht. Education First ist ein internationaler Bildungsanbieter, die UNAOC eine Abteilung der Vereinten Nationen, die interkulturelles Verständnis und Zusammenarbeit fördert. So verschieden die Teilnehmer der Summer School auch sind, vereint sie doch eine Eigenschaft: Alle engagieren sich sozial oder politisch. Viele der 18- bis 35-Jährigen haben sogar schon eigene Projekte und kleine Organisationen aufgebaut. Während der Summer School dreht sich für sie eine Woche lang alles um das Thema grenzenlose Zusammenarbeit: Unter dem Motto "Global Citizenship" stärken sie ihre kommunikativen Fähigkeiten, lernen zum Beispiel, was bei Verhandlungen wichtig ist oder wie man einen Businessplan für ein Projekt erstellt. Vor allem aber tauschen sie sich aus, knüpfen Freundschaften und Bündnisse und lassen sich von ihrer gemeinsamen Entdeckungsreise durch New York, diesem Schmelztiegel von Ethnien und Kulturen, inspirieren.

Multikulturelle Helfer

Amina hat die Jury unter mehr als 100.000 Bewerbern weltweit überzeugt: Die Berlinerin hat sowohl deutsche als auch palästinensische Wurzeln und ist ehrenamtlich im Forum muslimischer Stipendiaten aktiv. Amina kennt sich aus mit Vorurteilen und kulturellen Missverständnissen: "Es stört mich einfach, wenn Menschen unfair behandelt werden", sagt sie. "Und wenn man direkt davon betroffen ist, wird Politik eben spannend", lächelt sie fast etwas entschuldigend. Deswegen hat sie sich schon in der Schule engagiert. Im Forum arbeitet sie nun unabhängig von politischen oder religiösen Parteien daran, das öffentliche Bild des Islam durch Aufklärung zu verändern. Von Dozenten wie Mark Gonzales und UN-Botschaftern lernt sie nicht nur, wie sie die eigenen Interessen von den Zielen ihrer Projekte trennt, sondern auch, wie sie durch Reden und Zuhören Verhandlungen führen und Unterstützer für sich gewinnen kann.

Die Jungen auf dem Vormarsch

Was das Zuhören angeht, sieht Ahmad Alhendawi, UN-Sondergesandter für Jugend, auch bei vielen Staatschefs noch Nachholbedarf. "Es gibt so eindrucksvolle Projekte von jungen Menschen, die nicht ernst genommen werden", erklärt er. Alhendawi kämpft dagegen, dass viele wegen ihres jungen Alters nicht mal eine Chance bekommen. Und die Herausforderungen, vor denen die Teilnehmer der Summer School stehen, kennt der 30-Jährige selbst nur zu gut: Er hat zahlreiche Projekte aufgebaut, bis der UN-Generalsekretär Ban Ki-moon ihn 2013 zum ersten Sondergesandten für Jugend der Geschichte ernannte. "Vorher konnte ich meiner Mutter übrigens jahrelang nicht erklären, was eigentlich mein Job ist", grinst er in seiner Begrüßungsrede am Abend. Heute repräsentiert er eben jene größte politisch unterrepräsentierte Minderheit: die Jugend. Sogar fast die Hälfte der Weltbevölkerung ist unter 25 Jahre alt, so viel wie noch nie zuvor. Von politischen Repräsentanten ist aber gerade mal ein Prozent unter 30. "Nur weil man jung ist, heißt das aber nicht, dass man nicht gut genug ist", ermutigt Alhendawi die Teilnehmer.

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Dass diese die Köpfe voller guter Ideen haben, zeigen die fiktiven Projekte, die sie in den Seminaren entwickeln. "Under the Tents" ist eine Kampagne gegen sexuelle Gewalt in Flüchtlingslagern, die Aminas Mitstreiter sich für soziale Medien ausgedacht haben. Sie ist in der kurzen Zeit so gut gelungen, dass das Team sie nach der Summer School umsetzen will. Auch Amina wird daran mitarbeiten – da sich die Teilnehmer in kürzester Zeit digital vernetzt haben, sind Entfernungen für die gemeinsame Arbeit kaum noch ein Hindernis.

Lernen von den Profis

Erst mal streifen die Teilnehmer aber gemeinsam durch New York: Für Amina geht es in die Bronx, einen früheren sozialen Brennpunkt der Stadt. Inzwischen geht es hier nicht mehr so rau zu, aber die Identität und Geschichte des Viertels finden sich überall. Grandmaster Flash liefert die Hintergrundmusik, während die Gruppe durch die "Wiege des Hip Hop", um ehemalige Dealer-Ecken und vorbei an Basketball spielenden Jugendlichen zieht. Die Bewohner haben über Jahre hinweg in Eigenleistung Gemeindetreffs aufgebaut, Bäume gepflanzt und autofreie Tage eingerichtet. Von ihnen erfährt Amina, wie sie mit Herausforderungen und Rückschlägen umgegangen sind.

Danach treffen sich die Teilnehmer der UNAOC-EF Summer School am Hauptsitz der Vereinten Nationen. Alle sind aufgeregt. Vom Ort und den Menschen lassen sie sich aber nicht einschüchtern – die Neugier ist einfach größer, denn sie treffen den Stellvertretenden UN-Generalsekretär Jan Eliasson. Der bezeichnet sich selbst als "besorgten Optimisten" angesichts der vielen globalen Probleme. "Aber man darf die Hoffnung nie aufgeben! Glaubt nicht, dass ihr den Krieg zwischen Israelis und Palästinensern morgen beenden könnt. Aber ihr könnt einzelnen Menschen helfen und damit viel bewegen", ermutigt Eliasson die Teilnehmer zum Weitermachen. Schließlich gibt es viel zu tun. Auch Amina wird weitermachen und all das Gelernte an ihre Netzwerke weitergeben. Später könnte sie sich vorstellen, in einer NGO oder in einer Kommission für staatliche Aufbauprogramme zu arbeiten. Neben dem VWL-Studium hat das Engagement auf jeden Fall einen festen Platz in ihrem Leben: "Es ist toll, wenn man merkt, dass man langsam etwas bewegt. Das Studium wird mir dabei auf jeden Fall weiterhelfen, denn letztendlich geht es immer darum, dass etwas ökonomisch durchdacht ist – auch bei Hilfsprojekten."