Vorbilder aus zwei Welten
Viele Jugendliche mit ausländischen Wurzeln (Migrationshintergrund) entscheiden sich gegen ein Studium. Den einen fehlen Vorbilder und Unterstützer, den anderen das Geld. Hochschulangebote und Stipendien bieten Hilfe.Maurice Wojach
Yunus’ Vater musste immer schwer schuften. Der ehemalige türkische Gastarbeiter hat sein halbes Leben in einem Bergwerk in Gelsenkirchen gearbeitet. Rein in die Grube, raus aus der Grube – Tag ein, Tag aus. Yunus’ Mutter arbeitet als Hausfrau. Fragen rund ums Studium können beide ihrem 18-jährigen Sohn nicht aus eigener Erfahrung beantworten.
Dafür war sein Nachbar Murat für Yunus ein tolles Karriere-Beispiel: „Murat hat sein Abi gemacht, Pharmazie studiert und hat eine eigene Apotheke. Der hat’s echt geschafft!“
Bald hat auch Yunus sein Abi in der Tasche, danach will er Polizeibeamter werden, vielleicht über ein FH-Studium. Für einen Jugendlichen mit ausländischen Wurzeln ist das nicht selbstverständlich. Viele entscheiden sich gegen ein Studium – zum Beispiel, weil ihnen die Vorbilder fehlen und sie sich den Gang an die Hochschule nicht zutrauen. Bundesweit haben zwar mehr als zwanzig Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund – aber gerade mal elf Prozent der Studenten.
Netzwerke unterstützen Jugendliche mit Migrationshintergrund in Schule und Studium
Verschiedene Netzwerke und Projekte haben es sich daher zum Ziel gesetzt, Migranten ihre Berührungsängste vor einem Studium zu nehmen. Die „TD-Plattform“ (Türkisch-Deutsche Studierende und Akademiker Plattform) hat beispielsweise das Ziel, Kontakte zwischen Schülern, Studenten, Absolventen und Personen aus der Wirtschaft und dem öffentlichen Leben zu knüpfen und junge Deutschtürken in Schule, Studium und Beruf zu unterstützen. So stehen Schülern in Köln, Oberhausen und Duisburg beispielsweise Mentoren zur Seite und Workshops offen, die über Studienorganisation oder akademische Berufe informieren.
Und auch das Projekt „Schülercampus – Mehr Migranten werden Lehrer“ will Jugendliche fürs Studieren begeistern – und zwar für Lehramtsstudiengänge. Derzeit haben nur rund ein Prozent der Lehrer in Deutschland einen Migrationshintergrund – dabei werden mehr von ihnen dringend gebraucht. Wenn zum Beispiel ein Mädchen mit Kopftuch nicht am Schwimmunterricht teilnehmen soll, können muslimische Lehrer das mit den Eltern besser besprechen. Und sie kennen die Gefahr, dass sich Grüppchen bilden. „Es gibt Landsleute von mir, die halten sich von Deutschen fern und sprechen miteinander nur Türkisch“, sagt auch Yunus. Bis ins Berufsleben hinken manche Migranten, die in zwei Sprachwelten leben, sprachlich hinterher.
- Teil: Vorbilder aus zwei Welten
- Teil: Stipendium als Stütze
- Studieren in Norddeutschland 2011: Neue Heimathäfen
- Studieren in Westdeutschland: Hochburg der Hochschulen
- Nightline – Lebenshilfe von Studenten für Studenten: Brandbekämpfung am heißen Draht
- Studieren in Süddeutschland: Der Süden ist spitze
- Studieren in Ostdeutschland: Gute Lehre für kleines Geld


