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17. März 2014  

Hutmacher-Ausbildung

Mut zum Hut

So verschieden wie ihre Kunden sind auch die Hüte, die Lilli in Berlin herstellt: klassisch oder ein bisschen verrückt, aber immer ein Unikat. Die 19-Jährige hat sich für eine spannende Ausbildung mit Seltenheitswert entschieden und wird Hutmacherin. Anna Wessel
Hutmacher Ausbildung

Die Hutmacher-Ausbildung gibt es nicht mehr oft – aber es gibt sie, denn die Qualität handgemachter Hüte ist immer noch gefragt. © www.amh-online.de

"Ab jetzt muss ich schnell sein", sagt Lilli, nimmt eine Filzkappe aus dem kochend heißen Wasser und wringt sie kraftvoll aus. Die zierliche Kölnerin ist 19 Jahre alt und nach Berlin gezogen, um dort eine Ausbildung zur Modistin, also zur Hutmacherin, zu machen. Während sie den festen, unförmigen Filzstumpen dehnt und mit zügigen Bewegungen über eine Form aus glattem Holz zieht, bekommt sie Farbe.

Lilli ist jetzt im zweiten der drei Lehrjahre und eine von bundesweit 18 angehenden Modisten in ihrem Jahrgang. 2012 waren es sogar nur zwölf neu abgeschlossene Ausbildungsverträge, und insgesamt gibt es in Deutschland ganze 45 Modisten-Azubis. "Aber dafür, dass viele Leute denken, es gäbe die Ausbildung zum Hutmacher gar nicht mehr, sind es doch relativ viele!", findet Lilli. Trotzdem reicht es in Berlin nicht für einzelne Klassen, weshalb die Azubis unabhängig vom Lehrjahr gemeinsamen Unterricht haben. Der findet blockweise viermal im Jahr statt und beinhaltet Mathe, Textilkunde und Modegeschichte, aber auch Englisch und Deutsch.

Hutmacher-Ausbildung: Formen, zuschneiden, nähen

Mit dem Arm streicht sich Lilli ein paar Haare aus dem Gesicht und plattiert mit einem Bügeleisen den Filz auf der Holzform. Dass er am Ende ohne Wellen und Beulen eng auf der Form liegt, ist eine Herausforderung, denn formen kann sie den Filz nur, solange er heiß und feucht ist. "Dank einer Steifflüssigkeit, mit der ich ihn vorher getränkt habe, wird er hart wie

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Pappe, wenn er jetzt trocknet", erklärt Lilli und schiebt ihn für die nächste Stunde in einen Ofen. In der Zwischenzeit sucht sie in der Werkstatt einen passenden Stoff zum Beziehen: Am Ende soll ein Damen-Zylinder im Stil des verrückten Hutmachers aus Alice im Wunderland entstehen. Vom Zuschneiden und Nähen hatte Lilli nach der Schule überhaupt keine Ahnung, doch das war kein Problem: Die Grundlagen lernt man in der Ausbildung. Viel wichtiger sind Kreativität, Neugier und die Leidenschaft für das Handwerk. "Ich gehe zum Beispiel gern auf Flohmärkte, weil ich die verschiedenen Stile und die Wertschätzung für Kleider mag, die früher besser hergestellt wurden", sagt sie. Dank dieser Einstellung hat die Chemie zwischen ihr und ihrer Chefin schnell gestimmt.

Kreative Ideen für Kunden schon in der Hutmacher-Ausbildung

Nachdem Hüte fast von der Bildfläche verschwanden, kommen sie inzwischen wieder in Mode, gerade in handgefertigter Qualität. Große Hut-Manufakturen wie in den 30er Jahren gibt es zwar nicht mehr, aber überall auf der Welt gibt es Werkstätten, in denen mit viel Liebe zum Detail alte und neue Kopfbedeckungen hergestellt werden. Dabei hat jeder seine Eigenheiten in der Fertigung. Lilli würde sich gern auch mal die Arbeit in einem Laden nur für Herrenhüte anschauen oder bei einem Betrieb in England arbeiten. Auch die Theater- und Operanfertigungen, die ihr Ausbildungsbetrieb manchmal herstellt, findet sie spannend, denn dort wird noch stärker mit ausgefallenen Materialien und Konstruktionen gearbeitet.

Je nach Saison sind Filz, Stroh und Stoffe das Material, mit dem sie Hüte, Mützen oder sogenannte Fascinator herstellt, einen kleinen, kreativ gestalteten Kopfschmuck mit aufwendiger Garnitur aus Stoffblüten, Spitze oder Federn. Abwechslung bei der Arbeit entsteht außerdem durch die Gespräche mit den Kunden, wenn sie Ideen vorstellt oder Maß nimmt. Lilli hat sich nach dem Abitur bewusst gegen ein Studium entschieden, weil sie praktisch lernen und arbeiten wollte. Natürlich ist sie manchmal neidisch, wenn die Studenten aus ihrer WG bis spät in die Nacht feiern – trotzdem käme tauschen für Lilli nicht in Frage: "Ich liebe meine Arbeit, ich lerne viel und die Zeit vergeht immer wie im Flug."

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