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31. Juli 2012  
Steffens UNIversum vom 31. Juli 2012

Später Sieg des Geschichtsunterrichts

Deutsche Schüler haben keine Ahnung von Geschichte, und unser Blogger Steffen hat das geahnt – schließlich hat ihm die Überpräsenz der Nazis im Klassenraum selbst jahrelang die Neugier auf die Vergangenheit genommen.
Studentenleben

Die Geschichte kennen, um die Gegenwart zu verstehen – weise Worte, deren Sinn sich unserem Blogger Steffen so richtig erst nach der Schule erschlossen.

Während der Schulzeit habe ich mich nie sonderlich um Geschichte gekümmert. Ich habe mich immer gefragt: Warum soll ich etwas lernen, das in der Vergangenheit passiert ist, wenn ich doch im Hier und Jetzt lebe? Deswegen habe ich mich auch kaum gewundert, als vergangenen Monat die Studie "Später Sieg der Diktaturen?" das miserable Geschichtswissen deutscher Schüler monierte.

Hätte ich damals an einer solchen Studie teilgenommen, hätte ich wohl auch nicht besonders gut abgeschnitten. Denn der Geschichtsunterricht hing mir spätestens in der Oberstufe zum Hals raus. Spätestens, als ich zum gefühlt einhundertsten Mal die Zeit unter dem Nazi-Regime durchnahm. Mir war damals natürlich klar, dass das schon wichtig sei, aber der Bildungs-Overkill zu diesem Thema ließ mich einfach abschalten.

Der Kragen platzte mir schließlich im Deutschunterricht: Wir mussten "Der Vorleser" von Bernhard Schlink lesen, jenes Buch, das im ersten Teil eine Affäre zwischen einem Jungen und einer älteren Frau behandelt. Das war mal etwas anderes als die ganze klassische Schulliteratur. Mir gefiel es. Bis auf Seite 83 der zweite Teil begann. Wieder ging es um Konzentrationslager, Juden und Nazis. Ich sagte meinem Deutschlehrer, mir habe das Buch eigentlich gut gefallen – bis es eben schon wieder um Nationalsozialismus ging. Ich weiß noch ganz genau, wie sichtlich überrascht er damals war.

Er fragte mich, ob ich das wirklich ernst meine. Ich bejahte das. Kein Mitschüler oder Mitschülerin erhob Einwände. Ich weiß nicht, ob diese Situation etwas in meinem Deutschlehrer bewegt hat, aber in seinem Kurs habe ich nie wieder eine Lektüre über die NS-Zeit lesen müssen.

Diese Abneigung gegenüber allem, was zwischen 1930 und 1945 in Deutschland passiert ist, hält sich leider bis heute. Ich habe Geschichtsmagazine zu Themen wie "Martin Luther", "Stalin", "Napoleon", "Die Industrialisierung" und "Dreißigjähriger Krieg" gelesen. Um alle Hefte aber, die auch nur ansatzweise mit Nationalsozialismus in Deutschland verknüpft sind, mache ich einen großen Bogen. Ich selbst finde das schade, denn ich müsste noch viel mehr über die Vergangenheit wissen.

Als Schüler habe ich nämlich nie erkannt, wie bedeutsam Geschichte überhaupt ist. Ich habe nie verstanden, dass ich erst die Vergangenheit kennen muss, um die Gegenwart zu verstehen – genauso wie ich einen Menschen nur dann verstehen kann, wenn ich weiß, wie er aufgewachsen ist und was er durchlebt hat. Die Geschichte ist quasi das gemeinsame Erlebnis einer Gesellschaft. Sie bestimmt, warum die Gesellschaft so ist, wie sie ist.

Und die Zeit unter dem Nationalsozialismus ist das gemeinsame Trauma der deutschen Gesellschaft. Um das zu verarbeiten, wird ständig darüber geredet, nicht nur in der Schule, sondern auch im Fernsehen, Radio, Internet oder in der Zeitung. Es ist eine Art gemeinsame Therapie. Ich persönlich spüre aber nicht die emotionale Bindung zu dieser Zeit, wie sie ältere Generationen spüren. Für mich ist das Thema nur eines: Geschichte. Es ist jedoch wichtig, diese Geschichte zu kennen – nicht nur, um die Gegenwart zu verstehen, sondern auch um Fehler der Vergangenheit in Zukunft zu vermeiden.

Bis zum nächsten Mal,

Euer Steffen

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