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29. Mai 2012  
Steffens UNIversum vom 29. Mai 2012

Das Leben auf der Busrückbank

Ob als Oase der Tiefenentspannung oder als natürliches Biotop für soziologische Feldstudien – unser Blogger Steffen ist fasziniert von Bussen und den Fahrten, auf die sie ihn mitnehmen.
Studentenleben

Die Busrückbank als sozialer Brennpunkt? Unser Blogger Steffen erkundet in dieser Woche motorisierte Lebenswelten.

Ich fahre gerade Bus. Ja, genau, in eben jenem Moment, in dem ich diese Zeilen schreibe. Ich kenne viele Leute, die Busfahren nicht sonderlich mögen. Es heißt dann immer, man sitze den ganzen Tag nur herum, könne nicht wirklich schlafen und sei später wegen des ganzen Rumsitzens völlig verspannt. Wenn Sportler zu weit entfernten Auswärtsspielen angereist sind und in den ersten Minuten noch nicht ihre Höchstleistung erbringen können, sagt man meist, dass ihnen schließlich noch "die lange Busfahrt in den Knochen" sitze. Busfahren wird als Anstrengung verstanden.

Ich persönlich mag Busfahren.

Denn beim Busfahren habe ich eine Ausrede dafür, dass ich - gerade bei langen Strecken - den ganzen Tag lang nichts anderes mache, als Musik zu hören, zu lesen oder einfach nur aus dem Fenster zu gucken. "Machen" tue ich dabei im Grunde nichts, denn alle Bewegungsenergie entfällt auf den Bus und gewissermaßen auch auf den Fahrer. Aber trotzdem kann ich später sagen: Ich bin den ganzen Tag lang Bus gefahren - als ob das irgendeine anstrengende Tätigkeit gewesen wäre und mir diese "noch immer in den Knochen" sitze.

Es gibt aber noch etwas, was mich am Busfahren fasziniert, nämlich die Abbildung der Gesellschaft. Ungefähr bis Ende der Schulzeit gibt es eine klare Aufteilung des Busses: Ganz hinten auf der Rückbank sitzen die, die sich cool fühlen. Die Sitze vor der Rückbank werden von den Freunden der Coolen belegt - und je weiter sie davon entfernt sind, desto weniger gehören sie dem Kern der Clique an. Ganz vorne hingegen sitzen diejenigen, die sich bewusst von der Hinterbank abgrenzen möchten. Das sind nicht per se Streber oder Schleimer - die sitzen eher ganz vorne direkt neben der Lehrerin oder dem Betreuer - sondern die "andere" Clique, die nichts mit dem aus ihrer Sicht kindischen Gehabe der "Coolen" zu tun haben will. In der Mitte verteilen sich dann diejenigen, die so recht keiner Clique angehören: gute Freunde, die sich einen Zweiersitz sichern, oder Dreier- bis Fünfer-Zirkel, die sich so neben- oder hintereinander sitzen, dass sie miteinander reden oder Karten spielen können.

Ich habe in meinem Leben so ziemlich alle Positionen eingenommen, je nachdem mit welcher Gruppe ich unterwegs war. Jetzt sitze ich gerade in der Mitte und habe meiner Sitznachbarin meine Bus-Soziologie geschildert. Sie kann dem Ganzen ziemlich gut zustimmen, hat jedoch noch eine Ergänzung: Bei einem Sicherheitstraining an ihrer Schule hat der Vortragende über das Benutzen von öffentlichen Bussen referiert. Auch die Rückbank spielte dabei eine Rolle. Denn dort säßen, so der Dozent, die Drogenabhängigen, die Kleinkriminellen und die Asozialen; zu Vergewaltigungen und Diebstählen komme es daher hauptsächlich im hinteren Bereich des Busses. In der Erwachsenenwelt, so der Dozent, heiße die Rückbank daher Loser-Bank.

Ich musste schmunzeln, dachte daran, wer früher hinten saß und wer seinen Platz bis heute nicht gewechselt hat - und ich dachte auch an die, die sich ganz von der Rückbank verabschiedet haben. Ich glaube, während der Schulzeit ist es nicht schlimm, hinten zu sitzen. Doch ich glaube noch etwas anderes: Je älter man wird, desto mehr sollte man sich überlegen, ein bisschen weiter nach vorne zu rutschen.

Bis zum nächsten Mal,

Euer Steffen

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