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15. Dezember 2009  

Couchsurfing

Zu Gast bei Fremden

In Netzwerken wie Couchsurfing.org bieten Menschen aus aller Welt anderen kostenlose Schlafplätze an. Reisende können so ihren Geldbeutel schonen – und rund um den Globus Freundschaften schließen. Judith Schulte
Couchsurfing

Zieh das Bettsofa aus - beim Couchsurfing werden Fremde zu Gastgebern und Reiseführern in Personalunion. © Julia Kunze

Die langen Haare der jungen Frau wirbeln wild umher. Sie tanzt und schwingt im zuckenden Licht der bunten Scheinwerfer die Arme vor und zurück. Mit geschlossenen Augen versinkt sie ganz in den elektronischen Beat. Die Musik ihrer früheren Lieblingsband "Asian Dub Foundation" hat Merle schon lange nicht mehr gehört. Daher freut sie sich umso mehr, dass sie hier in Südspanien, ganz in der Nähe von Malaga, mal wieder eins ihrer Konzerte besuchen kann.

Sie ist gemeinsam mit Manuel hier – und das, obwohl sie ihn vor ein paar Tagen erst kennen gelernt hat. Der 24-jährige Spanier bietet auf der Internetseite Couchsurfing.org seine Gästecouch als kostenlosen Schlafplatz an. So hat Merle ihn gefunden. Wegen eines Studienprojektes war die 23-jährige Kölnerin nach Andalusien gekommen. Nach einer Woche reisten ihre Kommilitonen wieder ab. Merle wollte aber noch ein paar Tage Urlaub dranhängen – und suchte sich ihre Unterkunft über Couchsurfing.org: "Ich wollte einfach das Land und das Leben der Menschen hier näher kennen lernen – und das nicht über einen Taschenreiseführer."

Auf der Internet-Plattform bieten Menschen aus fast allen Ländern der Welt anderen ihre Dienste als Gastgeber an: die meisten einen Schlafplatz, andere einen Stadtrundgang oder einfach nur eine Einladung zum Kaffee. Und viele der Gastgeber nehmen gerne selbst ein fremdes Sofa in Anspruch, wenn sie auf Reisen sind. "Couch für Couch" ist das Motto: Den Gründern des Netzwerks geht es darum, Menschen und Orte auf der ganzen Welt miteinander zu verbinden, um Gastfreundschaft, Bildungsaustausch, Gemeinsinn und Toleranz.

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Herbergsvater mit Referenz gesucht

In seinem Profil auf Couchsurfing.org stellt Manuel sich den anderen Mitgliedern des Netzwerks vor. Man sieht einen lachenden jungen Mann, der Couchsurfing offenbar zu seinem Hobby gemacht hat. Viele seiner früheren Gäste haben Danksagungen auf seiner Seite hinterlassen, einige beschreiben sogar seine Couch. Eine Engländerin schreibt: "Manuel ist ein sehr netter Typ und total hilfsbereit. Mein Freund und ich durften bei ihm übernachten und er hat meinen Lebenslauf für mich ins Spanische übersetzt. Danke, Manuel, und ich hoffe, wir sehen uns bald wieder!"

Auf solche Referenzen, wie die Gästebuch-Einträge der Webseite heißen, achten viele, die auf der Suche nach einem Gastgeber sind. Auf wessen Profil viel freundliches Feedback steht, bekommt daher schnell neue Anfragen von herbergslosen Mitgliedern. Auch die Suche nach einer Unterkunft fällt leichter, wenn andere Nutzer schon etwas Positives hinterlassen haben, hat Merle bei ihrer Suche festgestellt. Weil sie als neues Netzwerk-Mitglied noch keine Kommentare auf ihrer Seite hatte, schrieb sie gleich fünf Personen an, die ihr sympathisch erschienen: "Zwei haben gar nicht geantwortet, zwei andere hatten ihre Couch schon vergeben."

Neben den Kommentaren anderer User gibt es zudem eine "offizielle" Möglichkeit, sich als vertrauenswürdig zu präsentieren: die Überprüfung der im eigenen Profil hinterlegten Adresse durch die Betreiber der Webseite. Dazu wird per Post ein Zahlencode an die angegebene Post-Adresse gesandt. Der Empfänger gibt den Code auf der Webseite ein, und so wird aus dem anonymen User ein Mitglied, dessen Postadresse bekannt und überprüft ist. Anschließend ist für alle anderen der Status "verified member" sichtbar. Durch den Service sollen sich vor allem die Suchenden sicherer fühlen. Allerdings kostet die Überprüfung: Abhängig von der Kaufkraft der eigenen Bevölkerung, können das bis zu 25 US-Dollar sein. Mitglieder aus Deutschland zahlen zurzeit 21,34 US-Dollar.

 

"Die Zeit vergeht viel zu schnell"

Nach der vorletzten Nacht auf Manuels Couch will Merle sich für seine Gastfreundschaft mit einer Einladung zum Frühstück bedanken. Doch Manuel zögert: "Eigentlich möchte ich keine Gegenleistung." Sie bleibt hartnäckig, und schließlich schafft sie es, ihn zu überreden. Dass "Couchsurfer" ihren Gastgebern Geschenke mitbringen oder für sie kochen, kommt häufig vor. Zwingend ist es aber nicht: Alles kann, nichts muss. Definitiv verboten ist dagegen die Berechnung von Unterkunftskosten.

Nach dem gemeinsamen Frühstück zeigt Manuel Merle seine Stadt, und den Nachmittag verbringen beide mit Manuels Freunden in einem Tapas-Restaurant. Abends zieht es sie zum Strand. Bei klarem Sternenhimmel und Meeresrauschen trinken sie "Tinto de Verano" aus großen Flaschen, lachen und reden stundenlang. In dieser Nacht geht die Idee von Couchsurfing.org voll auf: Menschen zusammenzubringen. 

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