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05. November 2009  

Andere Länder, andere Sitten

I'm Karl-Heinz. How are you?

"Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben", sagt ein alter Spruch und meint damit sicher auch das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen und Umgangsformen. Wer Fettnäpfchen umgehen will, sollte sich darauf vorbereiten. Stefan Moskopp
Ausland

Vorsicht vor Fettnäpchen: Wir verraten euch, wie ihr während eines Auslandsaufenthalts zielsicher kulturelle Stolperfallen umgeht. © Judith Strücker

Höfliche Engländer

Hilfsbereit sind sie ja, die Engländer – und das nicht nur beim Elfmeterschießen. Wer jemals in London war, weiß, dass er sie um jede noch so umfangreiche Wegbeschreibung bitten darf und trotzdem keine genervten Gesichter erntet. Und höflich sind sie auch: In die Straßenbahn wird erst dann eingestiegen, wenn der letzte "Aussteiger" draußen ist – hierzulande undenkbar. Noch undenkbarer: In England merkt man sich genau, wer bereits vor einem auf Bus oder Bahn gewartet hat und lässt entsprechend den Vortritt. Also, doppelt aufgepasst beim Einsteigen in Bus oder Bahn! Zur Begrüßung gibt man sich in Großbritannien nicht zwingend die Hand, ein "How are you?" gehört aber immer dazu. Außerdem spricht man Menschen, die man noch nicht so gut kennt, konsequent mit "Mister", "Miss" oder "Misses" und dem Nachnamen an.

Ganz wichtig, insbesondere für den Pub-Besuch: Die Zahl Zwei sollte man niemals signalisieren, indem man Zeige- und Mittelfinger ausstreckt. Geschieht dies mit der Handfläche nach außen, handelt es sich um das Victory-Zeichen und man wird im besten Fall verständnislos belächelt. Zeigt die Handfläche zu einem selbst, könnte es ganz schnell Ärger geben, denn dies gilt als obszöne Geste wie bei uns der ausgestreckte Mittelfinger. Und noch eins für den täglichen Gebrauch: So englisch er auch klingen mag, der Begriff Handy stammt aus Deutschland. In Großbritannien weiß kaum jemand, was damit gemeint ist. Die korrekte englische Bezeichnung lautet "mobile phone" oder auch kurz "mobile".

 

Strenge Franzosen

Wer nach Frankreich reist, sollte sich nicht nur auf seine Englischkenntnisse verlassen. Viele Franzosen empfinden die eigene Sprache als Weltsprache und sehen daher gar nicht ein, Englisch zu sprechen – zumal das Verhältnis zu Briten und Amerikanern nicht gerade das allerbeste ist. Daher ist es äußerst empfehlenswert, wenigstens einige Grußformeln und Schlüsselsätze auf Französisch auswendig zu lernen. Die meisten Franzosen wissen es zu würdigen, wenn man versucht, ihre Sprache zu sprechen, ganz egal wie holprig dies gelingen mag. Begrüßungen fallen in  Frankreich oft sehr intensiv mit Küsschen links und Küsschen rechts aus, allerdings ist dies nur unter Verwandten, Freunden und engen Bekannten der Fall. Bei den ersten Begegnungen sollte man sich also körperlich etwas  zurückhalten.

In Frankreich herrschen strenge Tischmanieren, schon das geringste Anzeichen von Schmatzen oder Schlürfen ist  verpönt. Das Blasen in die Suppe, um sie abzukühlen ist genauso ein "No-Go" wie die Benutzung des Begriffs "No-Go". Auch sollte man nicht den Teller anheben, um noch den letzten Rest herauszulöffeln oder die Soßenreste mit dem Brot auftunken. Überhaupt hält man von der typisch deutschen Angewohnheit, alles aufzuessen, was auf dem Teller liegt, nicht viel. Man lässt eher einen kleinen Anstandsrest zurück. Wenig beliebt macht man sich auch, wenn man die Rechnung getrennt bezahlen will, in Frankreich erhält man eine Rechnung für den ganzen Tisch. Und das Trinkgeld hinterlässt man einfach auf dem Tisch oder in einer dafür bereit gestellten Schale oder einem Etui. Also dann: Bon appetit!

