Der Klügere tritt nach
Unser Blogger Steffen verrät uns diese Woche, wie man dank Schopenhauer selbst im hitzigsten Wortgefecht als Sieger vom Platz geht – auch ohne die nötigen Argumente.

Diskutieren ohne Hand und Fuß, dafür aber mit der verbalen Faust – unser Blogger Steffen folgt dem Rat "Schopi" Schopenhauers und wird persönlich, wenn ihm die Argumente ausgehen.
Ich kann manchmal sehr aufbrausend sein und mich unheimlich über einige Dinge aufregen. Dann muss ich weiter und weiter diskutieren. Und das hört erst auf, wenn ich einsehe, dass ich unrecht habe – was selten vorkommt. Oder wenn der andere einsieht, dass er unrecht hat – was noch seltener vorkommt. Denn seien wir doch mal ehrlich: Wer gibt schon gerne zu, dass er im Unrecht war? Es heißt zwar immer "Der Klügere gibt nach", aber könnte es nicht genauso gut heißen "Der Schwächere gibt nach"? Ich bin der Sache mal auf den Grund gegangen.
In einem lange zurückliegenden Germanistikseminar habe ich einmal Arthur Schopenhauers "Eristische Dialektik" gelesen. Dieser Begriff schreckt erst einmal ab. Doch was sich dahinter verbirgt, ist ziemlich genial: Der Philosoph, den ich der Kürze wegen meist einfach "Schopi" nenne, hat dort allerhand Kunstgriffe zusammengetragen, wie man aus einer Diskussion als Sieger hervorgehen kann.
Da wäre zum Beispiel Kunstgriff 27: "Wird bei einem Argument der Gegner unerwartet böse, so muß man dieses Argument eifrig urigiren: nicht bloß weil es gut ist, ihn in Zorn zu versetzen, sondern weil zu vermuten ist, dass man die schwache Seite seines Gedankenganges berührt hat und ihm an dieser Stelle wohl noch mehr anzuhaben ist, als man vor der Hand selber sieht." Klingt einleuchtend. Bis auf das Wort "urigieren" vielleicht. Aber gerade vor solchen hochtrabenden Wörtern sollte der geübte Redner sich in Acht nehmen, denn Kunstgriff 36 rät: "Den Gegner durch sinnlosen Wortschwall verdutzen, verblüffen."
Es gibt noch einige weitere Kunstgriffe (wer sich dafür interessiert, sollte einfach "Eristische Dialektik" googlen), aber der interessanteste von allen ist der Kunstgriff, den Schopi selbst einfach "Letzter Kunstgriff" nennt. Dieser lautet so: "Wenn man merkt dass der Gegner überlegen ist und man Unrecht behalten wird; so werde man persönlich, beleidigend, grob." Die Idee dahinter: Der Streit wird von der sachlichen auf die persönliche Ebene verlagert – und dort zählen Argumente nicht mehr. Als ich das zum ersten Mal las, habe ich das Sprichwort "Der Klügere gibt nach" noch einmal neu überdacht.
Denn ich habe schon oft erlebt, wie bei einem Streit einer der beiden Diskutanten plötzlich ausfallend und beleidigend wurde – und damit die Diskussion erstickte. Was aber macht nun der andere? Wenn er ebenfalls mit Beleidigungen antwortet, "so wird's eine Prügelei", schreibt Schopi selbst. Mein Gedanke daher: Der sprichwörtlich "Klügere" weiß, wohin die Diskussion führen wird, will den Frieden bewahren und gibt deswegen nach. Der Klügere ist daher nicht unbedingt der Schwächere, sondern vielleicht eher der Friedliebendere.
Nur ganz so einfach ist das auch wieder nicht. Denn Schopi rät weiterhin, am besten ohnehin nur mit solchen Leute zu diskutieren, "von denen man weiß, dass sie Verstand genug haben, nicht gar Absurdes vorzubringen". Auch wenn an dieser Aussage etwas Wahres dran ist, so ist sie doch ziemlich anmaßend, da man seinem Gegenüber den Verstand abspricht. Wenn einem also jemand den Spruch "Der Klügere gibt nach" entgegen pfeffert und damit die Diskussion beenden möchte, darf man seinem Gegenüber mit der Erlaubnis von Arthur Schopenhauers "Letztem Kunstgriff" zu sagen: "Du arrogantes Arschloch."
Und dann wird sich zeigen, ob er wirklich der Klügere ist.
Bis zum nächsten Mal,
Euer Steffen
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