Kolumne vom 28.11.2008 - Themenfindung
Im Namen der Wissenschaft bringen sich so manche Professoren und Doktoranden um den Schlaf. Dass es darunter sogar welche gibt, die sich auf einen nächtlichen E-Mail-Verkehr mit ihren Studenten einlassen, hätte ich aber nicht gedacht. Und ich hoffe, dass sie es in Zukunft auch bleiben lassen. Es gibt schließlich Menschen, die schlafen wollen.
Vor ein paar Tagen habe ich das gemacht, was ich vorschriftsmäßig vor einigen Wochen hätte tun sollen: Eine Mail an meine Dozentin verfassen, in der ich aufführe, für welches der Referatsthemen – und damit auch Thema der Hausarbeit – ich mich entschieden habe. Bis nachts wurde ich wieder von den altbekannten Gedanken heimgesucht, die mich stets vor der absoluten Zusage (schon das Wort klingt beängstigend endgültig) zu einem Kurs quälen. Diese Gedanken sagen mir, dass ich keine Lust auf ein Seminar habe, das mit so viel Anspruch verbunden ist. Dann sei der Zeitpunkt – direkt nach den Weihnachtsferien – denkbar schlecht, schließlich wollte ich doch Skifahren gehen und auch ansonsten dem hübschen Wörtchen Freizeit frönen. Habe ich die ersten Zweifel überwunden, geht es gerade weiter: Welches Referatsthema soll ich wählen? Oh Gott, die sind alle viiiel zu komplex! Da werde ich mich mit allen dazugehörenden Peinlichkeiten blamieren. Roter Kopf, stottern und den Faden verlieren (wenn überhaupt je vorhanden).
Zweifel über Zweifel
Inzwischen weiß ich, dass ich diese Phase der unumgänglichen Zweifel schnellstens durchmachen muss, um mich irgendwie selbst zu überlisten. Nachdem mir also um elf Uhr spät bewusst wurde, dass ich mich, wenn nicht jetzt, nie für diesen Kurs einschreiben würde, habe ich schnell eine Auswahl getroffen. Mit einem Klick war die E-Mail abgesendet und alles entschieden. Ein gutes Gefühl! Eigentlich hätte ich jetzt guten Gewissens schlafen gehen können, hätte mein Computer nicht fünf Minuten später dieses Geräusch gemacht, mit dem er mir frisch eingegangene Mails verkündet. Tatsächlich hatte mir meine Dozentin geantwortet. "Leider sind Sie etwas spät dran", begann die Mail. Klar, das wusste ich schon. "Alle die von Ihnen bevorzugten Referatsthemen sind leider schon vergeben", war der nächste Satz und eine Art Schockmoment. Na spitze! Jetzt würde ich mich wieder stundenlang damit beschäftigen, mich vom gedanklichen Durchgehen der Referatsliste abzuhalten, was natürlich nicht gelingen würde.
Etwas verärgert beschloss ich, es diesmal anders zu machen und trommelte (mir selbst Entschlossenheit zeigend) eine Antwort in die Tasten. Unglaublicher- und bedauerlicherweise schrieb die Dozentin sofort zurück. Und wieder und wieder. Jeder Vorschlag meinerseits wurde mit Bedauern abgelehnt und ihre Vorschläge musste ich entschuldigend zurückweisen. Es ist nunmal, das sollte man wissen, ungeschriebenes Gesetz, dass Profs einem stets das Thema ans Herz legen, das wirklich NIEMAND machen möchte. Nichtsahnend fühlt man sich anfangs geschmeichelt, wenn da steht: "Ist nicht ganz einfach, aber ich denke, Sie schaffen das." Beim Bearbeiten des angepriesenen Textes ist man dann verzweifelt und am Ende einfach nur wütend. Das war ich in dem Moment, als ihre dritte Mail mein Postfach erreichte ebenfalls und verfluchte solch arbeitswütige Akademiker. Wer weiß, ob sie ahnte, dass man nachts ermüdete Gemüter besser überzeugen kann und sich deshalb so ins Zeug legte. Jedenfalls kam von mir irgendwann nur noch ein kapitulierendes "Okay" für Vorschlag Nummer drei. Man kann schließlich immer noch krank machen, wenn es so weit ist, tröste ich mich jetzt.
