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19.05.2014  
Beratung bei Problemen in der Ausbildung

„Die Jungen können aus unseren Fehlern lernen“

Jeder fünfte Azubi bricht seine Ausbildung ab. Deshalb bietet die Initiative zur Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen (VerA) allen, die Probleme haben, eine persönliche Unterstützung an – durch Fachkräfte im Ruhestand. Wir haben uns mit Susanne Beyer, Regionalkoordinatorin der Initiative für die Stadt Köln, über das Projekt unterhalten. Interview: Patrick Agis-Garcin

Was ist VerA und wie funktioniert eine Ausbildungsbegleitung?

Bei Problemen und Stress in der Ausbildung können sich Azubis bei der Initiative zur Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen und Unterstützung von Jugendlichen (VerA) melden. Die Initiative stellt allen Interessenten einen persönlichen Ausbildungsbegleiter zur Seite. Dabei handelt es sich um ehrenamtliche Fachkräfte im Ruhestand. Azubi und Mentor treffen sich in regelmäßigen Abständen. Rund 1.000 ehrenamtliche Ausbildungsbegleiter sind bundesweit für die Initiative aktiv. Eine Ausbildungsbegleitung ist kostenlos und zunächst auf ein Jahr begrenzt, kann aber bei Bedarf bis zum Ende der Ausbildungszeit verlängert werden. Die Initiative wurde 2009 vom gemeinnützigen Senior Experten Service (SES), dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) sowie den Kammern ins Leben gerufen. Seitdem wurden rund 3.500 Ausbildungsbegleitungen in Anspruch genommen.

Ausbildungsberatung Ausbildungsbegleitung Initiative Vera

Frau Beyer, was sind die häufigsten Probleme, aufgrund derer sich Azubis bei der Initiative VerA melden?
Zum einen die Lerninhalte in der Berufsschule, oft aber auch Konflikte im Betrieb und in der Berufsschule. Bei Azubis mit Fachhochschulreife gibt es unserer Erfahrung nach vor allem Konflikte mit den Chefs. Nach meiner Wahrnehmung haben Frauen aus unterschiedlichen Gründen häufiger Probleme mit ihren Vorgesetzten.

Was müssen Jugendliche tun, die Probleme in der Ausbildung haben und den Wunsch nach einer Ausbildungsbegleitung haben?
Die Azubis können sich über einen Anmeldebogen postalisch oder online bei der Initiative VerA melden. Dabei kreuzen sie im Vordruck an, um welche Probleme es überhaupt geht. Die Mitarbeiter des SES beantworten die Anfrage und suchen sofort nach einem passenden Ausbildungsbegleiter. All das passiert zeitnah und dauert in der Regel nicht länger als 14 Tage. Im nächsten Schritt kommt es zu einem ersten Kontakt zwischen dem Ausbildungsbegleiter und dem Azubi. Ein persönliches Treffen wird anschließend an einem neutralen Ort vereinbart – zum Beispiel im Café, Sportverein oder Berufskolleg.

Zur Person: Susanne Beyer

Susanne Beyer (66), aus Solingen, hat fast 40 Jahre lang als Lehrerin an einem Berufskolleg gearbeitet. Nach dem Ruhestand wurde sie durch einen Zeitungsartikel auf die Initiative VerA aufmerksam. Mittlerweile ist sie als Regionalkoordinatorin der Initiative für Köln und Solingen aktiv.

Azubi und Ausbildungsbegleiter legen gemeinsam Ziele für die wöchentlichen Treffen fest. Was könnte das zum Beispiel sein?
Ich begleite zurzeit eine junge Muslima, die Mutter von zwei Kindern ist und große Probleme mit dem Verständnis der deutschen Sprache hat. Das ist fatal, denn sie macht eine Ausbildung zur Sozialhelferin und hat dabei immer mit "Fach"-Sprache zu tun, zum Beispiel in der Biografie-Arbeit.  Das gemeinsame Ziel ist der Abbau des sprachlichen Defizits. Deshalb führt sie jetzt ein Tagebuch und übt dabei, ihre Gefühle auszudrücken.

Nach welchen Kriterien werden Azubis und Ausbildungsbegleiter zusammengebracht?
Wir berücksichtigen zum einen die fachliche Seite, also aus welchem Fachbereich der Azubi kommt und ob wir einen passenden Ausbildungsbegleiter haben. Auch die regionale Nähe ist entscheidend:  Wir haben die Regel aufgestellt, dass mehr als 20 Kilometer Entfernung für beide Seiten nicht zumutbar sind. Ein weiteres Kriterium ist natürlich, dass die Chemie zwischen dem Azubi und dem Ausbildungsbegleiter stimmen muss. Wenn das nicht der Fall sein sollte, wird die Ausbildungsbegleitung beendet und ein neues Tandem gebildet.

Gibt es bestimmte Berufe oder Ausbildungsbereiche, in denen die Hilfe der Initiative VerA besonders oft benötigt wird?
Ja, die gibt es. So taucht zum Beispiel der Einzelhandel häufig auf – aber das liegt sicher auch daran, dass es in diesem Bereich sehr viele Azubis gibt. Ansonsten sind es Berufe, in denen den Azubis viel abverlangt wird, was die Arbeitszeiten und das Arbeitspensum angeht, zum Beispiel Serviceberufe wie Köche oder Restaurantfachleute.

Die Ausbildungsbegleiter sind pensionierte Fachkräfte, die eigentlich ihren Ruhestand genießen könnten. Was treibt sie dazu an, Azubis unter die Arme zu Greifen?
Sie hatten viel Freude an ihrer beruflichen Tätigkeit und möchten ihr Wissen und ihre Erfahrung gerne weitergeben. Außerdem lernen sie auch von den Azubis – das gilt auch für mich selbst. Es macht mir einfach Freude, zu sehen, dass wir Probleme gemeinsam lösen können. Mich fasziniert das Motto des SES, "Zukunft braucht Erfahrung" – was wir Alten gelernt und durchgemacht haben, kann den Jungen nützen, denn sie können aus unseren Fehler lernen.

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