feedback
Home
21. Februar 2012  
Steffens UNIversum vom 21. Februar 2012

Eiserne Hochzeit

Die Ehe von Steffens Großeltern ist älter als die Bundesrepublik und so alt wie 2,5 Mal Steffen.

Vor 65 Jahren gaben sich meine Großeltern bei minus 20 Grad und selbstgebranntem Schnaps das Ja-Wort. Seitdem sind sie verheiratet. Seit 65 Jahren. Dass muss ich einfach noch einmal betonen: 65 Jahre. 

So etwas nennt sich dann Eiserne Hochzeit. Das bedeutet, sie sind länger verheiratet als es die Bundesrepublik Deutschland gibt. Ich finde, dass solche Zeiträume nur sehr schwer nachzuvollziehen sind. Ich versuche, mir vorzustellen, wie ich mein ganzes Leben noch einmal leben würde – und selbst dann könnte ich noch lange nicht die 65 Jahre voll machen. Wenn ich dann noch bedenke, wie sich schon in den 26 Jahren, die es mich jetzt gibt, die Welt verändert hat, fällt es mir noch schwerer, mir diese Zahl begreiflich zu machen.

Die Ehe von meiner Oma und meinem Opa hat sieben Bundeskanzler und zehn Bundespräsidenten überdauert; keine Neuwahl, keine Währungsreform und keine Wirtschaftskrise haben ihren persönlichen Bund gestört. Die Ehe lief immer weiter – wohl auch mit Höhen und Tiefen, aber sie lief. 65 Jahre lang. In einer Zeit, in der das eine Superlativ das nächste jagt und Menschen Rekorde brechen, nur damit später wieder ein anderer sie übertrifft, sind meine Großeltern für mich eine wohltuende Konstante in einer hektisch sich selbst überschlagenden Welt.

Seit ich denken kann, waren sie da, für mich, für meinen Bruder, für meine Eltern, für meine Cousins und Cousinen, für meine Tanten und Onkel. Und wir für sie. Das alles wirkt so selbstverständlich, so natürlich, so, als ob es gar nicht anders sein könnte. Doch nichts ist selbstverständlich, und ganz sicher auch nicht, dass zwei Menschen sich 65 Jahre lang die Treue halten. Vieles nehme ich einfach so hin, ohne darüber nachzudenken. Sei es das Privileg, dass ich studieren kann, was ich möchte, oder dass ich in einem Land lebe, das von Krieg auf eigenem Boden seit Jahren verschont geblieben ist. Das sind alles Dinge, die so selbstverständlich erscheinen, dass ich sie gar nicht mehr hinterfrage oder gar wertschätze.

Ich bin meist viel zu gestresst, um einmal innezuhalten und einfach mal an das zu denken, was für mich mittlerweile ganz natürlich geworden ist. Doch diese Eiserne Hochzeit hat mich wieder daran erinnert, dass ich mich mit allem, was ich habe, glücklich schätzen kann. Und dazu gehört auch, dass ich hier auf dieser Seite seit mehr als drei Jahren meine Gedanken veröffentlichen kann.

Und ich freue mich darüber, dass Menschen diese Zeilen lesen und so davon erfahren, wie genial ich es finde, dass meine Großeltern sich vor 65 Jahren bei minus 20 Grad und selbstgebranntem Schnaps das Ja-Wort gegeben haben und seitdem verheiratet sind. Und dass das alles gar nicht so selbstverständlich ist.

Bis zum nächsten Mal,

Euer Steffen

Schlagworte:
 
Steffens UNIversumBlogKolumne

Mehr zum Thema