Kommunikation
Steffen glaubt, dass der Walkman von Bahnfahrern erfunden wurde, die sich vor dem Anlabern durch andere Fahrgäste schützen wollten.
Früher, als es noch keine Handys und MP3-Player gab, ist nicht jeder mit Ohrstöpseln durch die Fußgängerzone gelaufen und hat sich so von der Außenwelt abgeschottet. Früher, da haben sich die Menschen in der Bahn nicht über ihre Handys gebeugt und ihre Umgebung vollkommen ignoriert. Ja, im Jahre Neunzehnhundert-Irgendwas – also eben "Früher" – da haben sich die Leute nicht mit ihren technischen Gerätschaften, sondern mit ihren Mitmenschen beschäftigt!
So geht die Geschichte – und blendet oft aus, dass es schon früher Zeitungen und Bücher gab, hinter denen sich die Leute in der Bahn versteckt haben. Und auch, dass die Leute früher nicht unbedingt redseliger und offener gegenüber Fremden waren als heute.
Die folgende Situation hat es bestimmt auch schon "früher" gegeben: Da sitze ich ganz gemütlich in der Bahn, lese mein Buch – und plötzlich quatscht mich jemand von der Seite an. Einfach, weil das ja so kommunikativ und menschlich ist. Schon nach den ersten Sätzen merke ich aber, dass mein Gegenüber wahrscheinlich kein Buch oder Zeitung dabei hat (oder einfach lesefaul ist) und deswegen mir eine Unterhaltung zu seiner Unterhaltung aufzwängen möchte – auch wenn ich überhaupt keine Lust darauf habe. Doch ich möchte nicht unhöflich sein, betreibe ein wenig Small Talk und hoffe, dass dieser bald vorbei ist.
Ich war und bin bestimmt nicht der einzige, der unter so etwas leidet. Daher glaube ich, einige Menschen hielten das irgendwann nicht mehr aus und wollten sich vor Dampfplauderern in der Bahn schützen – und erfanden deshalb Kopfhörer und Walkman. Allerdings rüstete die redselige Gegenseite ebenfalls auf und machte das Handy zur Massenware: Mit dieser Neuerung konnten die Personen der Kommunikativ-Fraktion zu jeder Zeit und an jedem Ort ihre Genossen mit ihren privaten Geschichten beglücken – und nebenbei noch die Menschen um sie herum beschallen.
Neulich, als ich mal wieder in der Bahn saß und lesen wollte, hat neben mir eine junge Frau über eine Dreiviertelstunde mit einer anderen Person – offenbar ihrem Freund – darüber gesprochen, dass sie sich viel zu wenig sehen würden, dass es gerade nicht so gut laufe, dass er sich mehr anstrengen könne, dass der letzte Kinobesuch schon über zwei Wochen her sei und dass sie das alles gerade ganz doof finde. Ich bekam das alles zwangsweise mit, weil ich keine Defensiv-Geräte (MP3-Player + Kopfhörer) dabei hatte. Und da wurde mir klar: Heute gibt es viel mehr Kommunikation als "früher". Denn dank der technischen Neuerungen erfährt man heute viel mehr über sein Sitznachbar, als jemals zuvor. Und dazu gehören leider auch Dinge, die man gar nicht wissen will.
Dieser Grundkonflikt ist schon alt, es ist der Kampf zwischen den Mitteilungs- und den Ruhebedürftigen. Doch nun hat dieser mit Handys und MP3-Playern eine neue Dimension erreicht. Und das Wettrüsten geht wohl noch weiter: Mir persönlich graut es schon davor, wenn Video-Telefonie zum Standard wird.
Bis zum nächsten Mal,
Euer Steffen
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