 

Einladende Amis

Apropos Bon appetit: Dass man sich gegenseitig einen guten Appetit wünscht, ist in den USA völlig unüblich. Ganz abgesehen davon, dass es im Englischen auch gar keine Entsprechung dafür gibt. Dabei gibt sich der Amerikaner im Allgemeinen sehr jovial und freundschaftlich. Erhält man jedoch von jemandem eine Einladung nach Hause, was sehr leicht vorkommen kann, sollte man nicht sofort darauf eingehen. In den meisten Fällen ist das lediglich ein Ritual, das Offenheit demonstriert. Eine Einladung ist erst dann ernst gemeint, wenn sie konkret mit Ort, Tag und Uhrzeit ausgesprochen wird. Vorstellen tut man sich in den USA übrigens mit den Worten "Hi, I’m Jim", es sei denn, man heißt anders. Dann stellt man sich natürlich mit "Hi, I’m anders" vor. Danach kommt sofort die Frage: "How are you?". Dieses "How are you?" darf aber nicht mit einer echten Frage nach dem Befinden verwechselt werden, es handelt sich lediglich um einen (wichtigen) Bestandteil der Begrüßung. Die korrekte Antwort lautet etwa: "Fine. I’m Karl-Heinz. How are you?"

Das namentliche Vorstellen nimmt in den USA einen hohen Stellenwert ein, gleichzeitig gibt man sich aber eher locker und formlos. Bei der ersten Begrüßung reicht man sich meist die Hand, bei späteren Begegnungen aber nicht mehr. Allgemein berührt man sich in den USA weniger als in Europa. In einem geschäftlichen Kontext läuft das  Begrüßungsritual etwas förmlicher ab. Man spricht sich zunächst möglicherweise mit Mr. Smith oder Mrs. Jones an, wechselt dann aber relativ schnell zum Gebrauch des Vornamens. Selbstverständlich wird auch an amerikanischen Schulen Französisch, Spanisch und manchmal sogar Deutsch gelehrt, dennoch darf man von Amerikanern keinerlei Fremdsprachenkenntnisse erwarten, denn schließlich sprechen sie Englisch und damit anders als die Franzosen wirklich eine Weltsprache.

 

Küssende Spanier

Auch die Spanier haben es nicht so sehr mit Fremdsprachen – aber noch weniger mit Pünktlichkeit, was besonders für Deutsche eine Umstellung bedeutet: Bei Treffen kann man getrost eine Verspätung von bis zu einer halben Stunde einplanen. Für die Zeit zwischen 13.30 Uhr und 16.30 Uhr sollte man sich Termine oder Verabredungen am besten von vornherein abschminken, denn dann wird alles von der traditionellen Siesta erfasst. Die Spanier fliehen in dieser Zeit vor der Nachmittagshitze in die eigenen vier Wände, und das Land fällt für ein paar Stunden in einen tiefen Dornröschenschlaf. Die Geschäfte sind vormittags und am späten Nachmittag bis in den Abend geöffnet. Da der ganze Arbeitsrhythmus der Spanier sich auf diese beiden Tagesblöcke konzentriert, verschieben sich auch die Essenszeiten gegenüber unseren mitteleuropäischen Gewohnheiten um ein bis zwei Stunden nach hinten. Das Abendessen in den Restaurants kommt erst ab 21 Uhr so richtig in Fahrt. Wenn man um 18.30 Uhr ankommt und zu essen wünscht, wird man meist mit verständnislosen Blicken bestraft. Spanier pflegen grundsätzlich die Haltung, dass nicht alles sofort erledigt werden muss, sondern ruhig noch etwas warten kann.

Das Küssen bei der Begrüßung (zuerst rechte Wange, dann linke Wange, der Kuss wird eher angedeutet) ist zwischen Männern und Frauen und zwischen Frauen üblich, wenn man gut bekannt oder befreundet ist. Der Status des guten Bekannten wird einem relativ schnell zuteil und man beteiligt sich dann am besten an diesem Ritual, sonst gilt man als kühl und distanziert. Männer untereinander begrüßen sich normalerweise per Handschlag. Und mit den Worten "Yo soy Karl-Heinz."

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