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18. Juni 2009  

Ausbildung mit Abitur

Mitten im Leben

Kaum eine Branche wirbt so intensiv um engagierte Abiturienten wie der Handel. Viele Führungspositionen in Kaufhäusern oder Lebensmittelmärkten werden in den nächsten Jahren neu besetzt. Gute Chancen hat, wer mitdenkt, aber auch zupacken kann. So wie Martin Maicher, der gerade das Abiturientenprogramm bei REWE durchläuft. Stefan Holzbrecher
Martin ist Azubi bei Rewe. © Moritz Muschenich

Martin ist Azubi bei Rewe. © Moritz Muschenich

Martin Maicher hat gerade hunderte Euro in der Hand, als plötzlich alle gleichzeitig etwas von ihm wollen. An den Kassen des Supermarkts ist Schichtwechsel, und gleich drei Mitarbeiterinnen möchten, dass Martin die Bestände ihrer Geldkassetten kontrolliert. Ein Techniker, der Überwachungskameras gewartet hat, steht ungeduldig daneben, er braucht noch Unterschrift und Stempel. Und Martins Chef möchte wissen, ob die Preistafeln für ein neues Sonderangebot schon ausgedruckt sind, bevor er sich in die Mittagspause verabschiedet. Im Marktleiterbüro, in dem Martin vor der Geldwaage steht, wird es plötzlich ganz schön eng.

Trotz des Trubels bleibt Martin gelassen. Er rechnet weiter die erste Kasse ab, sperrt das Geld in den Tresor und unterschreibt dann die Formulare des wartenden Technikers. Als der gegangen ist, zeigt er dem Marktleiter die längst fertigen Preistafeln und wendet sich dann an die anderen Kassiererinnen: "Wessen Kasse soll ich denn als nächstes machen?“

Martin arbeitet in einer Düsseldorfer Filiale der Einzelhandelskette REWE und ist dort so genannte Drittkraft: Nach dem Marktmanager und dessen Stellvertreter trägt er die meiste Verantwortung – und das mit gerade mal 27 Jahren und ohne vorher studiert zu haben. Nach seinem Abi hatte er sich zwar zunächst an der Uni eingeschrieben, dort aber schnell gemerkt, dass ihm das Studium der Wirtschaftspädagogik zu theoretisch ist. Er suchte nach Alternativen, und da er bereits als Schüler regelmäßig in einem REWE-Markt gejobbt hatte, entschied er sich für ein verkürztes Ausbildungsprogramm, das das Unternehmen für Abiturienten anbietet: In nur 18 Monaten absolvierte er die Ausbildung zum Kaufmann im Einzelhandel, und demnächst wird er ein Weiterbildungsprogramm besuchen, das ihn auf eine Position als Marktmanager vorbereitet.

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Auch jetzt ist er manchmal schon Chef: Von 7 bis 22 Uhr können die Kunden zum Einkaufen kommen, und das Führungs-Trio aus Marktmanager, Stellvertreter und Martin als Drittkraft teilt sich die Aufgaben, die über die langen Tage verteilt zu erledigen sind.

Zwischen Frischetheke…

Heute morgen war Martin beispielsweise einer der ersten. Um sechs Uhr hat er bereits die Obst und Gemüsetheken kontrolliert, anschließend die Bestände im Tresor gezählt und die Geldkassetten für die Kassiererinnen vorbereitet. Um sieben hat er die Türen für die Kunden geöffnet und sich dann vergewissert, dass mit der gerade frisch angelieferten Ware alles in Ordnung ist. Beim Einräumen der Produkte hat er darauf geachtet, dass seine Kollegen Kartons, Dosen oder Gläser nicht gedankenlos in die Regale schieben, sondern mitdenken: "Wenn wir erfolgreich verkaufen möchten, müssen wir darauf achten, nicht nur möglichst viele verschiedene Artikel im Sortiment zu haben, sondern diese auch gut zu präsentieren“, sagt Martin. "Wenn etwas mal ausverkauft ist, sollte zum Beispiel keine hässliche Lücke im Regal entstehen.“ Am wichtigsten ist die Warenpräsentation bei der Obst- und Gemüsetheke. Äpfel, Bananen oder Gurken landen nicht zufällig in den Kisten, sondern werden so arrangiert, dass möglichst viele Kunden Lust darauf bekommen und zugreifen: "Obwohl dies eine eher kleine Filiale ist, können wir beim Umsatz mit vielen größeren mithalten“, sagt Martin, "und wir strengen uns an, damit das auch so bleibt.“

…und Büro

Wenn Martin im Laufe des Vormittags mit den täglichen Arbeiten zwischen Theken und Regalen fertig ist, geht es für ihn oft im Büro weiter: Jeden Tag werden online fehlende Waren nachbestellt, Bestandslisten kontrolliert oder Präsentationen für kommende Sonderangebote vorbereitet. Stundenlanges Starren auf den Bildschirm kennt er jedoch nicht: Immer wieder klingelt das Telefon, oder Kollegen kommen mit einer Frage oder einer Bitte herein. Genau das, der tägliche Umgang mit Menschen, ist es, was Martin an seinem Job am meisten mag: „Nicht nur der Kontakt zu den Kollegen ist mir wichtig, sondern auch der zu den Kunden“, sagt er. "Jeden Tag kommen zwischen tausend und zweitausend Leute hier rein. Viele erkennt man nach ein paar Besuchen schon wieder, manchmal entsteht sogar ein kurzer Smalltalk."

Welchen Karriereweg Martin künftig einschlagen möchte, weiß er noch nicht genau. Viele der Manager in der Zentrale des Unternehmens haben ihre Karriere mit einer Ausbildung in einer der Filialen begonnen, und auch Martin hätte diese Möglichkeit. Wahrscheinlich wird er seinem Arbeitsplatz jedoch treu bleiben und vielleicht in einigen Jahren als Marktmanager eine REWE-Filiale leiten: "Hier bin ich einfach mitten im Leben, und das macht mir Spaß."

 Die REWE Abiturientenausbildung

"1000 neue Führungskräfte“ sucht REWE nach eigenen Angaben. Insbesondere Abiturienten möchte das Unternehmen zu künftigen Marktmanagern, Partnerkaufleuten oder anderen Führungskräften ausbilden. Auszubildende mit Abi können vier Ausbildungsphasen durchlaufen: Am Beginn steht die Ausbildung zur Kauffrau oder zum Kaufmann im Einzelhandel mit IHK Abschluss nach nur 18 Monaten. Wer gute Noten und Beurteilungen hatte, kann sich in weiteren 22 Monaten zum Handelsfachwirt weiterbilden und/oder zahlreiche Seminare besuchen, in denen beispielsweise Kenntnisse in Filialverwaltung, Arbeitszeitmanagement oder Mitarbeiterführung vertieft werden. Nach Tarifvertrag des Einzelhandels (NRW )verdienen Auszubildende zwischen 622 (1.Jahr) und 791 (3. Jahr) Euro. Die Gehälter von Auszubildenden des REWE Abiturientenprogramms liegen nach Angaben des Unternehmens über den tarifvertraglich vereinbarten. Ähnliche Ausbildungsmodelle für Abiturienten bieten auch andere Handelsunternehmen an.

Schlagworte:
 
Ausbildung mit AbiturHandelFührungskraft

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