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16. Juni 2014  

Auslandssemester in Brasilien

Sonne, Strände, Leistungspunkte

Wer während des Studiums ins Ausland will, denkt erst einmal an Spanien, England oder die USA. Nur wenige entscheiden sich bei einem Auslandssemester für Brasilien, dabei hat das WM-Gastgeberland jede Menge zu bieten. Anika Lautz
Auslandssemester in Brasilien

Anna hat während ihrer Auslandssemester viel gelernt: Drei Semester lang hat sie in Brasilien gelebt und BWL studiert. © privat

Ein Auslandssemester macht vor allem dann Spaß, wenn es warm ist und die Sonne scheint. So wie in Brasilien. Mit Temperaturen zwischen 20 und 30 Grad und vielen wunderschönen Stränden sprechen einige Argumente für das Land. Doch nicht umsonst wird Brasilien das Land der Gegensätze genannt. So schön die Landschaft auch ist, gerade in den Städten muss man die eine oder andere Herausforderung meistern. "Kompliziert ist vor allem der Straßenverkehr", berichtet Niklas Schwulst, der für sein Auslandssemester ein Jahr lang die Uni Hamburg gegen die Uni in Porto Alegre eingetauscht hat. "Wer mit dem Bus fahren will, muss sich durchfragen. Die Bushaltestellen haben keinen Namen und es gibt keine Fahrpläne." Doch nicht nur im Straßenverkehr unterscheidet sich das Leben in Brasilien von dem in Deutschland. Auch auf die brasilianische Art zu studieren musste Niklas sich erst einmal einstellen.

Beim Auslandssemester im Land des Fußballs studiert man anders


So standen etwa im ersten Semester lediglich vier, im zweiten sogar nur drei Kurse auf dem Stundenplan. Was zunächst nach einem entspannten Studienalltag klingt, war alles andere als einfach. "Die Kurse sind dreieinhalbstündig und schließen alle mit einer Prüfung ab. Dazu kommt noch die wöchentliche Lektüre", erklärt Niklas. "Außerdem werden Hausarbeiten während des Semesters geschrieben, nicht wie bei uns in den Semesterferien."

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Damit sich ausländische Studenten wie Niklas besser zurechtfinden, bekommen sie für ihr Auslandssemester einen erfahrenen Studenten, einen so genannten Buddy, zur Seite gestellt. Außerdem steht das International Office als Ansprechpartner zur Verfügung und hilft zum Beispiel bei Formalitäten, der Kurswahl oder Wohnungssuche. Für fachliche Fragen sind die Lehrenden zuständig. Deren Verhältnis zu den Studenten ist viel enger, als Niklas es aus Deutschland kennt. "Das liegt vor allem daran, dass es kleinere Kurse gibt“, berichtet er. "Ich konnte jederzeit bei den Professoren im Büro vorbeischauen, um etwas zu fragen." Überhaupt schätzt der 23-Jährige das Zwischenmenschliche an den Brasilianern. "Man lernt schnell Leute kennen und wird sehr herzlich empfangen. Allerdings bekommt man auch schnell Zusagen, die nicht so ernst gemeint sind."

Die Liebe zu Land und Leuten hat Niklas eher durch Zufall entdeckt. Nach seinem Abi ist er für "weltwärts", den Freiwilligendienst des Bundesentwicklungsministeriums, nach Brasilien gegangen. In Porto Alegre hat er ein Jahr lang in einem Jugendzentrum gearbeitet, bei einer Gastfamilie gewohnt und auf diesem Weg auch Portugiesisch gelernt.

BWL auf Brasilianisch

Bei Anna Olbrzymek war es ähnlich. Mit 18 stand erst ihr Fachabi, dann ein Freiwilliges Soziales Jahr in Brasilien auf dem Plan. In Vitória hat sie im Rahmen eines Sozialprojekts mit Kindern aus der Favela gearbeitet. "Danach habe ich einen Studiengang gesucht, in dem ich Kontakt zu Lateinamerika halten kann", sagt sie. Gelandet ist sie schließlich an der FH Münster. In dem internationalen Studiengang Deutsch-Lateinamerikanische Betriebswirtschaft ging es erst vier Semester lang um betriebswirtschaftliche Grundlagen. Außerdem konnte Anna ihr Portugiesisch verbessern. Ab dem fünften Semester hat die 22-Jährige dann für eineinhalb Jahre an der privaten FAE Business School in Curitiba studiert.

Im brasilianischen Studium zählt Praxis mehr als gute Noten


Auch für Anna war der Studienalltag eine Umstellung, denn an ihrer Hochschule gibt es kein Vollzeitstudium. Stattdessen absolvieren die Studenten parallel ein Praktikum. Entsprechend gewöhnungsbedürftig sind die Vorlesungszeiten. "Die Kurse finden morgens zwischen acht Uhr und halb zwölf oder abends von sieben bis halb elf statt", erzählt Anna. So handhaben es viele

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Unis in Brasilien. Schlafende Studenten sind aus diesem Grund in den Vorlesungen auch keine Seltenheit. "Was mich erst entsetzt hat, hat die Professoren überhaupt nicht gestört. In Brasilien zählt Praxiserfahrung einfach mehr als ausgezeichnete Noten." Deswegen hat auch Anna fünf Monate lang Firmenluft geschnuppert und ein Praktikum bei einem belgischen Chemiekonzern gemacht. Das zu bekommen war gar nicht so einfach. "In Brasilien ist es nicht üblich, nur für ein paar Wochen oder Monate in ein Unternehmen zu gehen. Stattdessen vergeben die Firmen Praktika für ein oder zwei Jahre und suchen auf diesem Weg spätere Angestellte."

Wer für ein kürzeres Praktikum nach Brasilien fliegen und nicht gleich ein Jahr an der Uni aussetzen will, sollte sich aber nicht von seinem Wunsch abbringen lassen. Runhild Wieneke beispielsweise hat sich bei Volkswagen in Brasilien beworben. "Ich wollte das Wissen aus meinem BWL-Bachelorstudium praktisch anwenden und meine Sprachkenntnisse verbessern", sagt die 26-Jährige. Kurze Zeit später kam die Zusage. Drei Monate lang hat die Studentin aus Göttingen die Konzernrevision in São Bernardo do Campo bei São Paulo bei der Analyse und Verbesserung der internen Qualitätsstandards und Prozesse unterstützt. Begeistert hat sie vor allem die Gastfreundschaft und Herzlichkeit der Brasilianer. "Oft haben mich meine Kollegen spontan zu Wochenendausflügen zu ihren Familien eingeladen", berichtet Runhild. "So habe ich spannende und schöne Orte wie Rio de Janeiro oder Campos do Jordão kennengelernt." Auslandseinsätze wären für sie auch später im Beruf eine reizvolle Sache. Auf Dauer möchte sie allerdings nach Niedersachsen zurückkehren. "Ich bin und bleibe einfach ein norddeutsches Kind."

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