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07. Mai 2010  

Studieren in Ungarn, Österreich und den Niederlanden

NC nicht gepackt? Ab ins Ausland!

Wer den Numerus clausus für sein Wunschfach verpasst, kann als "NC-Flüchtling" im Ausland studieren. Zum Beispiel in Ungarn, Österreich oder den Niederlanden. Janna Degener

Für einen Studienplatz in Medizin hätte Anna alles gegeben. Aber mit ihrem Abischnitt von 2,3 hatte sie bei der Servicestelle hochschulstart.de keine Chance – auch nicht nach zwei Wartesemestern. Dann kam der Tipp von ihrem Patenonkel: die Semmelweis-Uni in Budapest. Seit fast 30 Jahren bietet die ungarische Hochschule ein deutschsprachiges Medizinstudium an, inzwischen hat sie sich zum beliebten Ziel für deutsche "NC-Flüchtlinge" entwickelt. Kostenpunkt: 5.900 Euro pro Semester. Annas Glück: Ihr Onkel war bereit, ihr das teure Auslandsstudium zu finanzieren. Wie die meisten wohnte sie in einer möblierten Ein-Zimmer-Altbauwohnung, die seit Jahren an deutsche Studenten vermietet wird. Am Studium gefiel ihr der Zusammenhalt zwischen den 160 deutschen Studierenden und der enge Kontakt zu den Profs, die alle Deutsch sprachen – wenn auch teilweise "mit einem irren Akzent". Nach drei Semestern bekam Anna per Losverfahren einen Studienplatz in München. Um die hohen Studiengebühren zu sparen, wechselte sie sofort die Uni, ihre Scheine wurden angerechnet. Weiterempfehlen würde sie die ungarische Uni auf jeden Fall. "Wenn man es sich leisten kann – sofort!"

 

Psychologie in den Niederlanden

Obwohl ihn Psychologie mehr interessierte, studierte Oliver Philosophie und Geschichte in Bochum. Bis er eines Tages einen Freund in Nimwegen besuchte, der dort Psychologie studierte. Er verliebte sich in die Stadt und in eine ihrer Bewohnerinnen. Die Zulassungsbeschränkungen in Holland sind oft leichter zu knacken als in Deutschland, damals war das Psychologie-Studium sogar noch zulassungsfrei. Das Studium dort bietet außerdem viele Annehmlichkeiten für Bewerber aus dem Nachbarland: Auf einer deutschsprachigen Webseite fand Oliver alle Infos zur Einschreibung, wegen der relativ langen Anreise wurde er bei der Vergabe eines Studenten-Apartments auf dem Campus bevorzugt, und der Vorstudiensprachkurs in Niederländisch war auf die Bedürfnisse der deutschen Studierenden zugeschnitten.

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Von Anfang an hat Oliver auf Niederländisch studiert, und auch Englisch hat er erst in Nimwegen so richtig gelernt. Er nimmt jetzt sowohl an einem niederländischsprachigen als auch an einem englischsprachigen Master teil und verbringt außer mit seiner deutschen Freundin viel Zeit mit Austauschstudenten aus verschiedenen Ländern. So jongliert er im Alltag wie selbstverständlich mit drei Sprachen. Das Psychologie-Studium gefällt ihm gut, obwohl es sehr viel verschulter ist als in Deutschland. Täglich über die Grenze zu pendeln, wie viele seiner deutschen Kommilitonen es tun, würde er nicht empfehlen. "Das ist mit Kosten und einem hohen Zeitaufwand verbunden, und man bekommt dann auch nicht so leicht Kontakt zu Einheimischen. Man merkt vielen Deutschen am Akzent an, dass sie pendeln." Neben den niederländisch- und englischsprachigen werden in Holland auch vereinzelt deutschsprachige Studiengänge angeboten. Die Studiengebühren betragen ca. 1.400 Euro pro Semester, rund 1.000 Euro können aber von der EU erstattet werden. Die Bewerbung läuft über die ZVS-ähnliche Stelle "ib-groep".

 

Volle Hörsäle in Österreich

Weil jeder Österreicher die Chance auf einen höheren Bildungsabschluss haben soll, gibt es im südlichen Nachbarland weder Studiengebühren noch generelle Zulassungsbeschränkungen an den Unis. Bis vor einigen Jahren durften sich deutsche Bewerber dagegen nur einschreiben, wenn sie die Zulassung zu einer deutschen Universität in der Tasche hatten. Seitdem diese Regelung für europarechtswidrig erklärt wurde, stürmen deutsche Studienanfänger die österreichischen Unis. Für einige Fächer wie Medizin und Psychologie müssen Studienbewerber an einem Eignungstest teilnehmen, für die meisten genügt jedoch das Abitur.

Rasmus hat wie Oliver bei einem Besuch von Freunden in Wien von den Vorzügen des Auslandsstudiums erfahren. "Obwohl ich nur einen Abi-Schnitt von 2,4 hatte, konnte ich hier ohne Wartesemester mit dem Studium anfangen." Er schrieb sich für Politikwissenschaften und internationale Beziehungen ein. Ein großes Problem an den österreichischen Unis ist die Überfüllung. "Zu Beginn des Semesters bekam man häufig noch nicht einmal einen Sitzplatz auf den Treppen des Hörsaals, wenn man nicht eine halbe Stunde vor Vorlesungsbeginn da war und in Seminaren mit 50 bis 60 Leuten konnte man kaum Diskussionen führen." Rasmus ist mit seinem Studium trotzdem zufrieden. Weil er immerhin überhaupt studieren kann und statt horrender Studiengebühren nur knapp 17 Euro Semesterbeitrag bezahlen muss. Außerdem liebt er Wien, "den schönen Dialekt, den Mischmasch an Leuten, die tolle Ausgeh-Szene und die altehrwürdigen Cafés mit diesen grimmigen Kellnern."

 

Ab ins Ausland, aber wohin?

Ob in Ungarn, Österreich oder den Niederlanden – eine hochwertige Ausbildung bekommt man laut Robert Schäfer von der Ärztekammer Nordrhein und dem Psychologen Fredi Lang vom des Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen auch im Ausland. Trotz der Überfüllung schätzen sie die Qualität der österreichischen Lehre als gleichwertig ein, und auch über Ungarn hat der Mediziner Schäfer "nur sehr Gutes gehört, was den Lehrbetrieb und die Intensität der Betreuung der Studenten angeht.". Dass die Master-Studiengänge an den weltoffenen und qualitätsorientierten niederländischen Universitäten oft nur einjährig sind, kann nach Langs Einschätzung aber zu Nachteilen auf dem Arbeitsmarkt führen. Außerdem warnt der Psychologe davor, die Sprachbarriere zu unterschätzen: "In der Berufspraxis muss man mit psychologischen Begriffen und Konzepten arbeiten. Die Übersetzungs- und Transformationsleistung kann eine große Herausforderung bedeuten."

Auch, wenn man sich in Ungarn, Holland und Österreich problemlos als Deutscher unter Deutschen von „den Einheimischen“ abschotten kann, bietet ein Auslandsstudium neben dem gewünschten Studienfach wertvolle interkulturelle Erfahrungen. "Der NC sagt nur bedingt etwas über den Studienerfolg aus", weiß Schäfer, der mit seinem Abizeugnis "heute wohl kaum einen Studienplatz für Medizin bekommen" hätte und trotzdem sowohl Physikum als auch Staatsexamen mit „sehr gut“ absolviert hat. "Auslandsaufenthalte haben noch keinem geschadet", und es sei unbedingt eine Reise wert, verschiedene Zugangswege zu wissenschaftlichen Problemen kennen zu lernen. 

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