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11. November 2008  

Pilotenschulen

Gute Chancen für Überflieger

Fliegen ist nach wie vor der größte Traum der Menschen, der mangels Flügeln wohl nie in Erfüllung gehen wird. Trösten kann eine Fluglizenz, die gleichzeitig auch für gute Arbeitsmarktchancen sorgt. Claudia Reich

Temperaturen von über 40 Grad Celsius sind in Phoenix, der Hauptstadt von Arizona, keine Seltenheit. Aber daran hat sich Sebastian schon gewöhnt und sitzt an der Flugplanung für den nächsten Tag. Sebastian absolviert einen Nachwuchsflugzeugführer- Lehrgang (NFF-Lehrgang) bei der Lufthansa AG. Und wenn alles gut läuft, hält er in ungefähr einem Jahr die Berufsflugzeugführer-Lizenz CPL(A)/IR und die Airline Transporter Pilot License (ATPL) in den Händen: „Der Schritt vom Fußgänger zum Verkehrspiloten innerhalb von 23 Monaten bedeutet zwar viel Arbeit und viel Lernen, aber man hat ein tolles Ziel vor Augen", sagt er.

Die Flugberechtigung ist für viele ein Traum, aber Gerüchte um die Bewerbungsvoraussetzungen an Flugschulen schrecken ab. Ein beliebtes Ammenmärchen behauptet etwa, Piloten müssten 100 Prozent Sehstärke vorweisen können. Innerhalb der vom Luftfahrtbundesamt (LBA) definierten Voraussetzungen gibt es bundesweit keine einheitlichen berufsspezifischen Tests. Die Details unterscheiden sich genauso von Flugschule zu Flugschule wie später die Einstellungstests von Airline zu Airline.

Kein Grund, zurückzuschrecken

Gunnar Carino, Ausbildungsleiter bei com:fly, fasst das dortige Prozedere zusammen: „An erster Stelle steht die flugmedizinische Untersuchung, das so genannte Medical. Dann benötigen wir noch einen Nachweis über Kenntnisse in Mathe, Physik und Englisch sowie einen Auszug aus dem Verkehrszentralregister.“

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Der Gesundheitscheck kann übrigens nur bei bestimmten Stellen durchgeführt werden. Daher empfiehlt Sonja Müller von der Deutschen Verkehrsfliegerschule (DVS) ihren Bewerbern, sich frühzeitig um einen Termin zu bemühen. 

Die Überprüfung der Mathe-, Physik- und Englischkenntnisse nimmt bei der com:fly der Ausbildungsleiter in die Hand. Der Test ist kostenfrei und nach Einschätzung von Carino kein Grund, vor einer Pilotenausbildung zurückzuschrecken: „Bei Fächern wie Triebwerkkunde und Aerodynamik handelt es sich schließlich nicht um so abstrakte Physik, wie sie oft in der Schulzeit vorkommt. Alles dreht sich ums Flugzeug und kann in der Praxis leicht nachvollzogen werden.“

Neben fachlicher Kompetenz und körperlicher Fitness kommt es auch auf soziale Fähigkeiten an. Nach rund zehn Monaten Lehrgang sagt Sebastian: „Die Arbeit in modernen Cockpits ist heute vor allem Teamwork.“ Seine Crew könne sich schließlich kein Pilot selbst aussuchen und deshalb müsse er in der Lage sein, mit den unterschiedlichsten Menschen zuverlässig zusammenzuarbeiten.

Hohe Ausbildungskosten

Eine große Hürde bei der Pilotenausbildung sind die Kosten von rund 60.000 Euro. Bewerbungsvoraussetzungen wie das Medical oder der Erste-Hilfe-Kurs müssen zusätzlich bezahlt werden, so kommen allein bei der flugmedizinischen Untersuchung noch mal 420 bis 600 Euro dazu. Bei der Lufthansa zahlen die Flugschüler lediglich einen Teil der Schulungskosten. Die erste Ratenzahlung wird zudem erst etwa ein halbes Jahr nach Beginn der Arbeit im Linienbetrieb fällig. Und sollte – was selten vorkommt – ein Schüler die Ausbildung nicht vollständig abschließen, muss er die Schulungskosten nicht zurückzahlen. Ein Großteil der Flugschulen arbeitet auch mit Kreditinstituten zusammen, die spezielle Finanzierungsmöglichkeiten für Flugschüler anbieten.

Angesichts der hohen Ausbildungskosten kommen oft nicht nur die Banken, sondern auch die Bewerber selbst ins Grübeln. Doch Gunnar Carino beruhigt: „Die Abbruchquote in unseren Lehrgängen liegt bei null.“ Das liege zum einen am Auswahlverfahren, zum anderen an der intensiven Betreuung durch die Ausbildungsleiter.

Flying Bachelor

In Zukunft können auch Studenten der Internationalen Fachhochschule Bad Honnef bei Bonn abheben. Seit 2007 bietet sie zusammen mit dem Aviation Training Center (ATC) den „Flying Bachelor“ an. „Die Verbindung von einem akademischen Abschluss und der ATPL während der sechs Semester ist eine bisher einzigartige Studienkombination“, so Nadine Zimny, Sprecherin der Fachhochschule. Das Studium ist auf Englisch und zeichnet sich durch einen starken Praxisbezug aus. 

Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Bewerber, die schon eine Fluglizenz besitzen, müssen nicht die gesamten Ausbildungskosten von 40.000 Euro für die ATPL berappen: Die bereits absolvierten Flugstunden und theoretischen Kenntnisse werden angerechnet. Neben den Voraussetzungen für die Pilotenausbildung müssen die Bewerber für den „Bachelor in Aviationmanagement“ noch den Eignungstest der Fachhochschule bestehen. Nadine Zimny erklärt den Vorteil des „Flying Bachelors“: „Piloten haben das Risiko, durch Unfall oder Erkrankung ihre Lizenz zu verlieren. Für diesen Fall bietet die akademische Ausbildung ein zweites Standbein im Berufsleben.“

Frau am Steuer

Die Frage nach der beruflichen Sicherheit oberhalb der Wolken ist berechtigt. „Ereignisse wie der 11. September oder auch die Vogelgrippe haben damals die Anzahl der Flüge merklich zurückgehen lassen und die Luftfahrtbranche hart getroffen“, so Theodor Konertz von der DVS. Doch dies seien Ausnahmesituationen. „Die Branche boomt“, erklärt Gunnar Carino von com:fly und verrät den Trend, „Studien zufolge wird die Anzahl der in Amerika und Europa eingesetzten Flugzeuge bis 2017 um das Doppelte, also rund 26.000 Flugzeuge ansteigen." Das bedeute natürlich auch einen wachsenden Personalbedarf, der in den kommenden Jahren gedeckt werden will.

Da passt es gut, dass auch immer mehr Frauen ihre Leidenschaft für die Fliegerei entdecken. Sonja Müller von der DVS bestätigt diesen Trend: „Es kommt immer häufiger vor, dass Frauen eine Pilotenausbildung abschließen. Aktuell haben wir eine Absolventin, die nun die ganz großen Brummer bei Germanwings fliegt.“ Selber fliegen ist eben immer noch am schönsten.

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