Mit der Balkönomie aus der Krise
Es ist Sommer, doch aufgrund akuter Balkonlosigkeit führt unser Blogger Steffen in seiner Wohnung ein Schattendasein – ein Notstand, der über kurz oder lang der gesamten Bundesrepublik zum Verhängnis werden könnte.
Ich will einen Balkon. Mehr brauche ich wirklich nicht. Nur einen Balkon. Wenn draußen die Sonne scheint und ich arbeitend vor meinem Computer sitze, schaue ich sehnsüchtig nach draußen. Und wenn ich was für die Uni lesen muss, dann öffne ich mein Fenster und setze mich auf die Fensterbank, um mir zumindest die Illusion zu geben, ich säße draußen. In den Park fahren kann ich nicht, weil ich nicht alle meine Unterlagen mit mir herumschleppen will. Außerdem muss ich mich hin und wieder an meinen Schreibtisch setzen, um konzentriert arbeiten zu können. Auf einer Liegewiese werde ich viel zu leicht abgelenkt.
Ein Balkon – er muss nicht groß sein – mit einem Tisch und einem Stuhl davor wäre momentan genau das Richtige. Ich könnte mein Frühstück draußen genießen, an der frischen Luft arbeiten, mir in der Küche einen neuen Kaffee aufsetzen und mir mittags schnell was zu Essen kochen. Ich könnte die Sonne genießen und muss dafür meine Wohnung nicht verlassen. Es wäre einfach zu schön. Doch ich habe nun einmal keinen Balkon. Ich weiß: Da bin ich nicht der Einzige. Und ich glaube: Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem.
In den Medien tauchen immer wieder Studien auf, die die Kosten eines Gesellschaftsproblems beziffern. Steuerhinterziehung, Lehrermangel, zu viel oder zu wenig Bürokratie, Energiewende, Griechenland etc. kosten Deutschland nach irgendwelchen Berechnungen Milliardensummen. Doch ich habe keine Studie gefunden, die sich damit auseinandersetzt, wie sich der Balkonmangel im Sommer auf die Produktivität der deutschen Volkswirtschaft auswirkt. Dabei wäre das extrem wichtig zu wissen.
Man denke nur an all die Büroarbeiter, die stundenlang aus dem Fenster schauen und sich nicht auf ihre Arbeit konzentrieren können, weil draußen die Sonne lockt. Oder an die Studenten, die wegen des schönen Wetters nicht in der Bibliothek lernen und dadurch ihre Regelstudienzeit überschreiten. Wenn jedes Büro-Hochhaus und jede Uni-Bibliothek ausreichend Balkonfläche hätte, dann würden die Menschen bei Sonnenschein doch viel lieber arbeiten und lernen. Sie würden vielleicht alles ein wenig leichter nehmen, kreativer sein und dadurch Arbeitsprozesse verfeinern. Auch der Umgang wäre ein anderer, wenn man nicht in einem Großraumbüro, sondern auf einem Großraumbalkon zusammensitzt. Und es ist doch viel schöner, wenn man nicht ins Büro des Chefs diktiert wird, sondern auf seinen Balkon – wobei: je nach Chef und Stockwerk könnte das auch gefährlicher sein.
Trotzdem: Ich glaube, diese Balkönomie, wie der Wirtschaftswissenschaftler sagen würde, wäre ein Durchbruch in der Arbeitswelt und würde einen unheimlichen Produktivitätsschub bringen. Ich bin mir sicher: Hätte die Bundesregierung in der Krise nicht mit der Abwrackprämie die Auto-Industrie unterstützt, sondern hingegen den Balkon-Ausbau in ganz Deutschland subventioniert, hätte das dem Wirtschaftswachstum langfristig deutlich mehr genützt. Und selbst wenn ich mit der Wirkung dieses Konjunkturprogramms falsch gelegen hätte – so hätte ich jetzt wenigstens einen Balkon.
Bis zum nächsten Mal,
Euer Steffen
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