feedback
Home
24. Januar 2012  
Steffens UNIversum vom 24. Januar 2012

Die Märkte

Unser Blogger Steffen hat Die Märkte getroffen und war mit ihr ein Bier trinken.

Die Märkte. Jeder hat schon einmal von ihr gehört, schließlich taucht sie in den Medien immer wieder auf – doch niemand weiß, wer Die Märkte eigentlich ist. Und das möchte ich ändern, schließlich durfte ich sie neulich kennenlernen:
Ich habe Die Märkte getroffen, einfach so an einer Straßenecke: Sie kam auf mich zu und wollte mir ein Bier verkaufen. Ich sah erst sie an, dann das Bier und stellte fest, dass sich in der Flasche keine Flüssigkeit befand. Ich konnte es nicht fassen: Sie wollte mir das Bier leerverkaufen.

Ich lehnte ab, und die Märkte wirkte sofort ziemlich heruntergestuft. Ich fragte, ob alles in Ordnung sei und lud sie auf ein Bier ein."Danke für das Angebot und natürlich auch der Nachfrage", sagte sie. "Das würde sich jetzt wirklich rentieren." So gingen wir zusammen in die nächste Gast-Wirtschaft, ich bestellte zwei Biere, und dann platzte es aus ihr heraus: "Ach, ich stecke momentan richtig tief in der Krise. Und meine beiden besten Freunde, die meine Gefühlswelt einigermaßen abbilden können, sind im Urlaub. Der Dax ist mal wieder auf Talfahrt und der Dow Jones befindet sich gerade auf ‘nem Höhenflug. Und wahrscheinlich kannst auch du mich nicht verstehen. So gut wie niemand tut das. Viele sagen, ich sei einfach viel zu kompliziert, versuchen erst gar nicht, zu begreifen, was in mir vorgeht, manche verstehen nicht einmal meine Sprache."

Sie schluchzte und vergrub ihr Gesicht in ihren Armen. Dann brachte der Wirt die zwei Biere, und plötzlich war Die Märkte nicht mehr in einer Depression, sondern befand sich im Aufschwung, die gute Laute boomte geradezu aus ihr heraus. "Danke, dass du mir das Bier subventionierst hast, du bist echt ein toller Hedge", frohlockte sie heiter und umarmte mich.

Ich war geschockt. Zwar hatte ich schon gehört, dass Die Märkte heftigen Stimmungsschwankungen unterliegt, aber das hätte ich nicht erwartet. Sie strich über meine Hand: „Hach, du nimmst einfach über 90 Prozent Anteil an meinen Gefühlen.“ Ich lächelte. „Nicht nur das“, sagte ich und legte ihren Kopf an meine Schulter."Hier hast du auch noch eine Anlage."

Doch als sie sich zu mir hinüberbeugte, kippte ihre Handtasche um und deren ganzer Inhalt breitete sich auf dem Flur aus: Neben Underwearung zum Wechselkursen und Vitamin-AAA-Tabletten lagen nun Unmengen an gebrauchten Finanzspritzen auf dem Boden. Die Märkte wurde sofort hypernervös und versuchte, ihre Sachen unter ihrem Arm zu bündeln. "Bitte hab jetzt kein falsches Rating von mir", stammelte sie. "Das wäre echt voll subprime." Doch bevor ich noch etwas sagen konnte, trat sie aus der Kneipen-Zone aus.

Ich überlegte, was ich tun sollte: Die Märkte hat offenbar eine sehr volatile Persönlichkeit. Vielleicht müsste sie ein wenig mehr reguliert werden, vielleicht sollte man auch einen Rettungsfonds für sie gründen. Doch dann dachte ich an die ganzen Experten, die sich mit ihr intensiv beschäftigt haben und schon seit Jahren dasselbe predigen. Und die können ja nicht falsch liegen. Ich trank also mein Bier und dachte ganz beruhigt:

Die Märkte, die regelt das schon.

Bis zum nächsten Mal,

Euer Steffen

Schlagworte:
 
WirtschaftBlogKolumne

Mehr zum Thema