Im Bett an die Elite-Uni
Ausschlafen und fürs Studium nicht das Bett verlassen – ein oft gehegter Studentenwunsch, der sich dank E-Learning ausgerechnet an der renommierten Yale University erfüllt. Unser Blogger Steffen hat's ausprobiert.
Einmal in der Woche studiere ich an der US-amerikanischen Elite-Universität Yale. Ich besuche die Vorlesung "Financial Markets" von Professor Robert J. Shiller und absolviere Multiple Choice Tests, die mein Wissen abfragen. Es ist eine angenehme Vorlesung, ich kann einfach im Bett liegen bleiben, muss noch nicht einmal geduscht haben. Ich muss einfach nur meinen Computer einschalten. Die Universität Yale, die sonst so extrem hohe Ansprüche an ihre Bewerber stellt und mindestens genauso hohe Studiengebühren verlangt, hat unter dem Namen "Open Yale" [http://oyc.yale.edu/] einige ihrer Kurse ins Internet gestellt – vollkommen umsonst. Und ich schaue mir einen davon recht regelmäßig an.
Professor Shiller hält seine Vorlesung wie immer in einem Hörsaal, in dem Studenten der Yale University sitzen. Einzige kleine Änderung: Eine Kamera zeichnet die Veranstaltung auf, und das Video wird sowohl auf die universitätseigene Plattform als auch bei YouTube und iTunes hochgeladen. So kann sie jeder ansehen. Dazu gibt es diverse Aufsätze, Multiple Choice Tests zur Selbstüberprüfung und weiterführende Links. Einige Lehrmaterialien muss man sich aber dennoch kaufen – darunter ist auch zufälligerweise das Buch von Professor Shiller. Daran sieht man: Mit Finanzen kennt er sich aus.
Diese Art des Lernens fällt unter dem Begriff E-Learning, also elektronisches Lernen. Dabei hat sich an sich nicht viel am Lehr- und Lernstil geändert: Eine Vorlesung ist immer noch eine Vorlesung; der Dozent redet, die Studenten lauschen. Es ist das gleiche Prinzip wie vor Hunderten von Jahren, nur eben jetzt im Netz. Doch ist das wirklich schlimm? Ich finde nicht. Es ist doch geradezu wahnsinnig genial, dass ich einer Yale-Vorlesung beiwohnen kann, ohne in den USA leben oder Unmengen an Studiengebühren berappen zu müssen. Man stelle sich vor, jede Uni würde das mit ihren besten Veranstaltungen tun: Es wäre Werbung für die Unis und Bildung für alle zugleich.
Meiner Ansicht nach geht es beim E-Learning nicht in erster Linie darum, neue Unterrichtsmethoden zu entwickeln, die eine Internet-Grundkompetenz erfordern, die bei vielen noch nicht vorhanden ist. Es geht darum, möglichst vielen Menschen überhaupt die Möglichkeit zu geben, sich weiterzubilden. Dieser Überzeugung ist auch der ehemalige Stanford-Professor Sebastian Thrun: Er hat seinen Job bei der US-Uni an den Nagel gehängt und bietet auf der Website Udacity [http://www.udacity.com/] Seminare zum Thema Künstliche Intelligenz an. Kostenlos. Das Projekt finanziert er hauptsächlich aus seinem Privatvermögen. Da kann ich nur sagen: Respekt!
Doch so sehr ich Internet-Kurse schätze, sie können nicht mit einem Studium an einer realen Universität mithalten: Studieren heißt eben nicht nur, sich Wissen anzueignen. Viel wichtiger als die Vorlesungen und Seminare selbst sind die Diskussion und Gespräche mit anderen Studenten und Dozenten, die ich bei einem Kaffee oder Bier geführt habe. Ein Chat ist da einfach nicht dasselbe. Und wenn ich mir vorstelle, ich hätte meine ganze Studienzeit nur vor dem PC verbracht, hätte ich wohl auf viele Erlebnisse und Freundschaften verzichten müssen. Aber – und da schlägt schon der "Financial Markets"-Kurs an – ich hätte wohl auch bedeutend weniger Geld für Kaffee und Bier ausgegeben.
Bis zum nächsten Mal,
Euer Steffen
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