Bis nächste Woche
Eure Carla
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Kolumne vom 21.11.2008 - Jugendsprache
Sprachwissenschaften an der Uni, das bedeutet zumindest im Grundstudium eine Menge staubtrockener Grammatik, die über das Niveau der Schule weit hinausgeht. Wem es so ging wie mir, die schon Schwierigkeiten damit hatte, die berühmten vier Fälle in der richtigen Reihenfolge aufzuzählen, musste sich ordentlich dahinter klemmen. Jetzt, im Hauptstudium, zeigt sich das Teilfach des Germanistik-Studiums allerdings von einer äußerst sympathischen Seite. Es werden zum Beispiel Fragen gestellt, die man sich selbst schon so oft im Stillen (eingequetscht in einer U-Bahn zwischen tausenden von Schülern) überlegte: Warum gibt es eigentlich so viele Wörter, die man nur versteht, wenn man in der pubertären Phase steckt? Und genau damit beschäftigt sich ein Professor.
Ja, wirklich! Die Teilnehmer seines Seminars zur Erforschung der Jugendsprache – darunter also ich - müssen Lexika zum Jugend-Slang durchforsten, junge Menschen auf der Straße befragen und Nachwuchsrapper unter die Lupe nehmen. So – im wahrsten Sinne des Wortes – lebendig kann Wissenschaft sein. Das war auch mein erster Gedanke, als ich vor zwei Monaten das Vorlesungsverzeichnis durchblätterte. Die Wahl fiel nicht schwer, wenn man bedenkt, dass sich die anderen Kurse mit Dingen wie syntaktisch minimalistischen Strukturen und Lautformung innerhalb der Landesgrenzen befassen. Wir dagegen müssen uns den Kopf darüber zerbrechen, weshalb es vor ein paar Jahren noch cool war, „smoken“ zum Zigaretterauchen zu sagen, während es heute schon ziemlich out ist und man eher eine „dämpfen“ geht. Mein Prof, völlig verzweifelt, meint stets, dass er gar nicht mehr „up to date“ sei. Ist ja auch nicht ganz einfach. Jedes Jahr, so steht’s im Lexikon zur Jugendsprache geschrieben, erweitern die kreativen Heranwachsenden eine Vielzahl der langweiligen Basiswörter um spannend bis mysteriös klingende Synonyme. So zum Beispiel der „Vollhorst“ für den Deppen. Vielleicht, weil dieser Name zu sehr deutsch klingt, oder einfach, weil sie einen besseren zu haben glaubten, nahmen die jungen Amerikaner im Jahr 2007 lieber den allseits bekannten „George Bush“ als Idiot- Alternative. Einfach „pfostig“, der Typ!
Gestern stand dann ein Referat zur lexikalischen Einordnung der Jungspundsprache auf dem Programm. Damit wir nicht „abschimmelten“ hatten die Vortragenden einen Film parat, in dem Jugendliche auf der Straße interviewt wurden. Was Jugendsprache denn genau sei, wurden sie gefragt. Daraufhin hagelte es…gar nichts: „Boa, alta, ey, kein Plan, mann!“
Mehr kam da schon, wenn es um die Abendgestaltung ging: „Also freitags so voll fett am Chillen und so mit meinen Homies, alta, und wir brennen uns Einen, also, ohne dass wir uns jetzt jedes Mal die Lampen ausknipsen und so und dann gucken, was so abgeht, so. Manchmal ist auch kein Cash am Start, weisst du, alta.“. Man schwankte zwischen völligem Nichtverständnis und einem gewissen Schmunzeln, weil man doch selbst unter Germanisten noch so oft „chillt“.
Vielleicht ist das aber auch ganz gut so. Dann versteht man immerhin noch ein bisschen was von dem, was die eigenen Kinder später einmal sagen werden. Und apropos Zukunft: Schlimmes schwant mir bei dem Gedanken an die Hausarbeit. Wie soll ich es bloß schaffen, Sätzen wie den obigen auf die Grammatik hin zu untersuchen? Subjekt, Prädikat, Verb… Alle Regeln dahin!
Bis nächste Woche,
Eure Carla
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